Es mag in SaarLorLux noch an manchen Ecken knirschen, aber heute leben wir in Luxemburg, Metz und Trier nicht mehr mit dem Rücken zueinander, sondern von Angesicht zu Angesicht über die Grenzen hinweg. Man redet sogar miteinander, sei es auch in Englisch. Mag man in Sachen Atomkraft verschiedener Meinung sein, aber debattiert wird nicht mehr mit dem Messer zwischen den Zähnen. In unserer Region haben die Menschen aus der blutigen Geschichte, vom pfälzischen Erbfolgekrieg bis zur Ardennenschlacht, gelernt - wobei die Luxemburger immer quasi im Vorübergehen die Hucke voll bekamen. Gerade weil hier alle wissen, dass die Rückkehr zur Vergangenheit nur Übles bedeuten würde, ist die Großregion ein europäisches Erfolgsmodell geworden.

Also alles klar auf der Andrea Doria? Leider ganz und gar nicht. Während in den Kernlanden der EU, also bei uns, das Zusammenwachsen quasi automatisch voranschreitet, scheint sich die EU nur noch durch einen medialen Nebel von Milliarden und Billionen zu tasten. Alle reden nur noch von Geld. Ätzend.

Das Frieden ein Wert ist, den man nicht mit Milliarden messen kann, hätte man ohne die Entscheidung des Nobelkomitees wahrscheinlich ganz vergessen. Die EU bedeutet seit mehr als sechzig Jahren Frieden. Was war vorher? Die heimtückischste Erfindung des 19. Jahrhunderts war weder das Zündnadelgewehr noch die Gatling-Gun, sondern der Nationalstaat. Als Folge nahm das Drama seinen Lauf: Ouvertüre 1870/71, erster Akt Sarajewo 1914, letzter Akt Reichskanzlei Berlin 1945, Epilog Bosnien 1995.

Während wir in unserer Region glauben, dass uns das alles nicht mehr passieren kann, erhebt anderswo in Europa der braune Auswurf der Geschichte sein fauliges Haupt. Es sind nicht die Breivigs und Zschäpes, die die Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern, egal wie viel Menschen sie in ihrem faschistischen Wahn getötet haben. Gefährlich sind die Schwätzer in den grauen Anzügen, unter denen sie ihre imaginären braunen oder schwarzen Hemden verstecken, die es bis in die Parlamente geschafft haben. In der Alt-EU schwadronieren sie sich meist dank geistiger Defizite um Kopf, Kragen und Wiederwahl. Anderswo ist dem leider nicht so.

In Budapest ist das braune Monster jetzt mit einem Knall durch die dünne Bauchdecke der Demokratie gestoßen und hat vom Pult des Parlamentes aus den wiedergeborenen Julius Streicher gegeben. Schlimm genug, dass die Ultranationalisten von Victor Orbàn Parlament und Regierung beherrschen. Noch schlimmer, dass 17% der Ungarn mit der „Jobbik“ bekennende Faschisten gewählt haben, aber es ist unfassbar, dass ein Abgeordneter (der Jobbik) in einem europäischen Parlament im Jahr 2012 eine „Judenliste“ fordern kann, ohne dass er einen Ordnungsruf oder eine scharfe Entgegnung erhält. Reaktion: Null! Für Orbàns sind das alles nur Petitessen (man könnte die Faschos ja noch brauchen, denkt er wohl).

Nicht jeder in Europa hat aus der Geschichte gelernt. Manche wollen offenbar auch gar nichts lernen, sondern dem Nationalismus frönen.

Nichts ist klar auf der Andrea Doria!