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Überbelegung, unzureichende Hygiene, verkürzte Narkosen: Die Vorwürfe gegen das vatikaneigene Kinderkrankenhaus wiegen schwer. Was schon 2014 ein interner Untersuchungsbericht monierte, scheinen Recherchen der Nachrichtenagentur AP nun zu bestätigen: Über Jahre wurde demnach in der Klinik Bambino Gesù (Jesuskind) das Profitstreben über das Wohl der Kinder gestellt, wie dies sogar Papst Franziskus in seiner Weihnachtsaudienz für die Krankenhausmitarbeiter 2016 angedeutet hatte. Das Krankenhaus selbst und der Vatikan wiesen die Anschuldigungen am Montag zurück.

Nach AP-Recherchen trugen Überbelegung und schlechte hygienische Bedingungen zur Ausbreitung tödlicher Infektionskrankheiten bei. Beispielsweise starben acht Kinder während einer 21-monatigen Epidemie multiresistenter Bakterien auf einer Krebsstation. Zudem wurden aus Kostengründen Einweg-Materialien unsachgemäß verwendet, billige Nadeln brachen in den winzigen Venen der Kinder ab. Und um Operationssäle schnell wieder zu belegen, wurden die kleinen Patienten manchmal verfrüht aus der Narkose geholt.

Dies ergaben Interviews mit mehr als einem Dutzend aktuellen und ehemaligen Angestellten des Krankenhauses sowie Patienten, ihren Familien und Gesundheitsbeamten. Zudem wurden medizinische Akten, Gerichtsurteile, E-Mails des Krankenhauses und des Vatikans sowie Beschwerdebriefe der Gewerkschaft aus vier Jahren ausgewertet. Der inzwischen pensionierte Epidemiologe Vincenzo Di Ciommo Laurora beschrieb die damals herrschende Unternehmenskultur so: „Je mehr man an einem Patienten macht, umso mehr Geld bringt man ein. Man muss produzieren, produzieren, produzieren.“

Einige dieser Vorwürfe tauchten bereits 2014 im Bericht einer Arbeitsgruppe auf, die der Vatikan nach Beschwerden von Klinikpersonal selbst eingesetzt hatte. Damals sammelten aktuelle und ehemalige Klinikärzte, Pflegepersonal, Verwaltungsangestellte und Außenstehende drei Monate lang Informationen und befragten Personal außerhalb des Klinikgeländes. Die Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass von der ursprünglichen Mission des Vorzeigekrankenhauses nicht mehr viel übrig war: Inzwischen ziele die Klinik „mehr auf Profit als auf die Versorgung von Kindern“, hieß es im Untersuchungsbericht.

Das Krankenhaus wies die AP-Erkenntnisse zurück und drohte rechtliche Schritte an. Die Untersuchung basiere auf Informationen, die „teils falsch, teils gravierend unbegründet und zwei Jahre veraltet waren“, vor allem aber sei sie „klinisch unplausibel und auf moralischer und ethischer Ebene verleumderisch“, teilte die Klinik mit und verwies auf ihren Ruf als Exzellenzzentrum.

Auch der Vatikan wies die Vorwürfe als unbegründet zurück: „Kein Krankenhaus ist perfekt, aber es ist falsch und ungerecht zu suggerieren, dass die Gesundheit von Kindern im Bambino Gesù ernsthaft bedroht sei“, teilte Sprecher Greg Burke mit.

Die 1869 gegründete Klinik zur Behandlung armer Kinder wurde 1924 dem Vatikan übergeben. 2015 verzeichnete die 607-Betten-Einrichtung mehr als 26 000 Eingriffe - mehr als ein Drittel aller in Italien an Kindern durchgeführten Operationen. Das Kinderkrankenhaus zieht erstklassige Chirurgen an und kann Besuche von Prominenten wie US-First Lady Melania Trump im Mai vorweisen.

Weil das auf einem Hügel nahe der Vatikanstadt gelegene Klinikgelände extraterritorialen Status genießt, muss die vom italienischen Steuerzahler finanzierte Einrichtung im Gegensatz zu anderen italienischen Kliniken keine unangekündigten Inspektionen fürchten. Das Gesundheitsministerium zeichnete das Krankenhaus für seine Forschungsaktivitäten aus und bescheinigte ihm 2015 „Exzellenzmerkmale“. Als Reaktion auf die AP-Recherchen versprach das Ministerium nun jedoch eigene Ermittlungen.

Die von AP befragten Angestellten wollten aus Angst vor Kündigungen anonym bleiben. Manches hat sich nach ihren Aussagen seit dem Wechsel der Leitung Anfang 2015 verbessert, doch einige der wichtigsten Empfehlungen der Arbeitsgruppe wurden demnach nicht umgesetzt, darunter die Auswechslung des medizinischen Direktors.

Auch nach Gewerkschaftsangaben liegt noch immer vieles im Argen: „Vor zehn Jahren waren die Notaufnahmen überfüllt, und das sind sie noch heute. Vor zehn Jahren mussten Patienten auf Liegen warten, und das müssen sie noch heute. Vor zehn Jahren kam man mit einer Krankheit und verließ das Krankenhaus mit zwei Krankenhausinfektionen, und das ist noch immer so“, teilte die Gewerkschaft im Juli 2016 mit. „Was hat sich in zehn Jahren verändert? Die Maschinen sind besser, die Medikamente sind besser, aber das Niveau der Pflege ist es nicht.“

Federica Bianchi brachte im Oktober 2015 ihr 17-monatiges Söhnchen Edoardo mit Atembeschwerden ins Bambino-Gesù-Krankenhaus. Dort wurde es neben anderen Kindern behandelt, die Infusionen gegen Dehydrierung erhielten. Zwei Tage später litt der Kleine unter schwerem Durchfall und Erbrechen. Als auch sein Zwillingsbrüderchen erkrankte, brachte die Mutter beide in die überfüllte Notaufnahme, wurde aber zwei Mal nach Hause geschickt. Eine andere Klinik diagnostizierte bei den Zwillingen schließlich Rotaviren mit schwerem Durchfall, Erbrechen und Dehydrierung. Dort wurden die Kleinen aufgenommen, von anderen Patienten isoliert und gegen Dehydrierung behandelt.

Ein Vatikan-Klinik-Sprecher betonte, es sei nicht nachgewiesen, dass die Jungen sich tatsächlich dort angesteckt hätten, schließlich lägen die Infektionsraten inzwischen unter nationalen und internationalen Standards.

Eine US-Krankenschwester, die nach dem Bericht der vatikaneigenen Arbeitsgruppe 2014 auf Verbesserungen drang, wurde vom Koordinator der Gruppe gebremst. Andere Mitglieder der Arbeitsgruppe warnten Vatikan-Finanzchef George Pell, es herrschten noch immer gesundheitsgefährdende Bedingungen in der Klinik. Pell, gegen den in der vergangenen Woche in Australien Missbrauchsvorwürfe erhoben wurden, gab daraufhin neue Ermittlungen in Auftrag - bei der Präsidentin der US-Gesellschaft Catholic Health Association, Carol Keehan.

Keehan inspizierte das Krankenhaus an drei Tagen im Januar 2015 und unterhielt sich mit Personal während der Dienstzeit, ohne dass jemand in ihrem Team italienisch sprach. In ihrem Abschlussbericht wies sie viele Untersuchungsergebnisse von 2014 zurück: „Wir haben keinerlei Grundlage für diese Beschwerden gefunden“, sagte sie in einem Interview. „Kann ich sagen, dass sie nie einen Fehler gemacht haben? Absolut nicht. Aber kann ich sagen, dass dies ein Krankenhaus ist, das Kinder außergewöhnlich gut versorgt? Absolut ja.“

Das sieht selbst Papst Franziskus anders: Bei einer Audienz vor Tausenden Krankenhausmitarbeitern und kleinen Patienten an Weihnachten 2016 warnte er vor Korruption und Profitgier. „Die Geschichte des Bambino Gesù war nicht immer gut“, mahnte das Kirchenoberhaupt. „Schaut die Kinder an und fragt Euch alle: „Kann ich korrupte Geschäfte auf Kosten dieser Kinder machen?“ Nein!“