LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Uni-Doktorandin Anna Monzel bekommt Lush-Wissenschaftspreis für Mittelhirn-Modell

Parkinson erforschen und gleichzeitig Tieren helfen: Das geht, wenn man Biologie studiert und neue Wege geht. Anna Monzel vom „Luxembourg Centre for Systems Biomedicine“ (LCSB) an der Universität Luxemburg hat in ihrer Doktorarbeit ein dreidimensionales Zellmodell entwickelt. Es stellt ein Modell des menschlichen Mittelhirns dar und soll zunächst bei der Erforschung der Parkinson-Krankheit zum Einsatz kommen. Ihre Ergebnisse stellte sie zusammen mit anderen Forschern im Rahmen der Forschungsgruppe „Developmental and Cellular Biology“ zusammen. Für die Entwicklung und künftige Anwendung des Mittelhirn-Modells als Alternative zu Tierversuchen bekam die Doktorandin jüngst den „Young Researchers Prize“, einen Wissenschaftspreis der Kosmetikfirma Lush. Wie ihr Zellmodell eigentlich funktioniert, warum es Tierversuche überflüssig und Parkinsonmedikamente besser machen könnte, erklärt die 28-Jährige aus Trier im Interview.

Du hast im Rahmen Deiner Doktorarbeit ein 3D-Zellkulturmodell des menschlichen Mittelhirns entwickelt: Wieso ausgerechnet das Mittelhirn?

ANNA MONZEL Ich erforsche die Parkinson-Krankheit und da ist besonders das Mittelhirn betroffen. Bei Parkinsonpatienten sterben bestimmte Zellen im Mittelhirn ab, sodass es einen Mangel an Dopamin-produzierenden Zellen gibt. Dopamin ist maßgeblich an der Steuerung von Bewegungen beteiligt, die bei Parkinson eingeschränkt werden. Warum aber einige Zellen im Mittelhirn absterben und andere nicht, untersuchen wir in dem Projekt.

Was ist das Besondere an Deinem Modell?

ANNA Klassischerweise wurden Zellen in einer Petrischale zweidimensional wachsen gelassen, also als einzellige Schicht. Unsere Hypothese aber war, dass diese Modelle nur bedingt die Zellumgebung des menschlichen Körpers simulieren, also haben wir die Zellen dreidimensional wachsen lassen. Bei einem dreidimensionalen Modell kann man mehr Interaktion und Kommunikation zwischen den Zellen beobachten und es bilden sich verschiedene Zelltypen, was wir in den 2D-Modellen so nicht beobachten konnten.

Wie sieht das aus?

ANNA Die Zellen betten wir in eine proteinhaltige Matrix ein, ähnlich wie Gelatine, dort heften sich die Zellen an und wachsen in drei Dimensionen. Was sich nach mehreren Wochen herausbildet, sind verschiedene Zelltypen, die charakteristisch für das menschliche Mittelhirn sind.
Was wird durch dieses Zellmodell möglich?

ANNA In dem Modell konnten wir zeigen, dass die Mittelhirnzellen miteinander kommunizieren und auch Dopamin produzieren. Im nächsten Schritt möchten wir nun untersuchen, ob wir das tatsächliche Krankheitsbild nachstellen können, also ob die Dopamin-produzierenden Zellen von Parkinsonpatienten auch in der Versuchsschale sterben. In Zukunft können wir mit diesem Modell dann die Wirkweise von Medikamenten untersuchen - ganz ohne Tierversuche.

Aber bisher wird Parkinson in Tierversuchen erforscht?

ANNA Ja, es gab viele Medikamententests an Tieren, vor allem an Mäusen. Man hat ihnen Stoffe gegeben, die diese Schwäche hervorrufen. Aber deren Gehirnentwicklung ist komplett anders, ebenfalls die Komplexität. Es gab viele Medikamente, die an Tieren positiv wirkten, aber beim Menschen nicht den gewünschtem Effekt erzielt haben.

Was war Dein primärer Antrieb: Beitragen, dass Tierversuche weniger werden oder dass es Fortschritte in der Parkinsonforschung gibt?

ANNA Ich erforsche leidenschaftlich gerne die Ursachen von Krankheiten, aber an Tieren zu forschen steht für mich außer Frage. Aber ich kann verstehen, dass Tierversuche immer noch gemacht werden, denn der Umstieg in die Stammzellforschung ist teuer und viele Labore können nicht einfach wechseln. Daher ist es
auch nicht selbstverständlich, dass ich noch nicht einmal in den Konflikt kam, ob ich Tierversuche machen will oder nicht. Aber wir sind in einer Umbruchphase.

Der „Lush Prize“ ist mit 10.000 britischen Pfund dotiert. Wie weit kommst Du damit?

ANNA Forschung ist wahnsinnig teuer, aber es wird mir auf jeden Fall helfen. Ein Großteil der Forschungsgelder kommt auch vom luxemburgischen Staat. Wir sind dankbar für jedes bisschen Geld, das wir bekommen, da es die Prozesse im Labor beschleunigen kann.

Wie komisch ist es eigentlich, einen Wissenschaftspreis von einer Kosmetikfirma zu bekommen?

ANNA Am Anfang habe ich auch gestaunt, dass das von einer Kosmetikfirma kommt. Letztendlich ist es aber egal, ob es eine Kosmetikfirma oder ein anderer Geldgeber ist, es ist eine schöne Initiative. Sie setzen sich aktiv ein, damit Tiere nicht gequält werden - in der Kosmetikindustrie und in der Forschung.