LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Unser Geist ist Produzent unserer Vorstellungen

Vielleicht haben Sie sich schon einmal gefragt, wie es eigentlich dazu kommen kann, dass wir konkrete Gedanken, Erkenntnisse und Vorstellungen von Dingen und Abstrakta haben können. Solche mentalen Inhalte, die es uns erlauben, über Gegebenes nachzudenken und autonom Vorstellungen und Gedanken zu generieren. Autonom, da wir nicht zur Schaffung jeder Vorstellung auf neuen sinnlichen Input angewiesen sind, sondern ganz einfach ein kreatives Oberstübchen zu haben scheinen. Produktivität braucht in diesem Rahmen nichts weiter als das Gehirn und den Geist. Diese These geht auf den alten Kant zurück, nach dem der Mensch die sinnlichen Eindrücke wahrnehmen und kognitiv verarbeiten kann. Dafür zuständig sind die geistigen Vermögen, Fähigkeiten unseres Geistes, die dem materiellen Stoff objektiv gültige Formen auferlegen können und diesen somit für uns kognitiv zugänglich machen.

Wie sind diese geistigen Fähigkeiten zu verstehen? Es scheint auszuschließen zu sein, dass sie anhand von dem, was wir ‚draußen‘ wahrnehmen, in uns entstehen. Unsere Art zu denken enthält nämlich formale Elemente, die nicht sinnlicher Natur sein können. Denkformen beschreiben, wie wir unsere mentalen Inhalte strukturieren. Sei dies nun zeitlich und räumlich oder kategorial und begrifflich. So scheint es, dass unser Denkvermögen mit angeborenen Fähigkeiten ausgestattet ist, durch welches wir etwas mit den Sinneseindrücken anfangen können. Im Geist befindet sich bei der Geburt demnach noch kein Inhalt, sondern lediglich die Potenz und Fähigkeit dazu, etwas aktiv aus dem, was wir in der Welt wahrnehmen werden, zu machen.

Die biologische Epigenese beschreibt die Doktrin, dass alle Lebewesen sich aus Samen oder Embryos in Zusammenwirkung mit natürlichen Einflüssen und Akkretionen entwickeln. Jeder Same enthält nach dieser Ansicht bereits selbst eine eigene vitale Kraft, welches seine vollständige Entwicklung garantiert. Also sind in ihm bereits alle Möglichkeiten zur Entwicklung vorprogrammiert, sodass diese nur noch im interaktiven Prozess mit der Umwelt verwirklicht werden müssen. Dies steht im Gegensatz zum mechanistischen oder rationalistischen Bild, bei dem das Lebewesen genetisch als a priori komplett angesehen wird, das nur noch stoffliche Masse zur Verkörperung braucht.

Verlagern wir die Theorie der Epigenese nun auf die mentale Ebene. Die Theorie der mentalen Epigenese behauptet demnach, dass alle unsere Vorstellungen Produkt eines aktiven Vorganges unserer kognitiven Fähigkeiten sind. Diese bringen es fertig, all das, was wir sinnlich wahrnehmen, in eine kognitiv greifbare Form zu bringen. Wir benötigen die Sinneseindrücke, um aktiv etwas draus machen zu können. Der Sinneseindruck allein reicht noch nicht aus, um einen konkreten Gedanken zu haben. Dazu muss noch eine Form, eine Struktur kommen, anhand derer das Wahrgenommene denkbar werden kann. Also müssen im Geist Fähigkeiten enthalten sein, die nicht sinnlich, sondern formal sind, um in Kooperation mit dem sinnlichen Input die Vorstellung zu bilden. Noam Chomsky (*1928), amerikanischer und weltweit bekannter Linguist, weist in diesem Kontext darauf hin, dass wir eine angeborene Fähigkeit zur linguistischen, grammatischen und syntaktischen Verarbeitung haben. Nur gewisse Wortaneinanderreihungen machen für uns einen Sinn. Wir merken automatisch, wenn lila undeutlich zur. Es ist laut Chomsky nicht auf sinnliche Erfahrungen oder Verhaltensaneignungen zurückzuführen, dass jeder sprachfähige Mensch, sogar schon kleine Kinder, eine unbestimmte Anzahl an neuen, grammatisch relevanten und aussagekräftigen Sätzen bilden kann. Der Stimulus von außen kann dieses angeborene grammatische Know-How nicht erklären. Demnach müssen in unserem Geist bereits gewisse Formen und Strukturen gegeben sein, die wir auf die uns erreichende Inputs anwenden können. Ein angeborenes, allgemeines grammatisches, sprachliches Verarbeitungsvermögen, sozusagen. Wir sind es also, die aktiv etwas aus unseren Sinneseindrücken formen.

Wird mit Chomsky nun weiter gedacht, geht dies weit über die bloß grammatische und linguistische Ebene hinaus. Das abstrakte Denkvermögen, also die Fähigkeit zum abstrakten Denken, erlaubt es uns, die Wahrnehmungswelt gedanklich zu ordnen und zu kategorisieren. Wir denken in Realitäten, Möglichkeiten, Substanzen, Negation, Einheiten, Kontingenzen und Notwendigkeiten. Solche Vorstellungen können nicht bloß aus sinnlichem Input hervorgehen. Das Modell der mentalen Epigenese versucht dieses geistige Produzieren zu erklären, indem es aufweist, dass unsere kognitiven Fähigkeiten durch die Verarbeitung von sinnlicher Information in uns Vorstellungen entstehen lassen. Schließen wir diese Reflexionen mit den weisen Worten Bias von Prienes: „Omnia mea mecum porto“ – „All meinen Besitz trage ich bei mir“. Mein eigentlicher Reichtum liegt in meinen charakterlichen Eigenschaft – und geistigen Fähigkeiten, nicht aber im materiellen Eigentum.