FRANKFURT
KARLA PAUL

In der Weltliteratur zu Hause: Georgien zeigte mit 70 Autoren Präsenz

Waren Sie schon einmal in Georgien? Seit 1988 wählt die Buchmesse Frankfurt zu ihrem jährlichen Auftritt einen internationalen Partner, dessen AutorInnen und Bücher vermehrt Aufmerksamkeit sowie eine eigene Präsentation in der Gastlandhalle erhalten. Die ehemalige Sowjetrepublik Georgien wurde für 2018 benannt und als ich vor wenigen Monaten in den Südkaukasus reiste, war mir sowohl das Land als auch dessen Literatur nahezu fremd.

Nur die inzwischen in Hamburg lebende Autorin Nino Haratischwili fiel mir ein, welche 2014 mit dem knapp 1.300 Seiten dicken Roman „Brilka – Das achte Leben“ (FVA) die Leserschaft im Sturm eroberte – sechs Generationen osteuropäischer Krieg und Frieden, spannend, blutig, ein leidenschaftliches Bild eines konfliktgeprägten Jahrhunderts. Nun erschien mit „Die Katze und der General“ der Nachfolgeroman, der es sogar bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte und Haratischwili sprach gemeinsam mit ihrem georgischen Kollegen Aka Morchiladze bei der Eröffnungsfeier der Messe als Gastrednerin. Der Historiker ist einer der berühmtesten Schriftsteller seines Landes und schrieb mit „Santa Esperanza“ seine eigene literarische Legende – der Roman über ein erfundenes Inselreich besteht aus 36 Heften, die in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können, vollgepackt sind mit Anspielungen und Querverweisen auf die Weltliteratur und nebenbei noch sehr unterhaltsam die Geschichte Georgiens erklären. Sogar eine eigene Buchhandlungskette in der Landeshauptstadt Tbilisi (dt. Tiflis) ist nach dem Bestseller benannt. Überall trifft man auf Fans. Überhaupt ist der Literaturmarkt dort zuletzt deutlich gewachsen. Dass sich deutsche Leser nun für das Land und seine Bewohner interessieren, ist nur folgerichtig. 

Lëtzebuerger Journal

Komplizierte Situation

Die politische Lage in Georgien war und ist kompliziert – die Abgrenzung zu den Nachbarländern Russland, der Türkei und Armenien sowie Aserbaidschan beruht auf jahrtausendealten Konflikten, die bis heute immer wieder aufbrechen. Die Demokratie wird auch nach der Rosenrevolution 2003 von Wahlbeobachtern weiterhin skeptisch gesehen, was die Pressefreiheit mit einschließt. So lassen viele SchriftstellerInnen lieber ihre Texte sprechen. Einer dieser Autoren ist der Dramatiker Davit Gabunia, der mit „Farben der Nacht“ (Rowohlt) einen ebenso gesellschaftskritischen wie spannenden Roman in klassischer Hitchcock-Manier geschaffen hat – sicherlich einer der am leichtesten zugänglichen und modernsten Titel.

Viel älter, genau genommen über 800 Jahre alt, ist die Sage „Der Held im Pardelfell“, derer sich der FAZ-Journalist Tilman Spreckelsen für Galiani Berlin angenommen hat. Als Nationalepos gilt die Erzählung von Schota Rustaweli, vergleichbar mit unseren Nibelungen oder sogar der Odyssee, in denen zwei Liebespaare sich – wir ahnen es – erst nach einigen Abenteuern einen dürfen. Illustriert wird die Neuinterpretation von Kat Menschik, deren Grafiken sonst große Modezeitschriften oder Titelblätter zieren und die der alten Geschichte modernen Glanz und bunte Spannung verleiht. 

Lëtzebuerger Journal

Schwer zu fassende Literatur

Wie klingt sie denn nun, die georgische Literatur, wie fühlt sie sich an? Sie ist schwer zu fassen, ebenso wenig wie das Land selbst. Dutzende Kulturen hinterließen im Lauf der Jahre ihren Einfluss in den Bewohnern und deren Geschichten. Wir finden vielseitige Erzähler, spannende Kriminalromane sowie romantische Liebesgeschichten, die aufgrund jahrhundertelanger Kriege und gewalttätiger Zerwürfnisse selten unblutig enden.

Aber die Gastfreundschaft ist groß, lassen Sie sich ein auf die Menschen und ihr traditionell über Stunden und mit vielen Gängen gemeinsames Essen, die sogenannte Festtafel „Supra“. Wer meint, sich bei Gelagen im Süden schon vorbereitet zu haben, wer gern nach Griechenland, Italien, Spanien fährt, dem sei nun das klimatisch und kulinarisch ähnliche Georgien an Herz und Magen gelegt. Bereits nach wenigen Tagen vor Ort war ich ebenso satt wie hungrig, auch die bisher gelesenen Titel und Gespräche verstärken eher die zusätzliche Verlockung auf das, was dieses Land und dessen Literaten uns noch zu erzählen haben.

Wenn Sie sich ebenso wild und bunt hineinstürzen wollen, probieren Sie die Erzählungsbände „Bittere Bonbons“ (edition fünf) sowie „Georgien. Eine literarische Reise.“ (FVA). Auch der Luxemburger Verlag Capybarabooks bietet zwei Besonderheiten: die Journalistin Eva Dietrich verbrachte mehrere Monate in Tiflis und drehte einen Dokumentarfilm über ihre Zeit, die Erlebnisse, die Erfahrungen. Die gleichnamige Geschichtensammlung „Das fremde Gewürz“ zeigt mit Bild und Text Wissens- und Lesenswertes. Ebensolches gilt auch für „Bushäuschen in Georgien“ von Verleger Georges Hausemer, der unerwartet vor zwei Monaten verstarb und so den vermittelnden und erzählenden Erfolg auf der Buchmesse leider nicht mehr erleben konnte.

Mit den Worten „So wie die Literatur zu meiner persönlichen Brücke wurde, glaube ich, dass sie auch Länder vereinen kann" eröffnete Nino Haratischwili letzte Woche die Frankfurter Buchmesse. Eine Einladung, der wir gern Folge leisten.

 Viele weitere Informationen: www.georgia-characters.com