LUXEMBURG
SVEN WOHL

Die Nachfrage ist groß, die Herausforderungen wachsen: Das Studium der Bibliothekswissenschaften lohnt sich deshalb umso mehr

Wer sich für ein Studium entscheiden muss, dem stellt sich die Frage, welche Studienrichtung einem am ehesten einen sicheren Arbeitsplatz einbringt. Oft übersehen wird das Studium für Bibliothekswissenschaften, Archivistik und Dokumentation. Wir führten ein Gespräch mit Anouk Stephano, Präsidentin der „Jonk BAD“-Vereinigung.

Was sind die Missionen, Aufgaben und Ziele der „Jonk BAD“?

Anouk Stephano Wir sind der luxemburgische Studentenzirkel für Bibliothekswissenschaft, Archivistik, und Dokumentation (deswegen B-A-D). Die „Jonk BAD“ hat drei Hauptmissionen: Wir machen Schülerinnen und Schüler auf die BAD-Berufe aufmerksam und unterstützen sie bei der Auswahl des Studiums und des Studienortes. Wir unterstützen Studierende der BAD-Berufe während des Studiums (Finden von Praktikumsplätzen, Studentenjobs, Bewerbungen, Neuorientierung) und wir sind eine stark vernetzte Gemeinschaft, die neuen BADs auch beim Berufseinstieg hilft. Um unsere Community zu stärken, bemühen wir uns, gemeinsam am kulturellen Leben teilzunehmen. Wir besuchen diverse Veranstaltungen (unter anderem. Lesungen und Ausstellungen), unternehmen Kino- oder Konzertbesuche, besichtigen kulturelle Institutionen und veranstalten BAD-Trips in Unistädte, um uns die jeweiligen Studienmöglichkeiten vor Ort anzusehen. Wir stehen auch in ständigem Kontakt mit den beiden Berufsvereinigungen ALBAD (Associatioun vun de Lëtzebuerger Bibliothekären, Archivisten an Dokumentalisten) und VLA (Veräin vun de Lëtzebuerger Archivisten). Da wir nur wenige sind, geht es uns in erster Linie um ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Es fehlt uns an Interessenten: Alleine für das Jahr 2017 gab es 120 potenzielle BAD-Arbeitsplätze (befristete und unbefristete Stellen) bei nur vier Diplomierten. Auch Quereinsteiger sind bei uns willkommen, denn egal in welcher Sparte man seinen Bachelor oder Master absolviert hat, ist es immer möglich, noch eine Spezialisierung in unserem Bereich hinzuzufügen. Es geht uns darum, Schülern und Studenten zu zeigen, wie vielfältig unsere Berufe sein können und wie breit gefächert unsere Tätigkeitsfelder ausfallen - und dabei natürlich die verstaubten Klischees unserer Sparten zu durchbrechen.

Sind Bibliotheken und Archive ein politisches Thema?

Stephano Ja, auf jeden Fall. Bibliotheken und Archive sind integrale Bestandteile einer Demokratie. Bibliotheken gewährleisten Zugang zu Informationen und Bildung für alle Bürgerinnen und Bürger; in Luxemburg ist die Nutzung der Bibliotheken kostenlos. Archive dienen der Rechtssicherung und Transparenz in einer Demokratie: Sie verwahren Dokumente, durch die einerseits die Arbeit der Verwaltung nachvollzogen werden kann (Transparenz), und anhand derer andererseits einzelne Bürgerinnen und Bürger Rechtsansprüche geltend machen können (Rechtssicherung). Die konkrete Rolle der Archive ist mittlerweile auch in Luxemburg durch das neue Archivgesetz gesetzlich festgehalten. Bibliothekare und Archivare sind diejenigen, die diese Funktion von Bibliotheken und Archiven gewährleisten müssen. Darum brauchen wir gut ausgebildetes Personal, welches diese Aufgaben übernehmen kann.


Sind Bibliotheken im Land sichtbar genug?

Stephano Leider nicht. Dies liegt zum einen daran, dass wir keine wirkliche Bibliotheks- beziehungsweise Archiv-Kultur haben. Zum anderen liegt es an dem tendenziell negativen - oder sagen wir veralteten - Bild solcher Institutionen. Viele glauben, dass Bibliotheken verschlafene Plätze sind, wo ausschließlich Bücher gelesen und aufbewahrt werden. Aber das ist weit gefehlt! Wie bereits erwähnt, arbeiten wir mit vielen verschiedenen Medien, wie zum Beispiel Zeitschriften, DVDs, CDs, Videospielen, Online-Datenbanken, Objekten, Manuskripten, etc. Auch Event-Management gehört zu unseren Aufgaben: Wir organisieren Lesungen, Konferenzen, Kolloquien, Cosplay-Workshops sowie Klassenführungen, um nur ein paar zu nennen. Zudem muss man ein Budget aufsetzen und verwalten können. Eine sehr wichtige Aufgabe besteht darin, unsere Dokumente, welcher Art sie auch seien, nach internationalen Normen zu katalogisieren und somit Nutzerinnen und Nutzern zugänglich zu machen. Es stehen auch Weiterbildungen, Versammlungen und andere Projekte an, wie beispielsweise einen Neubau zu planen. In der Fachliteratur werden Bibliotheken als ein „Dritter Ort“ bezeichnet. Gemeint ist hiermit ein Ort, an dem man sich trifft, Workshops besucht, Klassenarbeiten verrichtet, an dem öffentliche Diskussionen stattfinden oder Coding und 3D-Printen möglich sind (cf. Dokk1 in Aarhus, Dänemark). Leider sind sich viele Politiker - auch hier in Luxemburg - diesem Potenzial von Bibliotheken, Archiven und Informationszentren nicht bewusst, weshalb auch oftmals der politische Willen fehlt, es voll auszuschöpfen.

Welche Chancen und Gefahren ergeben sich in diesem Bereich durch die Digitalisierung?

Stephano Die Digitalisierung ist ein vielschichtiges und komplexes Thema. Ein paar Punkte dazu:

Auch wenn die Digitalisierungsmethoden immer weiterentwickelt werden, so ist eine komplette Digitalisierung aller physischen Dokumente in Bibliotheken und Archiven ein langwieriges und schwieriges Unterfangen, nicht zuletzt aufgrund des schieren Umfangs an vorhandenem Material. Man stellt sich Digitalisierung hauptsächlich unter dem Arbeitsschritt des „Scannens“ vor. Allerdings ist die Arbeit mit einem Scan noch nicht getan. Zuerst muss man wissen, was denn eigentlich digitalisiert werden soll. Einfach nur dieses Buch oder jenen Artikel oder Brief zu digitalisieren macht wenig Sinn, wenn es sich nicht um eine kohärente Sammlung handelt. Dies bedeutet natürlich, dass das Material von vornherein durchgesehen, katalogisiert, also beschrieben, und zudem auf mögliche Urheberrechts- oder Persönlichkeitsrechtsprobleme analysiert werden muss. Erst dann kann eine Digitalisierung erfolgen. Verschiedene Dokumente müssen zuerst aufbereitet werden und die Scans danach vor allem so beschrieben werden, dass man sie mit ihrem „analogen“ Zwilling in Verbindung bringen kann - Stichwort „Metadaten“. Viele Dokumente entstehen heute direkt digital, und müssen nicht erst digitalisiert werden. Hier ist es besonders wichtig, dass sie so betitelt und gespeichert werden, dass man sie in 20 oder 30 Jahren noch findet bzw. sie auch mit den neuen Technologien noch abrufbar sind (beispielsweise sind verschiedene Videoformate oder gar einfache Word-Dateien heute nicht mehr lesbar); auch das ist eine erforderliche Kompetenz von Archivaren und Bibliothekaren. Die Digitalisierung verhilft zwar zu einer größeren Visibilität der Dokumente, allerdings nicht unbedingt zu der Visibilität der Institutionen die dahinter stehen. Für die Forschung ist sie ein wichtiger Bestandteil, aber eben nur ein Element .

Zusammenfassend: Wenn man die BAD-Berufe von Außen betrachtet, so sehen sie im heutigen digitalen Zeitalter ganz anders aus, als wie man sich das in erster Linie vorstellt. Vor allem informatische Kompetenzen werden immer wichtiger. Man darf auf keinen Fall Angst vor Technik haben, denn ohne sie ist die Fülle an Informationen nicht mehr zu bewältigen. Schaut man sich die Aufgaben aber genauer an, bleiben sie im Grunde dieselben wie vor 100 Jahren: Bibliothekare, Archivare und Dokumentalisten managen Information: Sie sammeln sie und machen sie zugänglich.

Wer sich weiter über unsere Berufe informieren möchte, ist herzlich eingeladen, uns auf unserem Stand (8C19) während der „Foire de l‘étudiant“ vom 8.-9. November in der LuxExpo zu besuchen. Wir sind ebenfalls über info@jonkbad.lu oder Facebook „Jonk BAD“ erreichbar. Wir würden uns sehr über neue Kontakte und Interessenten in unseren Berufssparten freuen!