ANNETTE WELSCH

Fundamental und mit allen Akteuren möchte Wohnungsbauminister Marc Hansen die Problematik rund um den Mangel an Sozialwohnungen angehen. Gestern hatte er vom Fonds du Logement über Caritas bis hin zu Vereinigungen ohne Gewinnzweck wie „Wunnengshëllef“ zum Rundtischgespräch geladen - und der Saal war voll. Vor allem Angestellte aus dem Sozialbereich waren gekommen. Das Thema berührt, macht aber auch hilflos. „Wir können keine Perspektiven bieten“, hieß es. Kein Mensch, der verzweifelt eine Wohnung sucht, könne verstehen, wenn man ihm etwas von einer Warteliste erzählt. Wenn die staatliche Wohnungsbaugesellschaft dann von fünf Jahren Wartezeit für eine staatlich subventionierte Wohnung spricht, frustriere das enorm.

Viel zu lange wurde das Problem ignoriert und vieles lief bislang schief. So war es möglich, dass jemand eine staatlich - bis zu 75 Prozent - subventionierte Sozialwohnung kaufte, sie zehn Jahre nutzte und dann mit ordentlich Gewinn auf dem freien Markt verkaufte. Das ist natürlich nicht im Sinne des Erfinders, denn so ging sie für die weitere Nutzung als Sozialwohnung für Bedürftige verloren und die Subvention verschwand in der Tasche. Man hörte auch immer wieder von Wohnungen des Fonds du Logement, die für Sozialfälle schlicht nicht bezahlbar waren und dann an Leute verkauft wurden, die sich ohne Probleme auch auf dem ersten Wohnungsmarkt ein Dach über dem Kopf hätten leisten können.

Dass die Frauenhäuser Frauen, deren Lebenssituation so weit geregelt ist, dass sie sich außerhalb der Struktur ein Leben aufbauen könnten, aus Wohnungsmangel nicht ins Leben entlassen können und so Platz für die wahren Notfälle zu machen, ist bekannt. Nun kommen noch die Flüchtlinge mit Bleiberecht dazu, die die Notunterkünfte unnötig belegen und auf den Wohnungsmarkt drängen. Caritas-Vertreter Robert Urbé äußerte gestern die Hoffnung, dass die Gemeinden nun vermehrt Wohnraum anbieten nach dem Motto: „Wenn wir etwas für die Flüchtlinge tun, müssen wir auch für unsere Leute etwas machen“. Das mag zynisch klingen, ist aber durchaus zu begrüßen, um den sozialen Frieden zu erhalten.

Nur zwei Prozent der derzeit verfügbaren Wohnungen sind Sozialwohnungen. Das reicht lange nicht mehr in einem Land, in dem 16 Prozent der Bevölkerung dem Armutsrisiko ausgesetzt sind. Und viele, die heute eine Sozialwohnung beantragen, suchen lediglich erschwinglichen Wohnraum, keine staatlich subventionierte Sozialwohnung und schon gar keine soziale Betreuung. Aber die Wohnkosten werden zunehmend zur Armutsfalle. Wo ist die Grenze? Der Versuch, den sozialen Wohnungsbau und wer Zugang dazu haben sollte zu definieren, den wahren Bedarf zu beziffern, allein die Frage zu beantworten, ob Sozialwohnungen nur temporär zur Verfügung gestellt werden sollen oder ein Leben lang, konnte gestern nur oberflächlich angerissen werden. Klar wurde: Der Sektor steht enorm unter Druck und die so genannten „sozialen“ Kunden haben es immer schwerer, weil die „normalen“ Kunden auf diesen zweiten Wohnungsmarkt drängen. Viele Fragen sind offen, aber zumindest ist die Grundsatzdiskussion eröffnet.