LUXEMBURG
PASCAL STEINWACHS

Schwere Vorwürfe gegen Präsident Kartheiser - Colombera stellt Ultimatum

So hatte sich die adr ihr Jubiläumsjahr bestimmt nicht vorgestellt. Nachdem sie im letzten Monat noch in Anwesenheit des Großherzogs und des Parlamentspräsidenten ihr 25-jähriges Bestehen feiern durfte, steht sie seit gestern vor einem Scherbenhaufen. So kündigte der als eher liberal geltende Abgeordnete Jacques-Yves Henckes gestern Mittag in einem Interview mit dem soziokulturellen Radio an, seine Partei verlassen und bis zu den Landeswahlen von 2014 als unabhängiger Abgeordneter im Parlament bleiben zu wollen. Als Begründung gab Henckes unüberbrückbare Differenzen zwischen ihm und Parteipräsident Fernand Kartheiser an, der ultra-konservative, ultra-katholische und europaskeptische Positionen vertreten würde.

Letzterer hatte sich im Rahmen der Abstimmung über die Abtreibungsreform als einziger der 60 Abgeordneten über die Anwesenheit der erzkonservativen Vereinigung „Pro Europa Christiana“ erfreut gezeigt, die an diesem Tag eine friedliche Demonstration mit einer peinlichen Gegendemonstration störte, was dann auch der endgültige Auslöser für die gestrige Entscheidung von Henckes gewesen sein dürfte. Jacques-Yves Henckes konnte sich aber schon seit langem nicht mehr mit der Politik der neuen adr unter Kartheiser identifizieren, was er gegenüber der Presse dann auch immer wieder deutlich zum Ausdruck gebracht hatte.

Geht Jean Colombera als Nächster?

Unzufrieden ist aber auch der adr-Abgeordnete Jean Colombera, der seinem Präsident gestern ein Ultimatum von einem Monat gab, eine liberalere Position zu gesellschaftspolitischen Fragen wie der Homo-Ehe einzunehmen, ansonsten er die Partei ebenfalls verlasse.

Eine Kursänderung von Fernand Kartheiser ist aber wohl trotzdem nicht zu erwarten. Uns gegenüber bedauerte er gestern Abend den Rücktritt von Jacques-Yves Henckes; jetzt müsse er schauen, ob und in welcher Form eine Zusammenarbeit mit Henckes im Parlament möglich ist. Seine Aufgabe als Parteipräsident sei und bleibe aber dafür zu sorgen, dass seine Partei sich an ihr Wahlprogramm halte, das heißt an ihr Versprechen gegenüber dem Wähler.

Vizepräsident Gatti wirft ebenfalls das Handtuch

Eine andere Möglichkeit wäre indes, wenn Fernand Kartheiser als Präsident zurücktreten würde und diesen Job dem belieben Gruppenanführer Gast Gibéryen überlassen würde, der schon einmal Ende der 80er Jahre Vorsitzender des damaligen Aktionskomitees „5/6 Pensioun fir jiddfereen“ war.

Am Abend wurde dann auch noch bekannt, dass auch Marco Gatti, das ist immerhin einer der Vizepräsidenten der Partei, seinen Parteiaustritt bekannt gab. Schlimmer könnte sich die Lage bei der adr momentan wirklich
nicht darstellen.

Wie es aussieht, dürfte die selbst ernannte Reformpartei demnächst nur noch mit zwei Abgeordneten auf Krautmarkt vertreten sein - wenn nicht auch noch Gast Gibéryen genervt das Handtuch wirft...