ESCH/BELVAL
SIMONE MOLITOR

„Sonic Visions Festival“ vom 15. bis 17. November - ein Interview mit Paul Bradshaw

Als „Flaggschiff der Musikszene in Luxemburg und der Großregion“ wird das „Sonic Visions - Music Lab & Festival“ von den Organisatoren Rockhal und Rocklab beschrieben. Tatsächlich ist das Event inzwischen zu einem unumgänglichen Datum für Musikliebhaber und Profis aus der Branche geworden. Vom 15. bis 17. November findet die nunmehr elfte Auflage statt, dies zum zweiten Mal im einzigartigen Ambiente der Hochöfen in Esch/Belval. Wir haben uns mit Paul Bradshaw, Booker in der Rockhal, über die Entwicklung des Sonic Visions, die diesjährigen Highlights und die Musikszene im Allgemeinen unterhalten.

Wie hat sich das Sonic Visions im Laufe der Jahre entwickelt?

Paul Bradshaw Die Anfänge waren relativ bescheiden. Bis zur letzten Ausgabe wurde das Festival in der Rockhal abgehalten, mittlerweile sind wir auf das Areal zwischen den Hochöfen umgezogen. In Zusammenarbeit mit der Vereinigung „Nuit des Lampions Wiltz“ wird das Festivalgelände magisch beleuchtet und dekoriert. Das Angebot haben wir mit der Zeit ausgebaut und auch das Konzept weiterentwickelt. Diesmal können rund 35 Bands auf nicht weniger als vier Bühnen während Showcases entdeckt werden. Interaktive Installationen oder Spiele der 80er wie Pacman oder Donkey Kong sowie ein Foodmarket mit Foodtrucks gehören ebenfalls dazu. Neben dem zweitägigen Musikfestival organisieren wir darüber hinaus eine Vielzahl thematischer Konferenzen. Kurz zusammengefasst: Die Besucher erwartet eine Mischung aus „Showcases“ von aufstrebenden Künstlern und Konferenzen zu relevanten Themen des Musikgeschäfts.

Was ist eigentlich ein „Showcase“?

Bradshaw An sich ein Konzert. Die Bezeichnung wird benutzt, wenn Künstler ohne große Bühnenerfahrung zum ersten Mal vor einem Publikum ein kleines Set spielen oder aber wenn Musiker neues Material vorstellen. Meist sind bei solchen „Showcases“ Professionelle aus der Musikindustrie zugegen, die beispielsweise wissen wollen, wie sich eine Band live anhört. Das ist also die Differenz zum normalen Konzert.

Es treten aber nicht nur lokale Bands auf?

Bradshaw Ein Teil davon stammt aus Luxemburg. Uns ist es vor allem wichtig, ein interessantes Festival zu bieten. Was die Unterstützung von nationalen Musikern anbelangt, so sind wir ohnehin im Rocklab das ganze Jahr über aktiv. Wir stellen Probesäle und ein Tonstudio zur Verfügung und bieten eine professionelle Begleitung. Was die Verpflichtung der Bands fürs Sonic Visions angeht, so legen wir Wert darauf, dass sie exportierbar sind. Wir versuchen also abzuwägen, ob die internationale Musikindustrie Interesse an ihnen haben könnte und ob sie selbst überhaupt diese Ambitionen haben und die nötige Zeit investieren wollen.

Welches sind die Schwerpunkte der Konferenzen?

Bradshaw Diese sind besonders für die Künstler von Interesse. Es geht zum Beispiel darum, wie sie eine Tour organisieren oder ihre Musik online promoten können. Online-Präsenz ist heute sehr wichtig. Wir haben viele Professionelle aus den Nachbarländern eingeladen, die die Musikindustrie bestens kennen.

Wie schwierig ist es überhaupt für eine lokale Band, außerhalb Luxemburgs Bekanntheit zu erlangen?

Bradshaw Einfach ist es nicht. Luxemburg ist ein kleines Land. Trotzdem, im Vergleich zu Island beispielsweise, was ebenfalls ein kleines Land ist und dennoch Stars wie Björk oder Sigur Ros hervorgebracht hat, schaffen nur wenige unserer Künstler den Durchbruch im Ausland. Wer international durchstarten will, hat viel Arbeit vor sich, muss sehr viel Zeit investieren und viel reisen. Das Internet hat das Musikbusiness deutlich verändert. Es gibt inzwischen so viel Inhalt, und man kann ständig, wann immer man will, Musik hören und Neues entdecken. Das führt aber auch dazu, dass sich die Leute nicht mehr wirklich Zeit nehmen, sondern ganz schnell hin und her switchen. Wer den Durchbruch schaffen will, muss wirklich kämpfen.
Leichter ist es durch diese neuen Möglichkeiten also nicht geworden?

Bradshaw Da ich selbst über Jahre in verschiedenen Bands gespielt habe und immer noch spiele, spreche ich aus Erfahrung, wenn ich sage, dass das Internet die Arbeit teilweise erschwert, anderseits aber auch seine Vorteile hat. Früher haben die Leute Neues im Radio entdeckt oder durch den Bericht in einem Musikmagazin und sich daraufhin die CD gekauft. Als Band hat man sich ein Label gesucht und unzählige Konzerte gespielt, um seinen Namen in Umlauf zu bringen. Heute muss man nicht unbedingt bei einem Label unter Vertrag sein und ist auch nicht auf einen Manager angewiesen. Wer richtig groß rauskommen will, braucht dies natürlich immer noch. Allerdings kann man sich dank Youtube, Instagram, Snapchat oder Facebook heute in Eigenregie bereits eine ordentliche Fanbase schaffen, noch bevor man überhaupt ein Konzert gegeben hat. Das ist ein Vorteil. Als Band kommt man nicht daran vorbei, Zeit in die sozialen Medien zu investieren, was wiederum ein gewisser Nachteil ist, weil es eben nicht mehr reicht, Musik zu komponieren und bei Live-Auftritten sein Bestes zu geben. Die großen Künstler haben sogar Teams, die sich um Social Media kümmern.

Zurück zum Sonic Visions: Worauf darf man sich in diesem Jahr freuen?

Bradshaw Wir starten am 15. November mit einem „lokalen Kick-off“ in der Rockhal, das eigentliche Musikfestival ist dann am 16. und 17. November. Freitags dominieren Hip-Hop und R’n’B, samstags dann eher Pop, Electro, Indie und Rock. Das Programm ist natürlich nicht willkürlich zusammengewürfelt, es gibt Headliner. 2015 hatten wir übrigens Rag’n’Bone Man im Programm, der zwei Jahre später großen Erfolg hatte. Bei uns trat er noch vor 200 oder 300 Leuten auf. Dies nur, um hervorzuheben, dass eine ganze Reihe Künstler, die beim Sonic Visions spielten und noch wenig bekannt waren, später größere Shows hatten. Headliner in diesem Jahr sind etwa am Freitag Moha La Squale, ein französischer Hip-Hop-/Rap-Künstler, der in seiner Heimat bereits großen Erfolg hat. Am Samstag steht die Electro-Pop-Künstlerin Angèle aus Belgien auf der Bühne, die sich gerade voll im Durchbruch befindet. Nennen kann man auch noch den in Frankreich bereits sehr erfolgreichen Eddy de Pretto, der nächstes Jahr in Amnéville in einem Saal für fast 10.000 Menschen spielt. Wir konnten also Musiker verpflichten, die nicht komplett unbekannt sind, sondern sich nur noch wenige Schritte vor dem internationalen Durchbruch befinden.

Das ganze Programm sowie Eintrittskarten unter www.sonicvisions.lu