LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Sozialgericht erkennt Krebs nach jahrelangem Glyphosatgebrauch als Berufskrankheit an

Im nahen Trier hat ein Neurologe schon in den 1990er einen Zusammenhang zwischen Spritzmitteln im Weinberg und neurologischen Erkrankungen etlicher Winzer vermutet. Die These wurde als unhaltbar klassifiziert und der Mediziner vielfach persönlich angegriffen. Heute ist seine Sicht der Dinge Mainstream, auch wenn sich die chemische Industrie immer noch erbittert gegen die Verbindung zwischen Gift und Krankheit wehrt.

Das Pflanzengift Glyphosat, bekannt unter dem Handelsnamen „Roundup“, ist zum Symbol dieser Auseinandersetzung geworden. In den USA liegen 8.700 Klagen gegen den Chemiekonzern Monsanto, ein Tochterunternehmen des Bayer-Konzerns, wegen der vermuteten krebserregenden Nebenwirkung von „Roundup“ und Co., vor. In einem ersten Verfahren wurde einem Krebspatienten eine Schadensersatzsumme in dreistelliger Millionenhöhe zugesprochen. Wie zu erwarten geht der Prozess jetzt in eine zweite Runde. In Europa ist ein allgemeines Verbot von Glyphosat am Widerstand einiger EU-Landwirtschaftsminister gescheitert. Auch in Luxemburg wird die Debatte jetzt nicht nur in der Politik geführt, sondern auch vor Gericht.

Der Kläger ( 54) arbeitete seit 1996 als Landschaftsgärtner für den Fonds de Kirchberg. Nach eigenen Aussagen musste er „Roundup“ in dieser Zeit gegen Unkrautbefall spritzen - ohne Schutzmaske. Seiner Meinung nach seien diese Spritzaktionenüberflüssig gewesen, das hätte er auch an seine Chefs weitergegeben.

Zu alt für diese Art von Krebs

Im Jahr 2012 sei es ihm dann gesundheitlich schlecht gegangen. Ärzte diagnostizierten Hodenkrebs, was insofern erstaunlich ist, als diese Krebsart selten ist und nur bei jungen Männern vorkommt. Seine Argumentation, dass der Krebs auf den jahrelangen Roundup-Einsatz zurückzuführen sei und es sich daher um eine Berufskrankheit handelt, wurde von der „Association d’assurance accident“ zurückgewiesen. Nach deren Auffassung sei die Krankheit nicht mit dem Mittel Roundup in Verbindung zu bringen. Dem schloss sich das Schiedsgericht der Sozialversicherung an. Das war aber nicht das letzte Wort.

Sozialgericht: Beweislast liegt bei den Versicherungen

Denn die nächste Instanz, der „Conseil Supérieur de la Sécurité Sociale“ sieht die Sache ganz anders. Dort wurde die berufsbedingte Erkrankung als solche anerkannt. Man bezog sich dabei auf eine wissenschaftliche Studie, dass Erkrankungen im Bereich der Harnwege auf bestimmte krebserregende Stoffe zurückzuführen seien. Wenn die Unfallversicherung der Meinung sei, dass es sich bei diesem Hodenkrebs nicht um eine Berufskrankheit handele, müsse sie selbst den Beweis dafür führen, so das Urteil. Ein Urteil, das wegweisend sein dürfte.

Wahrscheinlich wird es auch noch ein strafrechtliches Nachspiel geben. Eine Anzeige gegen Monsanto und Handel soll seit 2015 beim Untersuchungsrichter liegen. Durch die Anerkennung des Krebses als berufsbedingter Erkrankung durch die Sozialgerichtsbarkeit, wird auch in dieses Verfahren Bewegung kommen.