LUXEMBURGGERHARD KLUTH

Grigory Sokolov in der Philharmonie

Der Begleittext im Programmheft der Philharmonie war überschrieben mit dem (deutschen) Titel „Charaktervolle Tastenkünstler“. Er bezog sich auf die Komponisten, mit deren Werken das Klavierrezital gestaltet werden sollte und sollte erklären, dass Jean-Philippe Rameau, Wolfgang Amadeus Mozart und auch Ludwig van Beethoven musikalische Individualisten waren.

Aber auch der Interpret des vorgestrigen Abends, Grigory Sokolov, zählt zweifelsfrei zu dem Individualisten. Er hat das Image, eigen zu sein und dieses Image pflegt er auch. Er lässt sein Publikum warten. Nicht Übergebühr, aber doch länger, als es andere Pianisten tun. Wenn er dann, mit einer Hand fast auf dem Rücken, die nur spärlich beleuchtete Bühne betritt und den Flügel erreicht hat, sind Verbeugung und Platznehmen fast eins. Man sagt über Sokolov, er kenne die Charakteristik eines jeden Konzertflügels, den er je gespielt hat. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ war sogar einmal zu lesen, Steinway-Flügel hätten eine panische Angst, wenn der Mann aus St. Petersburg nahe. Mit absoluter Treffsicherheit würde er alle Schwächen sofort entlarven.

Faszinierende Anschlagtechnik

Genauso individuell, fast möchte man sagen eigenwillig, sind auch Sokolovs Programme. Auf dem Kirchberg stellte er die zweite Suite aus Rameaus „Pièce de clavessin“ der Klaviersonate Nr. 8 in a-Moll von Mozart und der „Hammerklaviersonate“, Opus 106, von Beethoven gegenüber. Man hätte auch sagen können, er stellte Welten gegenüber. Hier die filigrane Welt des französischen Barock, dort die ausufernde Sinfonie für Klavier, die es sogar in einer Fassung für großes Orchester gibt.

Faszinierend an Sokolov ist, und das war auch im dicht besetzten Grand Auditorium so, seine Anschlagstechnik. Er spielt nicht Klavier, er zaubert die Töne aus dem Instrument hervor. Vom zartesten Pianissimo, das wie aus einer anderen Welt kommt, bis hin zum erschütternden Fortissimo, alles war dabei. Dazu eine Virtuosität, die der Dynamik keinen Abbruch tut und das Publikum nur staunen lässt. Beethovens B-Dur Sonate gilt als das technisch schwierigste Opus dieses Genres, das der Komponist zu Papier gebracht hat. Den Ruf der Unspielbarkeit, der ihr lange anhaftete, hat sie inzwischen verloren. Aber fest steht, dass sie für den ausführenden Künstler sehr undankbar ist, weil sie so gar nicht in den Fingern liegen will. Davon aber konnte man bei Sokolov überhaupt nichts merken.

Er meisterte alle Hürden und manchmal hatte man den Eindruck, er sei geistig gar nicht mehr anwesend. Er war versunken in der Musik. Sein Gestus vermittelte fast, die Musik entstünde gerade jetzt im Moment. Stehende Ovationen waren die folgerichtige Konsequenz. So geriet dieser Teil des Konzertes etwas zur Entschädigung für das, was man in der ersten Hälfte vermissen musste. Mozarts KV 310 kam doch an vielen Stellen zu mechanisch daher, hinterließ oft den Eindruck, hier laufe ein Uhrwerk ab. Präzise zwar, aber zu eintönig.

Da hätte man mehr draus machen können. Und Rameau? Auch hier war Sokolov technisch brillant und er zeigte, dass er sich intensiv mit der barocken Spielweise befasst hat. Die Meister der damaligen Zeit sparten sich in der Notation meist die Angabe von Verzierungen wie etwa Triller. Damals ging man davon aus, dass der Ausführende weiß, wo eine Verzierung zu platzieren sei. So reihte sich bei Sokolov ein Triller an den anderen. Auch da, wo es anderen Pianisten schwer gefallen wäre, belebte er den Notentext. Trotzdem aber konnte er den neun Sätzen der Suite im Sinne des Komponisten nicht gerecht werden. Rameau auf dem modernen Konzertflügel geht nicht. Das Ergebnis stimmt nicht. Das, was in der Philharmonie erklang, erinnerte an einen Diamanten, der in Acryl eingegossen ist. Man kann zwar sein Aussehen, seinen Schliff bewundern, aber das innere Feuer, das Farbspiel kommt nicht zum tragen.

Diese Musik ist für das Cembalo geschrieben. Kein Flügel ist in der Lage, diese perlenden Klänge zu produzieren. Sokolov verstärkte dieses Problem noch durch einen intensiven Pedalgebrauch, der die Musik zu einem Klangwust werden ließ. Gut, dass es am Ende Beethoven gab.