LUXEMBURG
LUC SPADA

Ich habe gerade einen direkten Blick auf die linke Körperhälfte einer Frau, die zwar immer noch angezogen ist, aber ihr Kleiderstil lässt so einige Körperstellen ans öffentliche Tageslicht, das wir beide uns, unbekannterweise, in diesem Moment teilen.

Die Körperstellen, die ich im Blick habe und eher schlecht als recht auf diskrete Art und Weise zu begutachten versuche, sind voll mit Tattoos.

Die komplette Wade ist mit einem Fisch dekoriert. Dieser Fisch ist etwa so dünn wie Flipper (Delfin!) und auch ein bisschen niedlich. Ich weiß natürlich, dass Delfine keine Fische sind. „Der Fisch“ ist nicht nur niedlich, sondern auch böse, aggressiv oder zumindest schlecht gelaunt und bedrohlich. Wie ein Hai. Haie sind wirklich Fische! Insbesondere die übergroßen Augen können ganz schön Angst machen, wenn man dem Fischding länger in die Augen schaut. Es könnte auch ein Drache sein. Naja. Ein Flipperfischdrache vielleicht.

Hinten am Oberschenkel ist ein Baum tätowiert, der aber irgendwie lebendig wirken soll, was er tut, obwohl er streng genommen ein Tattoo ist. Nicht lebendig sein kann. Ein Baum mit Schwertern drin. Wer ein paar Grundkenntnisse in Google Translate und meinem Nachnamen aufzuweisen hat, weiß schnell, warum mir das ganz besonders gut gefällt.

Auf der vorderen Seite ist ein süßes Karussell mit Pferden eingetackert worden, ganz ohne „gewalttätigen Bruch“. Eine Möglichkeit: Die junge Dame will mit ihrem Körper die Widersprüchlichkeit des Seins wiedergeben.

Noch viele weitere Motive kann man erforschen: Kobolde, Blitze, ein Schwan oder eine sehr große Ente, eine Frau, die aber nicht sie selbst ist und ein Mann, der auch eine Frau ist.

Und da ist er wieder, der Gedanke: Ich will auch ein Tattoo. Ich will auch ein Tattoo. Ich will auch ein Tattoo. Vielleicht so einen Spruch am Innenarm entlang, ein Zitat aus einem meiner Bücher. Kritiker: Spada ist wirklich mega von sich eingenommen! Er tätowiert sich seine eigene Literatur auf den Körper. Antwort: Ja, aber sonst macht es wieder keiner.

Oder ich lass mir einen riesengroßen furchterregenden Drachen auf die Brust tätowieren, um bösen Menschen noch mehr Angst zu machen. Dann würde ich bei Lesungen nur noch oberkörperfrei per-formen. Vom Salon-Rebell zum Drachenkönig. Nehmt das, ihr Kulturheinis. Jetzt ist aber Schluss mit lustig.

Das Problem: Ich bin super schmerzempfindlich. Und ein Schisshase. Schon nur die Vorstellung, dass ich ruhig sitzen bleiben muss, währenddessen eine Nadel in mich rein stochert, lässt es mir kalt den Rücken hinunterlaufen. Aua! Aua! Aua!

Aber ich müsste mich langsam entscheiden. Noch bin ich ein bisschen jung. Nicht, dass ich mir kurz vor oder mitten in meiner Midlife-Crisis, nach Vorbild meines Onkels oder anderen Mitte-Vierzigjährigen, einen Tiger stechen lasse. Oldie, but still a wild one. Grrrr. Sorry Onkel. Hab dich lieb.