LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Der Bankenverband ABBL ist frustriert wegen der schlechten Beziehungen zur Universität

Gestern hat die Dekanin der Fakultät für Wirtschaft, Recht und Finanzen in einem Interview im „Journal“ dargelegt, was sich seit ihrem Amtsantritt vor einem Jahr getan hat. Serge de Cillia, CEO des Bankenverbandes „Association des Banques et Banquiers, Luxembourg“ (ABBL) sieht das anders und bedauert, dass es bislang fast keinen Kontakt zwischen dem Finanzsektor und der Universität gab, und vor allem die erwarteten Lösungen nicht eingetroffen sind. Hier geht er auf die wesentlichen Probleme ein.

Herr de Cillia, wie ist das Verhältnis des Bankenverbandes zum Lehrstuhl für Recht, Wirtschaft und Finanzen und zur Universität?

Serge de Cillia Es ist nicht einfach, mit einer Universität zu reden, die so viele Entscheidungsträger hat: einen Rektor der Universität, eine Dekanin der Fakultät und einen LSF-Direktor - und man ist gezwungen mit allen dreien reden. Da die Universität im Umbruch ist, es personelle Um- und Neubesetzungen gab und nachdem ein neues Universitätsgesetz in Kraft getreten ist, fehlt oft die Zeit und die Planungssicherheit. Darüber hinaus funktioniert die Luxembourg School of Finance nicht so, wie eine solche Schule funktionieren müsste. Insgesamt kostet der Kontakt zwischen Universität, Studenten, Verbänden der Finanzwelt und vor allem den Betrieben, welcher extrem wichtig ist, sehr viel Zeit und es ist bislang wenig Konkretes dabei rausgekommen. Dazu kommt noch, dass Professoren andere Prioritäten und oft kein Verständnis für die Bedürfnisse eines internationalen Finanzplatzes haben.

Wie stehen Sie zur Luxembourg School of Finance, deren Gründung die ABBL ja selbst bewirkt hat?

De Cillia Die Luxembourg School of Finance (LSF) ist von der ABBL gegründet worden, um Talente für den Finanzplatz aus- und weiterzubilden. Die LSF existierte zunächst parallel zur Universität und wurde erst später integriert. Sie wurde mit klaren Vorstellungen gegründet: Talente ausbilden für den luxemburgischen Arbeitsmarkt, für Banken, Versicherungen, Fondsgesellschaften und Revisoren. Darüber hinaus sollte sie fundamentale wie auch angewandte Forschung betreiben. Bislang ist hier aber leider nichts herausgekommen. Das liegt auch daran, dass der damalige Direktor der LSF unsere Anliegen nicht berücksichtigt hat und sich auch nichts vorschreiben lassen wollte.

Hat die Integration der LSF in die Universität zu Änderungen geführt?

De Cillia Nein, weil danach die gleichen Leute weitergemacht haben, mit denen wir schon viel Zeit verloren hatten. Die Situation hätte kritisch hinterfragt werden und Assessments der verschiedenen Bereiche Lehre und Forschung hätte geben müssen. Aber das ist nicht geschehen. Jetzt passiert hoffentlich endlich etwas! Diese Woche saßen die Vertreter der Finanzindustrie erstmals mit dem Direktor der LSF, der Dekanin der Fakultät für Rechts-, Wirtschafts- und Finanzwissenschaften sowie dem Rektor zusammen. Ein solches Treffen hat es in den letzten 15 Jahren nie gegeben.

Wie lief der Kontakt bislang?

De Cillia Insgesamt nicht zufriedenstellend und für unsere Begriffe weiterhin zu schleppend. Das hat aber auch mit der Funktion des „Outreach Officers“ zu tun. „Outreach Officers“ sollten einen permanenten Kontakt zu Unternehmen und Verbänden pflegen, und letzteren einen Zugang zu Studenten ermöglichen. Der Austausch zwischen Uni und Industrie ist auch wichtig, um auf der Universitätsseite zu wissen, was die Bedürfnisse der Unternehmen sind, was für Talente sie suchen und um die Absolventen der Universität so vorzubereiten, dass sie schnell einen Job finden. In der Schule würde man sagen: Note ungenügend.

Welche Veränderungen wollen Sie?

De Cillia Wir haben den Universitätsvertretern gesagt, dass alles zu lange dauert, angefangen mit der Aktualisierung der Studiengänge. So verlangen wir seit Jahren einen eigenen Master im Bereich Risk Management, einer extrem wichtigen Funktion in der Finanzwelt. Andere Universitäten bieten das seit Jahren an. Darüber hinaus müssen wir die bestehenden Mastergänge anpassen und durch aktuelle Themen wie Fintech, Digitalisierung und nachhaltiges Finanzwesen ergänzen. Das wird dringend gebraucht. Des Weiteren werden auch kürzere Lehrgänge wie beispielsweise Zertifizierungen gebraucht. Wir sind froh, dass die Uni jetzt endlich den Vorschlag gemacht hat, in Arbeitsgruppen darüber zu reden. Wir haben Verständnis, dass wenn es um die Fragen der Ressourcen geht, man genau bewerten muss wie viele Professoren man für solche Programme braucht.

Was will die Universität in ihren Augen?

De Cillia Die Prioritäten sind die gleichen geblieben. Die Verantwortlichen der Universität reden vor allem von Forschung, uns aber geht es aber prioritär um Talente. Die brauchen wir unbedingt. Die Finanzwelt verändert sich sehr schnell und deshalb war es uns auch so wichtig, dass der neue Tarifvertrag Weiterbildung und neue Kompetenzen konsequent fördert. Der Finanzplatz steht und fällt mit seiner Erneuerungs- und Innovationsfähigkeit. Neben der Fundamentalforschung brauchen wir deshalb auch angewandte Forschung. Professoren hingegen wollen sich oft auf ihre Publikationen und ihre Forschung konzentrieren, die ihren Ruf in der akademischen Welt fördern. Man muss aber auch Forschung betreiben, die jungen Leuten etwas bringt und nicht nur zu einer Veröffentlichung im Ausland führt. Vor sechs Wochen hat Rektor Pallage in einem Interview mit dem „Lëtzebuerger Land“ gesagt: „Die Universität steht im Dienste des Landes.“ Dazu gehört vieles. Neben Logistik, Spacemining und anderen Wirtschaftszweigen auch der für das Land so extrem wichtige Finanzsektor. Wir haben seit über 15 Jahren das Instrument LSF, ohne dass etwas wirklich Verwertbares dabei herauskommt. Es ist erschreckend, dass wir ein Instrument haben, aber weder der Finanzplatz noch das Land einen wesentlichen Nutzen daraus hat ziehen können.

Sie haben die Finanzierung der LSF gestoppt. Soll das so bleiben?

De Cillia Wir haben vor zwei Jahren den Geldhahn zugedreht, weil die Universität keine ordentliche Governance, wenig Kommunikation mit uns und ungenügende Ressourcen für die adäquate Ausbildung gewährleistet hat. Wir sind bereit, zu helfen und zu fördern, aber wir stellen keinen Blankoscheck aus. Eine weitere Zusammenarbeit wird geprüft und nach drei Jahren über das weitere Vorgehen entschieden. Die Mittel, die bis jetzt geflossen sind, kamen aus verschiedenen Quellen, welche wir in der ABBL-Stiftung gebündelt haben, die über ausreichend Mittel verfügt, um Projekte zu begleiten oder zu finanzieren. Wir gehen mit anderen Teilen der Uni projektbezogene Partnerschaften ein - wie beispielsweise dem „Center for Security, Reliability and Trust“, mit dem wir ein Rechercheprojekt im Bereich Blockchain verbunden mit ‚Know your customer‘-Regeln gestartet haben. Das konkrete Ergebnis dieses dreijährigen Forschungsprojekts stellen wir dann allen Banken des Verbandes zur Verfügung. Wir sind sehr aufgeschlossen. Aber wir wollen Ergebnisse.