LUXEMBURGCHRISTIAN BLOCK

Im Gespräch mit drei jugendlichen Asylbewerbern

Für sie ist es eine Geduldsprobe: Anne, Marie, beide 16 und Guélord*, 18 sind vor ungefähr drei Jahren nach Luxemburg gekommen. Die drei Jugendlichen haben sich eingelebt, gehen zur Schule, hängen mit Freunden ab, planen ihre Zukunft - gleichzeitig müssen sie ständig damit rechnen, dass ihr Antrag, zu bleiben, abgelehnt wird.

„Un monde à part“

An den Tag ihrer Ankunft erinnern sie sich klar und deutlich: Guélord ist mit dem Freund seines Vaters die weite Reise aus der Demokratischen Republik Kongo angetreten. Auf mehr oder weniger improvisierten Wegen trifft er im November 2010 in Luxemburg ein.

Für den jungen Afrikaner, der ein Leben lang nur Sonne gekannt hat, ein Schockerlebnis auf mehreren Ebenen. Bei gefühlten Temperaturen um Null, nur leicht bekleidet im T-Shirt wandelt er durch die Straßen der Hauptstadt, von etlichen ihn für verrückt erklärenden Blicken beäugt. Immerhin spricht er Französisch, findet sich so leichter zurecht, zumindest besser als Marie, aus dem Kosovo und Anne aus Albanien, die ein Jahr zuvor zwar in Begleitung ihrer Familien angereist sind, sich aber allein mit ihren Englischkenntnissen durchschlagen müssen.

Das Gefängnisgefühl

Nach der Befragung im Ministerium führt der Bus ins „Foyer“. Es ist wieder eine befremdliche Situation. Das gemeinsame Essen, das sie, teils aufgrund des ungewohnten Geschmacks, teils aus Ankunftsstress, kaum herunterbekommen. Darüber hinaus werden Ausgänge notiert und kontrolliert, eine Frist wird bis Mitternacht gewährt. Wer zu spät zum Essen kommt, muss sich ohne durchschlagen. „Wir haben nicht gedacht, dass es so schwierig werden würde“, sagen Anne und Marie.

Ablenkung bietet die Schule, auch wenn das zunächst Zeit braucht. Jugendliche Immigranten bis 17 Jahre werden vom „Casna“, die „Cellule d’accueil scolaire pour nouveaux arrivants“, auf ihre Schul- und Sprachkenntnisse hin bewertet und an Sekundarschulen im Land vermittelt.

Der erste Schultag in Luxemburg, Anne und Marie erinnern sich, „zu aufgeregt“ gewesen zu sein. Auch wenn Mitschüler und Lehrer einen netten Eindruck hinterlassen, Sprachbarrieren zu überwinden kostet Mut. Erst nach ein bis zwei Monaten leben sie sich allmählich ein. Vor allem aber lernen sie Portugiesisch. Anne erzählt, dass sie in ihrem ersten Jahr auf der „Accueil“-Klasse mehr Portugiesisch gelernt habe als Französisch, noch heute versteht sie rund 40 Prozent. Ein Verhältnis, das sich in den Folgejahren ausgleicht: Heute sprechen alle drei fließend Französisch.

Trotzdem liegt ihnen ein Anliegen nahe: die mangelnde Förderung des Luxemburgischen. Der Unterricht in der Schule sei gut, reiche aber bei Weitem nicht aus. Was wirklich helfe sei, im Umfeld die Sprache zu praktizieren. Guélord aber sagt, dass er sich in einem fast ausschließlich frankophonen Milieu bewegt. „Von morgens bis abends spreche ich nur französisch. Warum gibt es diesen geschlossenen Kreis?“, fragt er. Diese Vernachlässigung zieht noch einen weiteren. Weil ihnen die Muttersprache fehlt, finden sich alle drei in ihren Weiterbildungsmöglichkeiten eingeschränkt. Überall werden Luxemburgisch-Kenntnisse vorausgeschickt. Gleiches gilt für das Deutsche, das Wege versperrt: eine Besonderheit des luxemburgischen Bildungssystems. „La seule chose qu´on peut faire c´est coiffeuse“, sagt Anne frustriert, und meint damit Asylbewerber wie auch Einwanderer aus Portugal oder Frankreich.

Alle drei aber streben nach mehr: Anne will ihre Studien fortsetzen und Buchhaltung lernen. Auch Guélord will sich nicht mit einem CCP zufriedengeben. Nur: „Le luxembourgeois c´est la chose qui bloque tout“, sagt Guélord. Für ihn stellen sich mit Blick in die Zukunft zusätzlich andere Probleme. Er, der mit 25 Euro im Monat allein über die Runden kommen muss, wüsste im Augenblick nicht, wie er sich seine Studien finanzieren sollte. Darüber hinaus verbleibe er „un peu dans le vide“, da er immer noch keine Antwort vom Ministerium bekommen hat, ob er bleiben darf oder nicht.

„Il faut rester prêt“

Eine glatte Untertreibung. Während er Pläne schmiedet, könnte jeder Tag die Aufenthaltsverweigerung eintreffen. Im Heim hat er diese Situationen miterlebt, wenn morgens um fünf Uhr zwei Polizisten im Zimmer stehen. „Du planst zwei Jahre deine Zukunft und morgen kommt jemand mit der Aufforderung, die Sachen zu packen“. Eine Situation, die er mit „la tête qui chauffe“ beschreibt.

Auch für Anne und Marie ist eine Rückkehr unvorstellbar, sie wären erneut Flüchtlinge im Geburtsland: „Drei Jahre, das ist schon ein bisschen Leben“, sagt Marie. Fragt man sie, warum es ihnen hier gefällt, sagen sie: „Es ist sicher auf den Straßen, auch nachts.“ „Ich habe hier noch nie einen Schuss feuern hören“, sagt Guélord. Die wirtschaftlichen Verhältnisse seien zudem verhältnismäßig gut, sie fühlen sich wohl und ganz nebenbei: mittlerweile klappt es auch mit der hiesigen Küche.

Ihr einziger Wunsch demnach: eine rasche Antwort. von der „administration lourde“, hinter deren Fassade für sie nicht nachvollziehbare Prozeduren ablaufen.

Dass es ihnen im Lycée Technique du Centre wie auch im Land allgemein gefällt, daran besteht kein Zweifel. Besonders in der Anfangsphase bietet die Schule eine sichere Struktur in mitunter chaotischen Leben der Familien, die anderswo keine Perspektive mehr hatten.

Für Anne Botzem, die seit mehr als 20 Jahren als
Assistante sociale und seit 2007 im LTC arbeitet ist es eine „spannende“ Arbeit. Das Lyzeum, das eine
Unmenge an Nationalitäten jeden Tag aufs Neue zusammenbringt, kann dabei auf eine langjährige
Erfahrung zurückgreifen. Die Betreuung der Jugendlichen zu Fragen zum Schulsystem oder aber ganz praktischen Problemen gehört zu ihren Aufgaben. Das Team versuche, den Jugendlichen so viel wie möglich mitzugeben. Eine nicht immer einfache Aufgabe, da die Schüler oft nur für wenige Wochen oder Monate da sind und das Land anschließend wieder verlassen müssen. Seit dem vergangenen Jahr kommen auch mehr Jugendliche aus Krisengebieten an, die unter Umständen eine besondere psychologische Betreuung benötigen.
*Namen von der Redaktion geändert