LUXEMBURG
SOPHIA SCHUELKE

Migration aus Lust oder Zwang: Trois CL rüttelt mit Tanz an Emotionen der Zuschauer

Bei diesem Tanzstück geht es mal anders zu: Das Publikum sitzt nicht, sondern steht und das auch noch mitten im Raum. Aber Angst davor, vor allen peinlich rumzustehen, muss keiner haben. Denn entweder flitzen die drei Tänzer während ihrer Performance an einem vorbei, flüstern einem ein Geheimnis ins Ohr oder sie nehmen manchen Zuschauer ein Stück mit und stellen ihn an einen neuen Platz. Damit bricht das Tanzstück „Leave“ mit dem Üblichen.

Es ist ein Abend im Trois CL, geboten werden aber gleich zwei Tanzstücke, die sich um ein universelles Thema drehen: In den Stücken „Leave“ und „Art. 13“ geht es um Migrationsbewegungen. Um die von Flüchtlingen, aber nicht nur. Beide Stücke vermögen es, auch den migrationstechnisch unbeleckten Zuschauer zu berühren, eben weil sie das Thema universell und emotional anspruchsvoll bearbeiten.

Keuchen als Antrieb

Das Tanzstück „Leave“ von Jennifer Gohier und Grégory Beaumont von der „Compagnie Corps In Situ“ ist ein sehr dynamisches Werk. Als Thema haben sie sich kein leichtes, aber ein die Menschheit antreibendes ausgesucht: In den rund 30 Minuten geht es um Aufbruch, Verlassen, Auswandern, Vertriebenwerden, um all jene Bewegungen, die im Zusammenhang mit Weggehen stehen, und um die Emotionen, die mit diesen Migrationsbewegungen verbunden sind. Sei es der Aufbruch in der frohen Hoffnung auf ein besseres Leben, sei es die Flucht aus brutalen politischen Zwängen heraus. Sowohl Abschiedsschmerz als auch Vorfreude auf Neues sparen die drei Tänzer Piera Jovic, Georges Maikel und Julie Barthélémy nicht aus. Sie gestalten das Stück als Reise, mit den entsprechenden Anstrengungen: mal gehetzt, mal langsam, mal erschöpft, mal kraftvoll. Die Geräuschkulisse kommt zur besseren Verdichtung des Themas zeitweise direkt von den Tänzern selbst. Mit einem rhythmischen und schwelendem Keuchen verdeutlichen sie die körperliche Anstrengung, die Migration auch abverlangt; das Außer-Atem-Sein, aber auch das Fürchten auf einer Flucht. Wer hingegen emi- oder immigrierte Ahnen hat, wird bei dem Geräusch wohl an das Einfahren eines Zuges mit Dampflok denken müssen.

Mit dem Spiel aus Deutungsvielfalt, in denen jede persönliche Migrationserfahrung einen Platz finden darf, passt das Stück zu dem Kollektivprojekt „Art. 13“, welches direkt im Anschluss im Trois CL gegeben wird. Hier haben sich Regisseurin Sandy Flinto und Choreograph Giovanni Zazzera eine Inszenierung erdacht, die sich ebenfalls mit verschiedenen Formen menschlicher Mobilität in der globalisierten Welt auseinandersetzt. Als Vorbereitung wählte sich das Team eine besondere Aufgabe: Die Tänzer sollten an einem heißen Sommertag dicke Wintersachen anziehen und mit einem Rucksack voller Schuhe vom Hauptbahnhof zum Probenort ziehen. „Die Idee dahinter war, herauszufinden, wie man sich fühlt, wenn man auffällt, weil man überhaupt nicht ins Bild passt“, erklärt Zazzera. „Mancher vertraute Ort wurde fremd, man wurde zum Fremden in seiner Stadt.“ Und das sollte auf die Bühne übertragen werden. Es sei dann darum gegangen, das Gewicht des Gepäcks und des Andersseins körperlich zu spüren und in Bewegungen umzusetzen, erklärt der Choreograph weiter. Catarina Barbosa, Baptiste Hilbert und Zazzera selbst tanzen das Stück, Pierrick Grobéty sorgt für die musikalische Klangbild.

Tschüß, Komfortzone

Es gibt eine Szene, in der die Musik laut schrillt, in Verbindung mit schnell blitzendem Stroboskoplicht kann das für den Zuschauer schon mal kurz physisch unbehaglich werden. Doch nichts, was auf der Bühne dargestellt wird, entspricht in seiner Schwere dem Grauen, mit dem die Flüchtlinge in der Realität fertig werden müssen, hatte Zazzera sinngemäß zu Bedenken gegeben. Und dennoch hämmern Musik und die durch das Stroboskoplicht abgehackt wirkenden Bewegungen, die hier wie ein vertanztes aggressives Aufbäumen und verzweifeltes Abschütteln inszeniert werden, auf den Zuschauer ein, wird er aus seinem gewohnten Komfortbereich rausgedrängt.

Fühlte man sich eben noch mulmig, prasseln bei der nächsten Tanzphrase schon wieder ganz andere Gefühle auf einen ein. Denn die drei Tänzer stellen wieder unterschiedliche Situationen dar und wecken verschiedenen Emotionen, dazu variieren sie abwechslungsreich in Tempo, Tanzebene, Besetzung oder Stimmung: Mal wird rasant getanzt, mal allein in gerader Haltung, dann wiederum werden gemeinsam Hebefiguren am Boden ausgeführt, bis schließlich mit aggressiven oder unterstützenden Bewegungen eine ablehnende oder solidarische Stimmung gezeichnet wird. Das zu verfolgen, fesselt und wühlt auf. Aber einen ganz besonderen, da tänzerisch anspruchsvollen und dramaturgisch spannenden, Höhepunkt bietet das Trio, als es abwechselnd mit verbundenen Augen tanzt und in dieser Konstellation sogar Hebefiguren vollführt. Dieser Tanz, und seine Hebefiguren mit verbundenen Augen, ist ein poetisches Bild für einen Seiltanz ins Unbekannte, in die Fremde, der Menschen auf sich selbst zurückwirft und sie dabei von Weggefährten und Gastgebern abhängig macht.

Egal, ob man täglich pendelt, wegen dem Studium wegzieht, Flüchtlinge kennt, entfernt wohnende Familie hat, selbst noch nie umgezogen oder gerade dabei ist, auszuwandern oder wieder heimzukehren, nach dem Tanzabend im Trois CL wird man anders über seine Migrationsgeschichten und die der anderen denken. Man wird sie, lässt man es zu, sogar aus einer anderen Perspektive fühlen können.


Die beiden Stücke werden am 3. und 4. Januar im Trois CL, Bananefabrik, gezeigt. Beginn um 19.00. Eintritt 8/15 Euro