MERZIG
CHRISTIAN SPIELMANN

Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ im Merziger Zeltpalast

Als Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“, das auf dem Lustspiel „Belmont und Constanze, oder Die Entführung aus dem Serail“ von Christoph Friedrich Bretzner basiert, seine Premiere 1782 in Wien erlebte, war die Inszenierung ganz klassisch. Mittlerweile hat die Oper die unterschiedlichsten Inszenierungen erfahren. Für die Fassung im Merziger Zeltpalast, die am Freitag ihre Premiere feierte, haben die Schriftsteller Feridun Zaimoglu und Günter Senkel alle Dialoge gestrichen und durch Monologe von Bassa Selim ersetzt. Andreas Gergen hat einige neue Ideen in seine Regiearbeit einfließen lassen, wie eine unter Wasser stehende Bühne, sodass Mozarts Werk zum Schluss aussieht wie eine Mischung aus klassischer Oper und „Singin’ in the Rain“.

Bühne unter Wasser

Der aus Spanien in den Orient gezogene Bassa Selim (Boris Jacoby) ersteigert Konstanze (Robyn Allegra Parton) auf einem Sklavenmarkt, samt ihrer Zofe Blonde (Katharina Borsch) und dem Diener Pedrillo (Edward Lee), der auch Blondes Freund ist. Selims Palastwächter Osmin (Per Bach Nissen) hat ein Auge auf Blonde geworfen, die ihn jedoch abblitzen lässt und ihn zur Gegenwehr auf sein Gehabe mit einem Gartenschlauch bespritzt. Belmonte (Gyula Rab), Konstanzes Verlobter, hat seine Geliebte wiedergefunden. Pedrillo plant die Flucht aus dem Serail, die aber von Osmin vereitelt wird.

Während des ersten Akts stößt Osmin ein Fass um, aus dem Wasser auf die Bühne läuft. Im zweiten Akt steht das Wasser ein paar Zentimeter hoch, und die Zuschauer im Parkett könnten nass werden, wenn Pedrillo über die Spielfläche rennt oder er Osmin zu einem Weingelage überzeugt, mit dem Hintergedanken, Osmin einzuschläfern, damit sie fliehen können. Zum Schluss sorgt der Wächter noch für eine Überraschung, die dem Werk eine neue Perspektive verleiht.

Endlich mit Mikrofonen

Positiv ist der Einsatz von Mikrofonen. Musik und Gesang dringen ausgeglichen in den Zuschauerraum und sorgen für ein besseres Verständnis der Arientexte, auch wenn die Arien der zwei Damen nicht immer klar zu verstehen sind - das ist eben so in Opern!

Selim ist der Beobachter seiner eigenen Geschichte. Seine Monologe, die eigentlich die Geschichte erklären sollten, sind meist Überlegungen zu den zwei Religionen Islam
und Christentum oder den Gepflogenheiten des Adels, die oft scheinheilig rüberkommen, als sei er nie ein Christ oder ein gut situierter Spanier gewesen. Er müsste ebenfalls wissen, dass Konstanze Angst vor den ihr unbekannten Sitten hat, und er ihr seine guten Absichten eindringlicher
erklären müsste. Zudem lodert die Liebe zu Belmonte in ihr weiter, was ihn zu dem finalen Akt der Güte bewegt. Somit tut ein Nicht-Opernkenner zum besseren Verständnis
gut daran, vor dem Besuch die Geschichte nachzulesen wie einige Arientexte.

Die fünf Gesangsrollen - Selim singt nicht - sind ausgezeichnet besetzt, und alle meistern ihre Partituren. Besonders Edward Lee sieht man eine leicht sarkastische Freude an, über die nasse Bühne zu rennen oder gar zu schwimmen, um so die Zuschauer in den ersten Reihen nass zu machen.

Der gebürtige Merziger Kapellmeister Stefan Bone hat das 39-Mann Orchester fest im Griff. Seine Einsätze an das Ensemble gibt er via Fernsehschirm. Selbst wenn die Monologe nicht ganz den Zweck erfüllen, überrascht die Merziger Entführung mit ihren neuen Ideen.

Gespielt wird noch bis zum 9. September. Angelo Pollak und Silja Schindler spielen an verschiedenen Abenden den Belmonte und die Konstanze.

Weitere Informationen und Tickets unter www.musik-theater.de