LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

Im Kino: Bizarr, bizarrer, „Under the Silver Lake“

Wenn ein Film mit einer Musik beginnt, die Bernard Herrmann komponiert haben und somit aus einem Alfred-Hitchcock-Thriller stammen könnte, dann steigert sich zumindest bei eingefleischten Filmfans das Interesse. Ein Vertigo-Effekt lässt Spannung aufkommen, nachdem ein Eichhörnchen von einem Baum vor die Füße eines Mannes (Andrew Garfield) - im Abspann wird er als Sam bezeichnet - stürzt. Diesen Schauspieler kennt man als rezenten „Spider-Man“-Darsteller.

Er spioniert mit einem Fernglas - wie einst James Stewart in „Rear Window“ - seine Nachbarin (Wendy Vanden Heuvel) aus, die sich oben ohne um ihre Papageien kümmert. Dann entdeckt er am Pool eine hübsche Blondine, Sarah (Riley Keough), mit ihrem Hund. Als er dem Hündchen ein Leckerli anbietet, lädt ihn Sarah zu sich in die Wohnung, wo sie sich „How to Marry a Millionaire“ von Jean Negulesco ansehen, mit den Hollywood-Stars Laureen Bacall, Betty Grable und Marilyn Monroe. Tags drauf ist Sarah verschwunden. Spurlos. Wie auch der Millionär Jefferson Sevence (Chris Gann). Und Sarahs Wohnung ist leergeräumt.

Spurensuche auf der Leinwand

Dieser Film heißt „Under The Silver Lake“ und wurde von David Robert Mitchell inszeniert. In Sarahs Wohnung findet Sam ein Zeichen - zwei an den Spitzen vereinte Quadrate -, das in der Sprache der Hobos „Silence“ bedeutet. Er macht sich auf die Suche nach weiteren Indizien, die ihn zu Sarah führen könnten.

Der Film ist bis zu diesem ersten Zeichen noch interessant, nimmt dann aber nach und nach Ausmaße an, die unerklärlich sind. In Sams Wohngegend geht ein Hundemörder um, und Stinktiere verpesten die Luft und Sam. Ein Comicheft, das er in einem Geschäft findet, heißt „Under the Silver Lake“, wobei nicht Winnetous Silbersee gemeint ist, sondern ein Stadtteil von Los Angeles. Er besucht den Autor (Patrick Fischler), der an Verschwörungstheorien glaubt. Sam verfolgt drei Mädchen und landet bei einem Konzert der Gruppe „Jesus and the Brides of Dracula“, deren Liedtexte anscheinend versteckte Botschaften enthalten. Seine Mutter ist ein Fan der Hollywood-Legende Janet Gaynor. Sam wacht einmal beim Grab von Hitchcock auf, wie bei Gaynors Grabstein. Schließlich führt eine Spur auf den Hügel mit dem Schriftzug „Hollywood“ in Los Angeles. Hier befindet sich eine Skulptur von James Deans Kopf. Das genügt, denn sonst könnte noch ein Leser den Sinn des Films entziffern, auch wenn der „Journal“-Kritiker sich noch immer am Kopf kratzt und sich fragt, was der Regisseur wohl eingenommen hat, ehe er diesen Film drehte.

Spurensuche zuhause

Ja, es gibt eben solche Filme, die nur der Regisseur oder der Drehbuchautor verstehen. Oder gibt es nichts zu verstehen? Ist der Film, der endlose 140 Minuten dauert, eine einfache Aneinanderreihung von Namen, Plakaten, Filmen und Schauplätzen, die alle mit Hollywoods Filmindustrie zu tun haben? Eine Art Hommage? Jetzt muss das Internet her, um eine Lösung zu finden. Doch die zwei deutschen Kritiker, die den Film als „eine Art Archäologie der Stadtgeschichte“ respektive als eine „surreale Los-Angeles-Schnitzeljagd“ bezeichnen, scheinen von einer annehmbaren Deutung weit entfernt.

Auf der Internetseite www.cinecure.be/Under-the-Silver-Lake findet man dann eine Erklärung des Regisseurs: „Der Film ist meine persönliche Vision der Geschichte von Los Angeles, eine Geschichte, die sich meiner Meinung nach eignet, durch das Prisma des Genres des Polizeifilm erzählt zu werden: sonnenbestrahlte Pools, dunkle Schatten, geheime Gänge, Mädchen aus gutem Hause, mysteriöse Morde … die ikonische Bildsymbolik einer Stadt, die auf Träumen und animierten Bildern gebaut ist.“

Hätte die Geschichte von LA nicht anders erzählt werden können, als mit einem teuren Film, den niemand wirklich versteht? Die Geschichte von LA geht auch nicht auf Hollywood zurück, sondern ins 16. Jahrhundert, als der Portugiese Juan Rodríguez Cabrillo das Land für die spanischen Eroberer entdeckte. Eine letzte Überlegung führt zur Erkenntnis, dass man besser zuhause bleibt und sich einen Film von Meister Hitchcock ansieht oder „7th Heaven“ von Frank Borzage, mit Janet Gaynor aus dem Jahr 1927.