ECHTERNACH
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Ex-Skispringer Sven Hannawald über sein Burnout und wie er es ins Leben zurückschaffte

Mit Siegen in allen vier Wettkämpfen der Vierschanzentournee wurde Sven Hannawald 2001/2002 zur Sportlegende - bis heute hat ihm das nur einer nachgemacht. Doch das Ausnahmetalent konnte dem Leistungsdruck eines Spitzensportlers nicht standhalten: Er, der in der DDR aufgewachsen war und immerzu gefordert wie gefördert wurde, musste seine Karriere im Jahr 2004 beenden, nachdem sich Symptome einer Burn-out-Erkrankung zeigten.

„So war es nun einmal, es war hart“, sagt Hannawald, der im Trifolion in Echternach einen Vortrag zu Burn-out hielt, im „Journal“-Gespräch. Nach erfolgreicher Therapie und jahrelanger Rehabilitation ist er heute TV-Experte für den Olympiasender Eurosport und gefragter Talkgast.

Herr Hannawald, Sie waren bei den letzten Olympischen Winterspielen in Südkorea als TV-Experten für die Skisprungwettbewerbe dabei. Wie war dies für Sie?

Sven Hannawald Es war einfach super. Als ehemaliger Skispringer, der nun auf der anderen Seite steht, habe ich viele Dinge gelernt. Es war eine tolle Erfahrung.

Sie können Skispringen mittlerweile als Beobachter genießen? Oder juckt es immer noch etwas?

Hannawald Ja, genießen schon - auch wenn es mich natürlich noch etwas reizt. Genießen aber auch, weil der notwendige Abstand heute da ist. Den hatte ich nach meinem Klinikaufenthalt noch nicht. Ich wollte da unbedingt wieder Skispringen. Der Kopf beschäftigte sich da wieder sofort mit dem Sport. Doch ich habe schnell gemerkt, dass die Unruhe wieder aufkommt und dass ich so nicht in der Lage bin, den Sport wieder auszuüben. Wenn heute ein Springer einen Topsprung hinlegt, dann erinnere ich mich natürlich an bestimmte meiner Momente von früher.

Das Jahr 2002 mit dem Tourneesieg, dem olympischen Mannschaftsgold, dem Weltmeistertitel im Skifliegen war das beste Jahr Ihrer Karriere. Zwei Jahre später beendeten Sie die Saison vorzeitig und lassen sich in einer Klinik stationär wegen Burn-out therapieren.

Hannawald Ich muss ganz einfach sagen, dass ich erfolgskrank war. Ich war ja gut, hatte Talent und irgendwann auch einen Vorteil gegenüber meinen Konkurrenten. Und diesen Vorteil wollte ich unter keinen Umständen verlieren. Ich wollte nicht verlieren. Wenn ich verliere, drehe ich durch. Damals habe ich versucht, jeden sportlichen Rückschlag mit noch mehr Aufwand und Eifer wettzumachen. Irgendwann ging nichts mehr. Dann bin ich in die Klinik gegangen. Ohne die professionelle Hilfe wäre ich nicht mehr auf die Beine gekommen.

Wie hat sich das für Sie dargestellt?

Hannawald Schon vor der großen Erfolgssaison hat es erste Anzeichen der Erkrankung gegeben, das weiß ich jetzt im Nachhinein. Doch kaum jemand konnte diese Symptome damals direkt richtig zuordnen. Dass man Probleme hat, merkt man erst gar nicht, ganz im Gegensatz zu Fieber oder einem Bruch, das macht einen direkten körperlichen Unterschied. Kopfbedingte Probleme, wie Burnout oder auch entsprechende Depressionen, äußern sich in einem schleichenden Prozess. Alles begann mit einer körperlichen Müdigkeit. Hinzu kam das Unruhegefühl, dass ich eben schon erwähnt habe. Wenn ich eine Pause gemacht habe, hat mein Kopf nicht mitgespielt. Als ich dann aber der Unruhe nachgegeben und wieder viel trainiert habe, war ich im Endeffekt natürlich körperlich noch müder - ein regelrechter Teufelskreis.

Ihr Leben geriet komplett aus den Fugen…

Hannawald Ja. Nach der Diagnose Burnout im Jahr 2004 war der achtwöchige Klinikaufenthalt unvermeidbar. Dadurch habe ich recht schnell einen Abstand zu allem gewonnen. Ich war weg vom Skispringen, in einer anderen Welt. Für den Körper und den Kopf war das ein Start in ein ganz neues Leben. Ein Leben, aus dem ich als Profisportler meine große Leidenschaft, das Skispringen, verbannen musste, um nicht wieder in alte Muster zu verfallen. Ich habe gelernt, dass die vier Säulen Gesundheit, Familie, Beruf und Hobbies ein stabiles Lebensfundament bilden müssen. Früher hatte ich nur Beruf und Familie, und dies in einem Verhältnis von 90 Prozent Beruf zu zehn Prozent Familie.

Was können Sie heute Ihren Zuhörern in knappen Worten bei Ihren Vorträgen und auch Seminaren mit auf den Weg geben?

Hannawald Es kann jeden treffen - und hört auf eure innere Stimme. Ich habe es erfahren: Zuerst macht es Spaß, doch dann wird aus dem Spaß Ernst, und man muss lernen, damit umzugehen. Früher hatten Beschäftigte eher die Möglichkeit, einmal im Arbeitsalltag durchzuatmen. Heute ist das so gut wie gar nicht mehr möglich. Daher sind auch regelmäßige Pausen unerlässlich, um seine gesunde Lebensbalance zu finden.