SIEBELDINGEN/NEUSTADT
PETER ZSCHUNKE (DPA)

In Rheinland-Pfalz werden neue Pilz- und klimaresistente Traubensorten entwickelt

Sie heißen Calardis blanc, Pinotin oder VB Cal 6-04: Neue Rebsorten sollen den Weinbau in der Pfalz wie an der Mosel auch in Zeiten des Klimawandels sichern. Denn die den Weintrinkern vertrauten Rebsorten bekommen Probleme. „Der Klimawandel wird uns zu einem Sortenwandel zwingen“, sagt der Direktor des Julius-Kühn-Instituts für Rebenzüchtung auf dem Geilweilerhof in Siebeldingen (Kreis Südliche Weinstraße), Reinhard Töpfer. Bei der Züchtung neuer Rebsorten geht es sowohl um die Anpassung an den Klimawandel als auch um die Entwicklung pilzwiderstandsfähiger Sorten. Die Neuen werden daher kurz Piwi-Sorten genannt.

Bislang haben Piwi-Reben einen Marktanteil von etwa drei Prozent der Anbaufläche in Deutschland; der größte Teil entfällt auf den schon länger eingeführten Regent, dem Experten aber keine Zukunft geben. Aber Töpfer erwartet, dass es in zehn Jahren bereits zehn Prozent sein werden. Sicherlich werde der Riesling noch eine ganze Weile eine feste Größe im deutschen Weinbau sein, aber Veränderungen seien unausweichlich. „Wir wollen nicht, dass wir künftig unseren Wein in Schweden produzieren.“ Riesling ist empfindlich gegen starke Sonneneinstrahlung, die Winzer sprechen von Sonnenbrand. Und wenn die Riesling-Trauben wie in diesem Jahr erwartet bereits im September reifen statt wie früher meist im Oktober, sind sie bei den dann wärmeren Temperaturen anfällig für den Fäulnispilz Botrytis. Für die Rebzüchter gehören somit Widerstandsfähigkeit gegen Pilzerkrankungen und Anpassung an den Klimawandel zusammen.

Zu den konkreten Zuchtzielen auf dem Geilweilerhof gehören deswegen: eine spätere Blüte und Reife, kombinierte Resistenz gegen die Pilzerkrankungen Echter und Falscher Mehltau, lockere Anordnung der Beeren an der Traube zur Vermeidung von Botrytis, gute Holzreife und gerader Wuchs und vor allem aber ein ansprechendes Geschmacksprofil.

.„Unsere Gegenspieler, also die Pilze, sind sehr clever“

Die Widerstandsfähigkeit bei Pilzerkrankungen ermöglicht es, dass der Winzer nur noch zwei- bis dreimal im Jahr Pflanzenschutzmittel einsetzen muss - statt acht- bis zehnmal bei herkömmlichen Rebsorten. Damit kommen die Piwis besonders den Bedürfnissen des ökologischen Weinbaus entgegen. Ganz ohne Spritzen werde es auf absehbare Zeit nicht gehen, sagen die Züchter. „Unsere Gegenspieler, also die Pilze, sind sehr clever“, erklärt der private Rebenzüchter Volker Freytag in Neustadt an der Weinstraße. „Sie vermehren sich milliardenfach und finden Wege, um die Resistenz zu umgehen. Irgendwann werden sie den Schutz knacken.“

Für eine neue Sorte werden oft Wildreben aus Amerika oder Asien mit europäischen Qualitätsrebsorten gekreuzt. Das ist ein langer Weg: Von der Kreuzung bis zum ersten nennenswerten Ertrag dauert es etwa zehn Jahre. Erst wenn eine entsprechende Menge von Trauben da ist, lässt sich die Weinqualität einschätzen. Einschließlich weiterer Kreuzungen, Tests und Zulassung erstreckt sich die Zucht einer neuen Rebsorte über 25 bis 30 Jahre. Für die Zulassung von Rebsorten ist in der EU das Gemeinschaftliche Sortenamt (CPVO) in der westfranzösischen Stadt Angers zuständig. Im Versuchsanbau werden sie zunächst mit Zuchtbezeichnungen wie VB Cal 6-04 geführt - das VB steht hier für den Schweizer Züchter Valentin Blattner, der eng mit der Rebschule Freytag zusammenarbeitet. Pilzresistenz ist kein Selbstzweck. An erster Stelle steht für die Züchter der Geschmack des Weins und dieser lässt sich erst ganz zuletzt beurteilen. Es sei möglich, in der Rebenzucht Geschmacksrichtungen zu erzielen, die dem typischen Riesling-Geschmack ähnlich seien, erklärt Freytag. „Wir werden nicht den Riesling ersetzen. Wir können ähnliche Sorten entwickeln - aber warum sollen die nicht auch anders schmecken?“

Der Schlüssel für einen besseren Weinbau

Für die Winzer sind die neuen Sorten eine doppelte Herausforderung. Mangels Erfahrungen müssen sie erst selbst herausfinden, welche Probleme im Anbau und im Fassausbau auftreten können. Auch gebe es noch kein klares Geschmacksprofil für die einzelnen Piwi-Sorten, erklärt Martin Koch vom Weingut Abthof in Hahnheim (Kreis Mainz-Bingen). Er plädiert dafür, die Weine aus Piwi-Sorten mit einem möglichst hohen Qualitätsanspruch im Fass reifen zu lassen und so die Verbraucher dafür zu gewinnen.

Die Vermarktung der neuen Rebsorten mit den für die Verbraucher zunächst unbekannten Namen sei nicht einfach, sagt der Pfälzer Winzer Klaus Rummel. Der Öko-Winzer hat als einer der ersten die Rebsorte Cabernet Blanc angebaut, die jetzt als besonders aussichtsreich unter den Piwi-Weinen gilt. „Neue Reben braucht das Land“, sagt Rummel. „Sie sind für uns der Schlüssel für einen besseren Weinbau der Zukunft.“

Viele Winzer ziehen zunächst noch andere Möglichkeiten vor, sich an höhere Temperaturen anzupassen, ehe sie sich auf das Piwi-Experiment einlassen. Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut nennt dabei die Nutzung höherer oder weniger sonnenreicher Lagen und den Minimalschnitt, eine extensive Anbaumethode, um die Traubenreife zu verzögern.

Der Winzer Ansgar Galler aus Kirchheim an der Weinstraße hat bereits die Hälfte seiner Anbaufläche von elf Hektar mit insgesamt acht verschiedenen Piwi-Sorten bepflanzt. „Das sind die Reben der Zukunft, ganz klar“, ist der Wahl-Pfälzer aus Mainz überzeugt. „Bei der Vermarktung haben wir uns allerdings etwas ausdenken müssen“. Die Galler-Weine sind nach historischen Persönlichkeiten aus der Familie der Leininger Landgrafen benannt: „Heinrich“ bezeichnet einen Cabernet blanc und „Kunigunde“ einen Rotwein „aus Versuchsanbau“ mit der Rebsorte VB 91-26-29.