MASKAT
VANESSA BAUNACH

Oman betört, verwirrt und überzeugt

Vor meiner Rundreise durch den Norden Omans wurde ich häufiger gefragt, was es dort eigentlich zu sehen gebe, da sei doch nur kahles Gebirge und öde Wüste. Dies möchste ich mir genauer anschauen, zusammen mit 14 anderen Teilnehmern. Der erste Stopp gilt der Sultan Qabus Moschee in der Hauptstadt Maskat. Sie ist eine der weltweit imposantesten, aber sie beeindruckt mich in erster Linie durch ihre Sicherheitsmaßnahmen. Doch hier geht es nicht um Waffen. Die Gefahr lauert im Zeigen von zu viel Haut. Am Eingang wird von mehreren männlichen und weiblichen Sittenwächtern auf das Penibelste kontrolliert, dass wir bis zu den Hand- und Fußknöcheln bedeckt sind und unter dem Kopftuch der Frauen auch keine Haarsträhne herauslugt. Im Inneren angekommen offenbart sich der übliche Prunk aus Marmor, Gold, Kristall und weichem, handgeknüpftem Teppich. Der Weihrauch, der einem verzierten Brenner entweicht und als Parfum gegen Kopfweh und zur Insektenabwehr eingesetzt wird, benebelt die Sinne. Mittags machen wir Rast an einer heißen Quelle am Bergrand. Hier kommen neben ein paar Touristen auch Einheimische hin, vor allem Kinder nach der Schule. Sie baden und spielen im fließenden Wasser am Fuß des Berges. Am Gewässerrand packen indische Gastarbeiterfamilien ihr Picknick aus. Talaufwärts hinter großen Steinen wird es ruhiger. Ein paar Esel laufen seitlich entlang, einer erleichtert sich im Wasser. Noch etwas weiter oben steigt ein männlicher Anwohner ins kühle Nass, schäumt seinen Körper ein und badet ausgiebig. Der Quell des Lebens wird vielfältig genutzt.

Garten Eden nahezu unberührt

Am nächsten Tag geht es ein Stück weit in die Berge in ein Wadi. Wenn man daran vorbeifährt, kann man sich nicht vorstellen, dass es dort Leben gibt. Doch das wenige Regenwasser hat mehrere Canyons in die Felsen geschnitten. Bei einem Spaziergang zwischen Dattel- und Bananenplantagen bewundere ich den Kontrast der Palmen zu den Bergen im Hintergrund. Libellen, Schmetterlinge und Vögel schwirren um den Gebirgsbach herum. Wenn es regnet, schwillt das Wasser jedoch schnell gefährlich an und das Wadi ist nicht mehr begehbar. Die malerische Kulisse von Palmen gesäumtem türkisblauem und kristallklarem Wasser inmitten einer kahlen Felslandschaft beeindruckt mich tief. Ein riesiger natürlicher Abenteuer-Wasser-Spielplatz. Völlig kostenlos. Um weiter hineinzugelangen, geht es über und unter Felsen hindurch. Man muss balancieren, springen und kriechen. Unterwegs treffe ich auf sechs pakistanische Mädchen, die bei meinem Anblick staunend das Smartphone zücken, um mit mir ein Gruppenfoto zu machen. Sowohl Kinder als auch Erwachsene springen in die Naturpools und baden. Ihr Kichern schallt die Felsen hinauf.

In der Hafenstadt Sur lerne ich von Reiseführer Mustafa mehr über die Geschichte des Ortes als bedeutendem Handelsplatz. Hier wurde einst mit Perlen, Stoffen und Gewürzen gehandelt. Die Verbindungen reichten bis nach Indien, Afrika und Südostasien. Mittlerweile leben die Einwohner vom Fischfang und reiche Auftraggeber bestellen sich in der örtlichen Werft eine Dhau zum privaten Vergnügen. Während indische Gastarbeiter einem solchen Schiff den letzten Schliff geben, dürfen wir hinaufklettern und uns umschauen. Traditionell werden keinerlei Baupläne verwendet, sie existieren nur in den Köpfen der Erbauer. Im Gegensatz zu früher wird das wertvolle importierte Teakholz heutzutage von Nägeln zusammengehalten.

Dass eine solche Rundreise überhaupt möglich ist, verdanken wir Sultan Qabus. Bis zu seiner Amtsübernahme 1970 gab es im Land nur eine kurze geteerte Straße, drei Schulen und keine Krankenversicherung. Die Lebenserwartung lag bei 49 Jahren.

Ich fluche still, als ich am nächsten Morgen um sechs Uhr inmitten völliger Dunkelheit und bei Nebel vor einer fast 100 Meter hohen Sanddüne in der Wahiba Sands Wüste stehe, um als eine der ersten im Camp den Sonnenaufgang zu erleben. Beim Aufstieg merke ich schnell, dass es sich auf allen Vieren bequemer laufen lässt. Nach einer halben Stunde Gekeuche stehe ich völlig außer Atem auf der Düne und genieße die totale Stille und den heller werdenden Himmel. Der Tag erwacht und mit ihm meine Neugierde: Ist eine Wüste wirklich so lebensfeindlich, wie es auf den ersten Blick scheint? Im ersten Sonnenlicht entdecke ich verschiedene Tierspuren im Sand. Käfer, Skorpione, eine Katze und ein Huftier müssen in den Nachtstunden hier entlang gelaufen sein. Fasziniert lasse ich mich die Düne zum Camp wieder hinuntertreiben und befreie meine Stiefel von geschätzten zwei Kilogramm Sand.

In Nizwa, der heimlichen Hauptstadt des Oman, besuchen wir die Festung Jabrin, eine der schönsten Anlagen aus dem späten 17. Jahrhundert. Dort gibt es, wie in jedem guten Haushalt im Land, ein Dattellager. In Körben werden die Datteln auf Steinrinnen gestapelt. Das Eigengewicht drückt den Dattelsirup aus den Früchten durch die Rinnen in Tonkrüge. Außer als Nahrung für Beduinen und Seefahrer diente er früher zur Abwehr von Feinden. Über fast jeder Tür gibt es in Festungen Dattel- statt Pechnasen. Zehn Millionen Dattelpalmen gibt es im Land, 150 verschiedene Sorten. Seit 6.000 Jahren werden sie schon angebaut, vielfältig genutzt und ihre Früchte vor allem aus Gastfreundschaft zu jedem Kaffee mit Kardamom gereicht.

Mittags genügt ebenfalls eine Handvoll Datteln gegen den Hunger, bis wir das Massiv des Jebel Shams erreichen. Der Ausblick von dem über 3.000 Meter hohen Berg in die Schlucht hinunter ist wirklich atemberaubend. Aufpassen muss hier jeder selbst, es gibt nur an einer Stelle ein sparsames Metallgeländer. So behände wie die Ziegen hier herumzuklettern schafft man bei den spitzkantigen, etwa 200 Millionen Jahre alten Steinen sowieso nicht.

Mit dem SUV zum Wasserschöpfen

Den letzten Morgen der Rundreise beginnen wir auf einem traditionellen Viehmarkt. Man riecht und hört sie schon von Weitem: Schafe, Ziegen, Kamele und Rinder. Ich stehe in der Mitte eines Menschenauflaufs. Die Omaner bilden eine Gasse, durch die Viehverkäufer ihre Tiere führen und lautstark anpreisen. Interessenten prüfen das Fell, das Gewicht und die Zähne der Tiere und verhandeln den Preis, ebenfalls lautstark. Die Tiere zetern, reißen aus, Geld wechselt den Besitzer, Kinder lachen und laufen durch Tierfäkalien und das Ganze geht von vorne los. Aufgekratzt vom Beobachten dieses jahrhundertealten Treibens streife ich weiter durch den großen Souk. Dort kann man in verschiedenen Hallen fangfrischen Fisch, Geflügel, Obst, Datteln (Probieren erwünscht) und auch Getöpfertes erwerben.

Abseits des Ortszentrums erklärt uns Mustafa das landestypische Falaj-Bewässerungssystem. Es wurde vor über 1.500 Jahren von den Persern eingeführt und wird entweder aus einer Quelle, einem Wadi oder Grundwasser gespeist. Dort, wo das Wasser an die Oberfläche tritt, darf es nur als Trinkwasser genutzt werden. Zufällig kommt auch gerade neben uns ein SUV zum Stehen. Vater und Sohn steigen mit leeren Wasserbehältern aus und befüllen sie im Falaj. „Mineralwasser ist sehr teuer“, erklärt Mustafa, „diese Art der Wasserbeschaffung ist ganz normal hier“. In einem Land, in dem sich binnen einer Generation so viel verändert hat, gewinnen jahrhundertealte Traditionen noch einmal eine ganz andere Bedeutung. Zum Abschluß halten wir in der Altstadt von Maskat und genießen den Sonnenuntergang. Die Vogelscharen zwitschern in den Bäumen und der Muezzin ruft zum Gebet. Oman sieht man nicht einfach. Oman fühlt man.