LUXEMBURG
PATRICK WELTER / DANIEL OLY

Der siebenjährige Krieg in Syrien

Was vor sieben Jahren mit einem Aufstand der Bürger begann und damals als Teil des „Arabischen Frühlings“ gesehen wurde, der zu einem schnellen Ende des Assad-Regimes führen würde, hat sich zu einem langen hässlichen Krieg entwickelt. Ein Krieg mit unübersehbaren Fronten hunderttausenden Toten und Millionen Flüchtlingen, der jetzt schon länger dauert als jeder der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Innerhalb dieses Krieges wurden auch noch andere Kriege geführt. Bei der Vertreibung der religiösen Fanatiker des IS waren sich quasi alle Kriegsparteien einig, die Schlächter und Kulturvandalen mussten weg. Aber Türken und Kurden stehen sich auch in diesem Krieg unversöhnlich gegenüber. Die Israelis, die mit dem Assad-Regime gut leben können, schlagen immer dann zu, wenn ihnen die Assad-freundliche Hisbollah zu sehr auf die „Pelle“ rückt.

Neuer trauriger Höhepunkt an der Schwelle des achten Kriegsjahres sind die Kämpfe um Ost-Gutha. Dort sind seit Beginn der schweren Angriffe auf die von Rebellen kontrollierten Gebiete östlich von Damaskus innerhalb von zehn Tagen mindestens 1.000 Menschen getötet und 4.800 verletzt worden. Diese Zahlen beziehen sich auf die Zeit vom 18. Februar bis 04. März. Dabei handelt es sich um Todesfälle bzw. Patientinnen und Patienten in den Gesundheitseinrichtungen in Ost-Ghuta, die von „Ärzte ohne Grenzen“ unterstützt werden. Die Nachrichtenlage ist völlig unübersichtlich, klar ist nur, dass die syrisch-russische Seite mit äußerster Härte vorgeht. Fassbomben und vermutlich auch Giftgas inklusive. Vereinbarte Waffenruhen werden nur zum Teil eingehalten und humanitäre Hilfe behindert, wenn nicht ganz verweigert. Nach Auffassung von Hilfsorganisationen wie „MSF/Ärzte ohne Grenzen“ plädieren dafür, überlebenswichtige Medikamente und medizinisches Material in die belagerte Stadt zu bringen, und die Zivilisten auf beiden Seiten der Front nicht zu beschießen. 

„Die vergangene Woche war für uns medizinisches Personal katastrophal“, heißt es in einem Audiobericht einer Ärztin der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ aus Ost-Ghuta, die in einem von der Hilfsorganisation unterstützten Krankenhaus arbeitet und dieses koordiniert. Sie hat aufgezeichnet, wie sie die albtraumhafte Situation erlebt, in der sie und ihre Kolleginnen sich zurzeit befinden. Die Klinik wird von „Ärzte ohne Grenzen“ seit 2013 unterstützt. Aus Sicherheitsgründen bat die Ärztin darum, anonym zu bleiben. Die Aufzeichnung entstand in der Nacht zum Sonntag, den 25.2.2018.

„Bei uns werden fast jeden Tag Kriegsverletzte eingeliefert. Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Die große Mehrheit der Verwundeten sind Zivilisten: Kinder, Frauen und Männer. Wir sind vor allem damit beschäftigt, diese Verletzten zu retten - so wie es irgend möglich ist mit den Kapazitäten, die wir haben. Denn wir leben seit mehr als fünf Jahren unter der Belagerung, und unsere Kapazitäten sind sehr begrenzt. Trotzdem leisten wir meiner Meinung nach gute Arbeit und retten im Rahmen unserer Möglichkeiten viele Leben. Die schwierigste Herausforderung sind die ununterbrochenen Bombardements und Einschläge. Deswegen steigt die Zahl der Verwundeten, was zur Erschöpfung unserer Mitarbeiterinnen führt. Unser medizinisches Material wird so aufgebraucht und auch die Medikamente werden weniger. Wir können uns kaum bewegen, die Fahrten der Ambulanzwagen werden behindert, selbst für Menschen ist es sehr schwierig, sich zu bewegen. Außerdem behindert die Belagerung die Lieferung medizinischen Materials nach Ost-Ghuta. In unseren Beständen fehlt diverses Material, das wir nicht zur Verfügung haben. Das sind die beiden größten Herausforderungen für uns als medizinisches Personal.

 

Ununterbrochene Bombardements fordern Tote und Verletzte

Sehr viele Verwundete wurden eingeliefert, sehr viele Tote. Die Mehrzahl der Kriegsverletzungen war schwerwiegend: Amputationen, Kopfverletzungen und mehrfache Verwundungen. Es gab keine Unterbrechung bei den Bombardements, in denen wir Patienten hätten transportieren können. Unsere Rettungsteams hatten Probleme, Menschen aus den Trümmern zu retten und sie ins Krankenhaus zu bringen. Wir haben Schwierigkeiten, wenn wir Patienten auf die Intensivstation bringen oder zu anderen Spezialisten wie Neurologen oder Gefäßchirurgen. Das bedeutete für viele Patienten eine dramatische Verschlechterung ihrer Situation, und einige Patienten sind gestorben. Die vergangene Woche war katastrophal für uns medizinisches Personal. Unsere Kapazitäten und Lagerbestände sind erschöpft, weil wir in den vergangenen fünf Jahren belagert wurden und medizinische Güter nicht nach Ost-Ghuta gelangen konnten.

 

Gelähmte Zivilbevölkerung

Das medizinische Personal ist erschöpft von den ständigen Bombardements, die eine ganze Woche weder Tag noch Nacht aufgehört haben. Wir haben seit Tagen kaum geschlafen. Nur wenige Stunden in den vergangenen Tagen und natürlich in Schichten. Die meisten Kolleginnen mussten wach bleiben und Schichten wechseln, weil es einen ständigen Zustrom von vielen Verletzten gab. Es gibt kaum noch Essen für das medizinische Personal. Das tägliche Leben in Ost-Ghuta ist vollständig gelähmt. Es gibt keine Märkte, keine Geschäfte, keine Orte, an denen man Lebensmittel kaufen kann. In dem Krankenhaus, in dem ich arbeite, nimmt das Personal zum Beispiel alle 24 Stunden eine kleine Mahlzeit zu sich. An einem Tag kamen sogar Menschen zu uns, die in nahe gelegenen Unterkünften Schutz gefunden hatten. Sie hatten seit Tagen nichts gegessen. Unser Personal gab ihnen, das wenige, was sie hatten. So hatten sie an diesem Tag selbst kein Essen mehr. Das medizinische Personal ist erschöpft und hungrig, ganz abgesehen von dem psychologischen Stress. Wir hören ständig das konstante schreckliche Geräusch der Bombardements. Es gibt keine Geräusche, die lauter sind als die Bombenangriffe auf ganz Ghuta. Und dann die Dinge, die die Mitarbeiter sehen: Leichen, tote Kinder und Babys, die Körperteile, die Amputationen und andere schreckliche Wunden.

In der Nacht zum 25. Februar, kann ich Folgendes sagen: Wir hörten, dass es einen ,Hudne‘ (Waffenstillstand) gibt, dass wir keine Verwundeten mehr bekommen und nicht beschossen werden sollten. Die Nacht war dann relativ ruhig, aber ab dem frühen Morgen des folgenden Tages waren wir unter Beschuss. Der Lärm der Kampfflugzeuge war seit dem frühen Morgen zu hören und hielt die ganze Zeit an. Die Kampfflugzeuge blieben den ganzen Tag am Himmel über Ost-Ghuta. Am frühen Morgen waren wir Artilleriebeschuss und mehr als einer Bombe aus der Luft ausgesetzt. Im Vergleich zu den Vortagen war der Beschuss weniger stark und seltener. Die Anzahl der Verwundeten war viel geringer. Es gab nur drei Tote in einigen der Krankenhäuser. Normalerweise sind es viel mehr. Auch die Anzahl der Verwundeten war viel geringer als normalerweise.“ MSF

Außenminister Jean Asselborn entsetzt über Lage in Syrien

„Hirnverbrannt“

Als „hirnverbrannt“ bezeichnete Außenminister Jean Asselborn gestern gegenüber dem „Journal“ die Tatsache, dass die Barbarei in Syrien ungeachtet des vom UN-Sicherheitsrat geforderten Waffenstillstands immer noch fortgesetzt werde. So würden die Konfliktparteien in der vor anderthalb Wochen vom UN-Sicherheitsrat verabschiedeten Resolution zwar aufgefordert, die Feindseligkeiten ohne Verzögerung für mindestens 30 aufeinander folgende Tage einzustellen, aber Sanktionsmöglichkeiten seien keine vorgesehen, so dass die drei Mächte, die hier den größten Einfluss hätten, nämlich Russland und der Iran sowie die Türkei auch keinen Anlass sehen würden, den nötigen Druck auszuüben, auf dass die Waffenruhe auch wirklich eingehalten werde. Was momentan in der umkämpften Rebellenprovinz Ost-Ghuta stattfinde, das sei die Hölle auf Erden, zitierte Asselborn UN-Generalsekretär Guterres. Die Lage in Syrien erinnere einen dann auch ans tiefe Mittelalter, drückte der dienstälteste Außenminister der EU erneut sein Entsetzen aus, so wie er das bereits vor einigen Tagen am Rande eines Treffens der europäischen Außenminister in Brüssel gemacht hatte.              PST
Rot-Kreuz-Mitarbeiter beschreibt Szenen in Ost-Ghuta

Verzweiflung

Nach der ersten Hilfslieferung seit Wochen in das belagerte Gebiet Ost-Ghuta in Syrien hat ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes von Szenen der Verzweiflung berichtet. Teilnehmer des Hilfskonvois hätten Rettungskräfte gesehen, die versuchten, Leichen aus zerstörten Gebäuden zu bergen, sagte der Kommunikationschef des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Syrien, Pawel Krzysiek, am Dienstag. Die Lage in dem von Rebellen gehaltenen Gebiet bei Damaskus sei verzweifelt. Der Schulbetrieb sei zum Erliegen gekommen, einige Kinder hätten seit zwei Wochen kein Tageslicht mehr gesehen. Viele Bewohner litten an Hunger. „Wir sind schweren Herzens wieder gefahren“, sagte Krzysiek in einem Video, das vom IKRK verbreitet wurde. Er forderte eine nachhaltige Lösung für die Sicherheitslage in Ost-Ghuta, so dass mehr Hilfe in das Gebiet gebracht werden könne. Die Hilfslieferung - medizinische Güter, chirurgisches Gerät und Nahrungsmittel für 27.500 Bedürftige - konnte am Montag wegen der prekären Sicherheitslage nur teilweise entladen werden.  ap