LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Das „Théâtre du Centaure“ startet in seine 44. Spielzeit

Es läuft im „Théâtre du Centaure“. Sehr gut sogar. Die Zahlen, die Präsident Pierre Rauchs gestern in seinem Rückblick auf die vergangenen Spielzeiten nannte, sprechen für sich. Die letzten zehn Produktionen seien, was das Publikum anbelange, konstant zwischen 85 und 100 Prozent ausgelastet gewesen. Auch wenn man auf der einen Seite argumentieren kann, dass im Gewölbekeller in der Altstadt, wo das Theater sein Zuhause hat, lediglich um die 60 Sitzplätze zur Verfügung stehen, die dementsprechend schnell gefüllt sind, so muss man auf der anderen Seite doch die Zahl der Vorstellungen hervorheben: Rund 60 Stück (für die vier Produktionen in der letzten Saison) sind für ein kleines Theater doch recht beachtlich.

Jüngeres Publikum erreicht

„Es ist uns gelungen, neue Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Inzwischen zählen wir viele junge Leute unter unseren Besuchern“, freute sich Rauchs. Lobende Worte fand daran anknüpfend auch Kulturstaatssekretär Guy Arendt. Zu verdanken ist dieser Erfolg besonders dem neuen Team um Myriam Muller, künstlerische Leiterin, und Jules Werner, Verwaltungsdirektor, das die Geschicke des „Centaure“ vor rund drei Jahren übernommen hat und seither Wert auf „jüngere Stücke“ legt.

„Innerhalb dieser drei Jahre haben wir den Beweis erbracht: Es gibt eine Nische für ein ,théâtre de création nationale‘ mit nationalen Kräften im Zentrum der Stadt Luxemburg“, zeigte sich Myriam Muller überzeugt. Kreieren alleine reiche jedoch nicht, es gelte schließlich ein Publikum für diese Produktionen und ihre Thematiken zu begeistern und noch dazu eine Debatte loszutreten. „Ich habe keine Angst vor dem Wort ,populär‘. Die Leute sollen Lust haben, zu uns zu kommen. Sie sollen keine Angst vor einem Theaterbesuch oder aktuellen Themen wie Arbeitslosigkeit, Suizid, Geiselnahme oder Umwelt haben, wie wir sie in der letzten Saison in unserem Programm hatten“, bemerkte sie.

Glauben, Gerechtigkeit und Afrika

Einen roten Faden gibt es in dem neuen Programm zwar nicht, dafür aber gewisse Themen, die sich durch verschiedene Produktionen ziehen: Glauben - „im weitesten Sinn“, so Muller -, Gerechtigkeit und der afrikanische Kontinent. Nicht weniger als fünf Kreationen bietet das „Centaure“ in der Spielzeit 17/18. Den Anfang der nunmehr 44. Saison macht „Mission“ (Koproduzent: Kulturhaus Niederanven) mit Francesco Mormino im Oktober, ein Monolog von David Van Reybrouck in einer Inszenierung von Marja-Leena Junker. Der Text basiert auf Zeugenaussagen, die der Autor zum Thema Kolonialisierung gesammelt hat. Auf der Bühne lässt er „Père Grégoire“, der 48 Jahre im Kongo verbrachte, aus seinem Leben als Missionar erzählen. „Der Text geht weit über die gängigen Klischees hinaus“, bemerkte Myriam Muller.

Ende November setzt das „Centaure“ seine Reihe „Cycle bibliothèque des livres vivants“ fort (Koproduzenten: „Cie Travaux Publics“/Frankreich, Kulturhaus Niederanven), die mit einer Börse vom Focuna unterstützt wird. „Dieser Zyklus bietet die Möglichkeit, Literatur, demnach klassische und zeitgenössische Bücher, auf eine andere Art und Weise zu entdecken“, erklärte die künstlerische Leiterin. In einer Inszenierung von Frédéric Maragnani stehen „Le portrait de Dorian Grey“ von Oscar Wilde (auf der Bühne: Jérôme Varanfrain) und „Il faut beaucoup aimer les hommes“ von Marie Darrieussecq (auf der Bühne: Colette Kieffer) im Fokus.

Feministisches Manifest

„Révolte“ (im Original: „Revolt, She said, Revolt again“) aus der Feder von Alice Birch wird im Januar in Koproduktion mit dem Kulturzentrum „opderschmelz“ von Sophie Langevin inszeniert. Die Schauspieler Agnès Guignard, Francesco Mormino, Leila Schaus und Pitt Simon stellen in diesem komplexen feministischen Manifest die Position der Frau in der Gesellschaft in Frage. Als „très rock“ und „très trash“ beschrieb die Regisseurin das
Stück. Mit „Tiamant“ wird im März ein Ein-Personen-Stück von Ian de Toffoli in einer Inszenierung von Jean Boillot auf die „Centaure“-Bühne gebracht (Koproduzenten: NEST-Théâtre, TalentLAB). Schauspieler Valéry Plancke spielt einen Lothringer, der der Arbeit wegen jeden Tag nach Luxemburg pendelt.

Mit „Mesure pour Mesure“ steht ab April ein etwas weniger bekanntes Stück von William Shakespeare auf dem Spielplan (Koproduzenten: „Kinneksbond“ Mamer, Kulturhaus Niederanven, „opderschmelz“, CAPE), dies in einer Inszenierung von Myriam Muller. Acht Schauspieler (Louis Bonnet, Claire Cahen, Tiphanie Devezin, Denis Jousselin, Valéry Plancke, Pitt Simon, Jérôme Varanfrain und Jules Werner) wirken in diesem „thriller politico-sexuel“ mit, den Kinneksbond-Direktor Jérôme Konen als Mischung aus Tragödie und Komödie beschrieb.

Abgesehen von diesen fünf Produktionen stehen auch Stücke ausländischer Theaterkompanien auf dem Programm, noch dazu am 15. November im „Kasemattentheater“ eine Lesung über Populismus in drei Sprachen, die sich „Fake“ nennt, sowie ein „Brunch littéraire“ zum Thema „Afrika“ am 19. November in der „Bannanefabrik“.

Alle Details zum Programm unter www.centaure.lu

Zum Budget: Ohne Koproduzenten nicht machbar

Wie Präsident Pierre Rauchs in seiner Einleitung bemerkte, sei es dem „Théâtre du Centaure“ nicht möglich, sich selbst zu finanzieren. Rund ein Viertel des Budgets - 300.000 Euro pro Spielzeit - fließt durch das Publikum in die Kasse, 36 Prozent kommen vom Kulturministerium, 13 Prozent von der Stadt Luxemburg, und mit fünf Prozent beteiligt sich der Focuna (Fonds culturel national) an bestimmten Produktionen. „Ohne Koproduzenten wäre es nicht machbar“, sagte Rauchs. Und ohne ein starkes und motiviertes Team aus Freiwilligen natürlich ebenso wenig.