LUXEMBURG
SVEN WOHL

Ein Blick auf den „Hugo Award“-Gewinner der Kategorie Kurzroman:„All Systems Red“ von Martha Wells

All Systems Red“ von Martha Wells ist der Beweis dafür, dass eine gut erzählte Geschichte nicht unbedingt komplex sein muss. Nein, sie muss nicht einmal auf eine komplizierte Art und Weise erzählt werden. Der erste Teil der „Murderbot Diaries“-Reihe glänzt vor allem durch seinen Protagonisten. Dass dieser Sicherheitsroboter sich selbst den Namen „Murderbot“ verpasst, sagt bereits einiges aus. Er ist natürlich kein normaler Sicherheitsroboter, sondern hat sich selbst gehackt. Hauptsächlich, um Zugriff auf das gesamte Entertainment-Angebot des Unternehmens, für das er arbeitet, zu erhalten.

Zügig erzählt und rasend witzig

Für einen Murderbot bringt er dementsprechend wenige, beziehungsweise keine, Menschen um. Er soll für die Sicherheit einer kleinen Forschungskolonie auf einem fremden Planeten sorgen. Was für eine längere Zeit ein sehr ruhiger und angenehmer Job ist, bei dem sich Murderbot auf die Filme und Serien konzentrieren kann, die er runterlädt, entwickelt sich sehr schnell zu einer rasanten Achterbahnfahrt. Denn eine Verschwörung hat es auf sein Team an Wissenschaftlern abgesehen und so wenig er auch möchte, muss er diese beschützen.

Martha Wells muss man zugestehen, dass sie diese an sich einfache Idee mit viel Können umsetzt. Der erste gelungene Griff: Die Wahl einer Ich-Erzählung. Auch wenn es nichts Neues für das Genre ist, in den Kopf eines Roboters zu schlüpfen, ist Murderbot etwas Besonderes. Denn sein halb-zynischer Humor - der zweite Glücksgriff! - würzt die Erzählung gehörig. Nicht nur mit Tempo, sondern auch mit Humor. Dass Murderbot vieles auslässt, was in einer menschlichen Erzählung vorhanden wäre, beschleunigt das Erzähltempo und lässt einen die teils mangelnde Substanz durchaus verzeihen. Wenn die Ich-Narration wie beispielsweise bei „MedSystem was advising a tranq shot and blah blah blah [...]“ einfach abdriftet, sind Lacher garantiert. Die oftmals übermäßig technische Konkurrenz wird da gleich mit parodiert. Bemerkungen wie „The sense of urgency just wasn’t there. Also, you may have noticed, I don’t care“ fügen sich hier nahtlos ein.

Auslassungen lassen vieles offen

Dadurch, dass unzählige Details offen bleiben, wird den Lesern ein grob skizziertes Universum geboten. Das hat seine Vorteile: Wo Science-Fiction sich sehr gerne zu viel Zeit nimmt, um sein Universum zu erklären, kommt Martha Wells gleich zur Sache. Gelegentlich wird der Geschichte doch etwas Tiefe gegönnt: Konkurrierende Unternehmen, die Planeten kolonisieren erinnern an die Kapitalismuskritik des „Alien“-Universums. Die selbstverneinte Menschlichkeit des Protagonistin klingt nach einem Echo der gesamten Geschichte des literarischen Genres, die in dieser Hinsicht mindestens bis Isaac Asimov zurückreicht. Freilich wird diesen Aspekten nicht viel Platz eingeräumt. Auf der anderen Seite: Das braucht der erste Teil von vier auch nicht unbedingt. Trotz seines offenen Schlusses lässt sich der Kurzroman auch separat ganz gut lesen. Am Ende gewinnt er schlagartig an Tiefe und lässt erahnen, dass im Kontext der Reihe mehr zu erwarten ist, als die gelungene Kurzweil des ersten Teiles.

All Systems Red: The Murderbot Diaries“ von Martha Wells ist in der englischen Originalausgabe bei TOR-Books erschienen. ISBN 978-0765397539, 154 Seiten.


Ebenfalls erhältlich:

„Artificial Condition: The Murderbot Diaries“ (Teil 2), ISBN 978-1250186928 (160 Seiten).

„Rogue Protocol: The Murderbot Diaries“ (Teil 3), 978-1250191786 (158 Seiten).

Der vierte Teil „Exit Strategy“ soll am 2. Oktober 2018 erscheinen.