LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Omar Qaise ist auf seinem Weg aus dem Irak über Deutschland und Luxemburg zum Raumfahrt-Experten geworden - und hat den Schritt in die Selbständigkeit gewagt

Der Satellit, den Omar Qaise bauen will, ist nicht groß, vielleicht gerade mal so lang wie ein halber Arm. Aber er kann vieles: Verbindungslöcher im Wifi-Netz stopfen, auf Öl-Plattformen und Schiffen für eine bessere Verbindung sorgen oder Tierbestände in Afrika überwachen. Die Kunden sind interessiert und Qaise weiß, wie man sie anspricht. Schließlich stehen in seinem Lebenslauf die ersten Adressen der Raumfahrt: Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, OHB System, die European Space Agency und zuletzt SES. Für sie hat Qaise Satellitenplatz im Mittleren und Nahen Osten verkauft. Das ging gut, denn Qaise kennt sich dort bestens aus und spricht fließend Arabisch. Der Irak ist seine Heimat.

An diesem sonnigen Spätsommertag aber steht er in seinem Büro in Wasserbillig, erzählt vom geplanten Umzug in die Stadt und strahlt. „Ich liebe das Risiko“, sagt der 34-Jährige. Und erzählt, warum er eine sichere, gut bezahlte Stelle nach über vier Jahren verließ, um sich selbständig zu machen. „Ich habe das Unternehmertum in den Genen, ich wollte meinen eigenen Ideen verwirklichen“, sagt er. „In einem großen Konzern gibt es Raum für Ideen, aber es ist eine andere Philosophie.“

Der freundliche, höfliche Mann ist im Irak geboren und ging dort auf eine englischsprachige Eliteschule, die ursprünglich von den Jesuiten gegründet worden war. „Ich war so gut, dass ich hätte Medizin studieren können. Aber ich wollte ein Technologie-Studium“, erzählt Qaise, der schon mit zwölf sein erstes Videospiel selbst programmierte. Raumfahrt interessierte ihn damals schon. Seine Eltern - Mutter Lehrerin, Vater ziviler Pilot - ließen ihn gewähren, auch wenn sie ihn gern als Arzt gesehen hätten. „Aber ich will nicht das Leben anderer Menschen leben“, beharrt Qaise, und bleibt dabei stets verbindlich-freundlich. Im Jahr 2003 brach der Irakkrieg aus. Ein Jahr später hatte er ein Stipendium für Deutschland. Der damals 21-Jährige lernte Deutsch und machte an der Universität Bremen seinen Master in „Space & Telecom Engineering“ - mit einem Abschluss von 1,1. Er wurde Berater beim „Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt“ in Oberpfaffenhofen, arbeitete für das „German Space Operations Center“ in der Flugkontrolle und beim deutschen Satellitenbauer OHB System in Bremen. Während sein Deutsch immer besser wurde, stieg der auf, flog Satelliten für die European Space Agency und landete schließlich bei SES. „Ich wollte nicht nur die wissenschaftliche Seite der Raumfahrt sehen, sondern auch die kommerzielle. Ich wollte die zwei Welten zusammenbringen“, lächelt Qaise.

Nicht zuletzt deswegen hat er neben der Arbeit noch einen MBA in Glasgow erworben. „Das war eine gute Erfahrung, ich habe in den 2,5 Jahren viele interessante Menschen aus aller Welt getroffen“, erinnert er sich. Selbst ist er durch viele Kulturen geprägt. Das schlägt sich auch in seiner Nationalität nieder. 2012 erhielt der junge Unternehmer neben der irakischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. „Ich bin Deutschland sehr dankbar“, sagt er. Und doch: Jetzt ist Luxemburg sein Arbeitsort.

Hier gefällt ihm vieles: Die kurzen Wege, die Vielsprachigkeit, die Unterstützung der Regierung. Von seiner Idee ist er ohnehin überzeugt. „In der Raumfahrt entstehen die hohen Kosten durch die Größe und das Gewicht von Satelliten. Deshalb wollte ich einen kleinen, einfachen Satelliten“, erklärt er. „Der ist nicht nur gut dort, wo es Wifi-Löcher gibt, sondern eignet sich auch zur Überwachung, beispielsweise bei der Pipeline-Überwachung. Das geht dann vom Büro aus“; erklärt er. Sein Unternehmen „OQ Technology“ verkauft nicht Satelliten, sondern Chips. Mit denen lassen sich die Satelliten nutzen. 2018 will er den ersten ins All schießen, 2019 startet der Service für interessierte Kunden.

Seine Leistung beschreibt er so: „Wir haben Wifi so umgewandelt, dass es bis zum Himmel reicht. Der Satellit nimmt es auf und schickt es zurück.“ Qaise hat ein Patent angemeldet, die Luxemburger Regierung und die „European Space Agency“ unterstützt ihn. Und wenn der Unternehmer „wir“ sagt, dann meint er auch seine vier Mitarbeiter. Mit Experten aus Indien, Spanien, Deutschland und den USA hat er das gefunden, was er sucht. „Da ich mich vom Marketing bis zum Personal um alle Bereiche kümmere, lerne ich viel“, sagt der Geschäftsmann und streicht über seinen Anzug.

Als seine Kollegen von seinen Plänen gehört haben, haben sie Qaise belächelt. „Denke an die Obdachlosen“, warnten sie ihn. „Aber ich habe den Krieg überlebt. Was soll mir noch passieren?“, fragt der Gründer. Und strahlt.

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