LUXEMBURG
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Am Sonntag ist der internationale Tag der Menschen mit Behinderungen, der dieses Jahr unter dem Motto „Übergang zu einer nachhaltigen und stabilen Gesellschaft für alle“ steht. Begangen wird er seit 1993, in Folge einer Resolution der Vereinten Nationen, damit jedes Jahr weltweit die Anliegen der behinderten Mitbürger verstärkt diskutiert werden. Bereits 1981 hatten die Vereinten Nationen ein „Internationales Jahr der Behinderten“ ausgerufen, der zu einem Aktionsplan für die Stärkung ihrer Rechte führte. 1983 bis 1993 war sogar das „Jahrzehnt der behinderten Menschen“. Die Arbeiten in diesem Rahmen flossen in jene ein, die 2006 zur internationalen Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen führten, die 2008 in Kraft trat. Noch keine wurde so schnell von so vielen Ländern unterzeichnet und ratifiziert. Auch Luxemburg war unter den ersten Unterzeichnern, das Land hat die Konvention 2011 ratifiziert. Es gab Fortschritte, aber es gibt auch noch viel zu tun, wie aus verschiedenen Beiträgen hervorgeht, die wir im Rahmen unseres „Thema vum Dag“ gesammelt haben. In Luxemburg wird der internationale Tag der Menschen mit Behinderung am Sonntag vor allem im hauptstädtischen Bahnhofsviertel gefeiert: Dort lädt „Info-Handicap“ zum Event „Inklusiv Jugend“. Rendez-vous im Sport- und Kulturzentrum in der Strassburger Strasse im Bahnhofsviertel. http://www.info-handicap.lu/index.php/fr-FR/971-inklusiv-jugend-03-12-17de-9h-17h-centre-culturel-et-hall-omnisports-lux-gare

„Leider noch kein Automatismus“: Info Handicap wünscht sich, dass die Anliegen von Behinderten systematisch  bei der Gesetzschreibung in Betracht gezogen werden

Informieren, sensibilisieren, orientieren, helfen und weiterbilden: Das sind die Aufgaben von Info-Handicap, der nationalen Plattform für Behinderung, die seit 1993 im Einsatz ist. Seither habe sich viel getan, um den Anliegen der Behinderten stärker Rechnung zu tragen und die Betroffenen würden auch immer mehr eingebunden in die Ausarbeitung von Gesetzestexten.
Es gibt aber noch „Luft nach oben“, sagen Direktor Olivier Grüneisen sowie Vera Bintener und Andrea Di Ronco vom juristischen Informationsdienst, die sich wünschen, dass es quasi zu einem „Automatismus“ wird, die Auswirkungen einer Gesetzesvorlage oder der Vorlage einer großherzoglichen Verordnung auf Behinderte zu prüfen. Kürzlich etwa hatte eine Verordnung für Aufsehen gesorgt, laut der Rollstühle ohne Kopfstütze nicht mehr im öffentlichen Transport zugelassen wären. Dabei haben herkömmliche Rollstühle keine. Nachdem eine Betroffene nicht in einen Bus zugelassen wurde wegen der fehlenden Kopfstütze an ihrem Rollstuhl, wurde die Verordnung schnell nachgebessert.
Bei öffentlichen Bauvorhaben und der Wahl von Ausrüstungen etwa für öffentliche Transportmittel wünscht sich Info-Handicap den gleichen „Denk-an-die-Behinderten“-Reflex. Bei der Tram zum Beispiel habe man zunächst Haltestangen eingeplant, an denen sich Sehbehinderte hätten stoßen können. Auch hier wurde nachgebessert. Man müsse sich fragen, was besser und billiger sei: zunächst über mögliche Probleme mit den Betroffenen zu sprechen und ihre Bedürfnisse danach in die Ausschreibungen einzubauen, oder nachträglich umzubauen.

„Die Schule ist das Fundament“

Der Zugang zu öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln aber auch zur Information über Verwaltungsabläufe oder das politische Geschehen - Info-Handicap sieht hier über die begrüßenswerte Anerkennung der Gebärdensprache und den verstärkten Einsatz von Gebärdendolmetscher weiteren Handlungsbedarf um Dokumente auch nicht-sehenden oder nicht-hörenden Mitbürgern in verschiedenen Sprachen zugänglich zu machen - ist allerdings laut der Vereinigung nur ein Teil der Bemühungen für die Inklusion.
„Die Schule ist das Fundament“, meint Vera Bintener. Es müsse alles daran gesetzt werden, behinderte Schüler in „normale“ Klassen zu integrieren und nicht „Silo“-Klassen zu schaffen. Laut Info-Handicap verringert das nämlich deutlich die Chancen der Integration in den Arbeitsmarkt. Im Arbeitsrecht sind für staatliche Verwaltungen und Privatunternehmen ab 25 Mitarbeitern Behindertenquoten an der Belegschaft vorgeschrieben. Allerdings würden diese zu selten respektiert, sagt Info-Handicap, auch weil es keine Kontrollen und kaum Sanktionen gebe. Während die Plattform sich wünscht, dass hier genauer hingeschaut wird, um zu vermeiden, dass behinderte Mitbürger mit Ausbildung meist außen vor gelassen werden und wenn sie keinen Platz in einem spezifischen Atelier finden und trotz ihrer Ausbildung zuhause sitzen, schlägt die Vereinigung vor, auch stärkere Anreize zu schaffen für solche Arbeitgeber, die bereit sind, sie einzustellen. Dabei denkt Info- Handicap weniger an fiskalische Maßnahmen als zum Beispiel an staatlich geprüfte „Coaches“, welche dafür sorgen könnten, die Voraussetzungen für eine gute Integration der behinderten Person in den Betrieb zu schaffen. Integration und Inklusion hätten auch viel mit Anerkennung und Selbstwertgefühl der Betroffenen zu tun, sagen die Experten von Info-Handicap. Luxemburg habe noch viel zu tun, um diese zu fördern.

ZAK steht vor allem für eines: Für Zusammensein

Zu den eher jungen Behindertenorganisationen - was schon falsch ist, denn es handelt sich schon dem Namen nach um einen Verein der alle mit einschließt, gehört ZAK. Die Abkürzung steht für nichts anderes als für „Zesummen aktiv!“ Behinderte und Nichtbehinderte verbringen ihre Freizeit miteinander.
ZAK hat in diesem Jahr den 9. Geburtstag gefeiert. Der Verein wurde von einer Gruppe Trainer, Sportlern mit und ohne geistige Behinderung und Eltern gegründet, die einen neuen, einen anderen Weg gehen wollten. Der Begriff und der Wille zum „Zusammen“ sein stand und steht bei allen Aktivitäten im Zentrum. Es wird kein Unterschied gemacht. Integration und Inklusion sollen konsequent gefördert werden. In der Praxis gelingt das durch gemeinsame Unternehmungen von Nichtbehinderten mit den geistig Behinderten, ganz egal ob es sich um eine Kulturveranstaltung, einen sportlichen Wettkampf oder ein soziales Ereignis handelt.
ZAK ist streng ehrenamtlich organisiert. Engagierte und vor allem kompetente Trainer und Betreuer sorgen dafür, dass ZAK reibungslos funktioniert, unterstützt von jungen Enthusiasten, die sich in ihrer Freizeit für eine größere Akzeptanz von geistig Behinderten in der Gesellschaft engagieren. Der Verein funktioniert dank privater Spenden und einiger Sponsoren.
Beim Sport liegen die Schwerpunkte auf Basketball, Schwimmen und Fitnesstraining. ZAK gehört dem luxemburgischen Basketballverband an. Dort spielen je eine Jungen- und eine Mädchenmannschaft aus Behinderten und Nichtbehinderten in der Liga der „Cadets“ mit. Außerdem wird viel und ausdauernd gewandert. Besonders interessant sind die Ferienfreizeiten, die ZAK veranstaltet. Sei es im Winter zum Ski-Fahren, sei es im Sommer irgendwo am Strand. Infos zu den Trainingszeiten und allen Angeboten von ZAK finden sich auf der Webseite www.zak.lu    

Disconachmittage für Menschen mit Beeinträchtigung: Feiern inklusive

Party machen, richtig auf den Putz hauen: Beim „Discotisme“-Projekt von „Autisme Luxembourg a.s.b.l.“ werden Disconachmittage für alle Menschen organisiert. Das heißt, Menschen mit und ohne Beeinträchtigung feiern zusammen in Lokalen wie dem „Tilt Club“ in den Rives de Clausen in Luxemburg-Stadt, im „Beim Hollänner“ in Wickrange, in der „Schimmelkescht“ oder im Kultursaal „Op der Fabrik“ im Préizerdaul. Für die Feiern lassen sich auch gleich mehrere Discjockeys der Großregion gewinnen: DJ Dee, DJ Brave oder DJ Mani legen für die Gäste auf. In diesem Jahr gab es gleich vier Events, die aus Inklusionsgründen immernNachmittags stattfanden.
Das habe einen einfachen Grund, denn nachmittags gebe es einfach mehr Möglichkeiten, um sich zur Feier zu begeben, wie die Organisatoren erklären. Es sei wesentlich einfacher, eine Transportmöglichkeit am Nachmittag zu organisieren – auch für Betreuungseinrichtungen oder größere Gruppen, die zusammen zu den „Discotisme“-Veranstaltungen kommen wollen. Das betonen auch die Organisatoren: „Es ist nicht so, dass Menschen mit einer Beeinträchtigung nicht wissen, wie man feiert – ganz im Gegenteil. Es scheitert eher an den Möglichkeiten wie dem Transport“. Vor Ort wird dann darauf geachtet, dass alles behindertengerecht vonstatten geht und  jeder mitmachen kann; gleichzeitig biete „Discotisme“ keine eigene Betreuung an. Menschen, die einer Betreuung bedürfen, sollten diese also mitbringen. Ohnehin ist „Discotisme“ aber als völlig inklusives Projekt gedacht, das sich an alle Menschen richtet. So geht Inklusion.      

Wunn-Comité“ ermöglicht mehr Selbstbestimmung der Bewohner von „Ligue HMC“-Wohnstrukturen

Die „Ligue HMC“ hat insgesamt sechs Wohnstrukturen, in denen Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung leben. Drei dieser Häuser bieten jeweils zwischen acht bis elf Personen eine 24-Stunden-Betreuung. In den anderen drei Häusern wohnen insgesamt 18 Personen, die eine Semi-Autonome-Betreuung erleben. Darüber hinaus bietet die „Ligue HMC“ auch einen „Service D’Accompagnement et de suivi“ (SAS) an, bei dem 34 Personen in ihren Wohnungen ambulant betreut werden.
Seit Ende 2016 funktioniert das „Wunn-Comité“, ein Bewohnerbeirat, der es ermöglicht, dass die Bewohner ihre Anliegen, Wünsche und Belange hervorbringen sowie sich selbst, ihr Wissen und Erfahrungen in Entscheidungsprozesse mit einbringen können. Diese Form der Inklusion ermöglicht es ihnen, die Zukunft der „Ligue HMC“ mitzubestimmen. „Sie haben so einen direkten Einfluss und sprechen mit einer Stimme, wodurch sie auch mehr bewegen können als eine einzelne Person“, erklärt Claude Reuter, Koordinator der Soziopädagogik der „Ligue HMC“. Das Komitee mit seinen Statuten wurde 2016 von den Bewohnern selbst gestaltet und ausgearbeitet.
Aus den Wohnstrukturen sowie aus dem SAS werden Vertreter gewählt, die im „Wunn-Comité sitzen und für die Interessen ihrer Mitbewohner eintreten. „Bei ihrer Arbeit werden sie durch mich unterstützt. Dabei bleibe ich aber neutral und lasse meine eigene Meinung nicht mit einfließen“, betont Reuter. Das „Wunn-Comité“ wird etwa von der Direktion von „Ligue HMC“ in die Planung von Veranstaltungen miteinbezogen - etwa das diesjährige Sommerfest - oder sie machen der Direktion Vorschläge oder laden diese zu Versammlungen ein, um auf Fragen eingehen zu können. Des Weiteren arbeitet das „Wunn-Comité“ in verschiedenen Arbeitsgruppen der „Ligue HMC“ zu aktuellen Themen.

„Nëmme mat eis“: „Eine Reform des Vormundschaftsrechts ist überfällig“

„Wir haben eigentlich keine Wishlist“, sagt Patrick Hurst, der Präsident der „Nëmme mat Eis asbl“, als wir ihn dazu befragten, was er sich zum Internationalen Tag der behinderten Personen wünsche. Die Vereinigung wünscht sich schlicht, dass die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vollständig umgesetzt wird - eine Dauerbaustelle fürwahr!
„Nëmme mat Eis“ ist eine behinderungsübergreifende Selbstvertreterorganisation, die von und für behinderte Personen gegründet wurde und die sich zum Ziel gesetzt hat, die Umsetzung besagter UN-Konvention zu beobachten und durch verschiedene Aktionen positiv zu begleiten.
In diesem Sinne hat sie auch einen so genannten „Schattenbericht“ erstellt, der 2016 mit Unterstützung von Info-Handicap und Familienministerium fertiggestellt wurde und den Vereinten Nationen überreicht wurde. Vor allem wünscht sich Hurst aber eine stärkere Einbindung von Behinderten in die politischen Entscheidungsprozesse, dass es zum Reflex wird, die Anliegen der behinderten Personen bei der Gesetzgebung und der Planung von öffentlichen Gebäuden etwa, in Betracht zu ziehen und dass es zu einer Reform des Vormundschaftsrechts kommt, in dem seit 1982 ein „Status quo“ herrsche.
Es gebe demnach noch viel zu tun, sagt Hurst, es sei aber auch viel bewegt worden in den vergangenen Jahren. Besonders hebt er dabei die offizielle Anerkennung der Gebärdensprache hervor. Und hofft, dass auch mehr junge Menschen sie lernen.