Muttis Geburtstag fing wie in jeder ordentlichen Familie mit einem Krach an. Zumindest waren sich Mutti und ihre Kumpels aus dem Kreis der EU-Regierungschefs, plus JCJ, derart uneins, dass man vorgestern nicht in ihren Geburtstag hineinfeierte, sondern sich hinein stritt. Eine schöne Geburtstagsüberraschung für Mutti Merkel die gestern 60 Jahre alt wurde.

Die Kanzlerin, die sich bei drei Bundestagswahlen durchsetzen konnte, ist eigentlich die ideale Figur um einen europäischen Familienkrach zu schlichten. Nicht etwa weil sie eine gute Mediatoren ist, sondern wegen ihrer Fähigkeit ihren Standpunkt nach Tagesbedarf zu wechseln. Zumindest im deutschen Binnenverhältnis. Während Horst Seehofer wegen seiner Sprunghaftigkeit stets Prügel bezieht, kann die Kanzlerin ihre Wendungen als „staatsmännisch“ verkaufen.

Im Gegensatz zu den verschmitzten Freunden des „Compromis à la belge“ fehlt es ihr an Lebensfreude und der Bereitschaft mal Fünfe gerade sein zu lassen. Das „Et hätt noch emmer jot jejange“ eines rheinisch-katholischen Adenauers wäre Mutti so fremd wie der Mond gewesen. Da steht ihr das protestantische Über-Ich im Weg. Sie kommt aus jenem Biotop, in dem Grabsteinsprüche gedeihen wie „Und war es Arbeit und Mühe, so war es doch gut“. Wie soll man diese radikale Ethik denn im gut katholischen Südeuropa verstehen? Merkels harter Sparkurs in Europa ist kein deutscher Imperialismus, sondern luthersche Denke. Kein Wunder, dass die calvinistischen Niederländer und die nicht minder protestantischen Skandinavier stets an ihrer Seite stehen.

Angesichts des Brüsseler Geraufe um Posten und Einfluss könnte sie sich ja entspannt zurücklehnen, sie hat in Günter Oettinger, dem letzten Nicht-sozialdemokraten der CDU, ihren Kommissar. Weder Ratspräsident, noch Außenbeauftragte/r, noch Euro-Gruppen-Boss stehen auf ihrem Wunschzettel. Mit Martin Schulz (echter Sozi) hat sie schon einen deutschen mit Einfluss in der europäischen Hierarchie und noch wichtiger ist, dass sie nach kurzer Witterungsaufnahme sehr schnell begriff, dass an JCJ kein Weg vorbeiführte. Als das blöde Wahlvolk wirklich darauf bestand, dass der siegreiche Spitzenkandidat auch den Spitzenjob bekommen soll, warf sie mal wieder das Ruder rum und machte den Herz-Jesu-Sozialisten zu ihrem Mann. Selbst wenn man ihr Zähneknirschen in ganz Europa hörte.

Steht Mutti also für Wählerwillen? Quatsch. Im Innenverhältnis richtet sie sich nach der gerade vorherrschenden Meinung. In ihrer kurzen industriefreundlichen Phase probte sie den Ausstieg aus dem Atomausstieg , um zwei Tage nach dem GAU von Fukushima, die radikalste Halse der deutschen Innenpolitik hinzulegen, um aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg auszusteigen. Meinungen ändern, wie andere Gebrauchtwagen umlackieren.

Die protestantische Stringenz, die sie im Außenverhältnis zur eisernen „Kanzlerin“ stilisiert, lässt sie in der deutschen Innenpolitik vermissen. Da gibt sie den Hollande und lässt sich auf den Blödsinn einer Rente mit 63 ein, das Volk jubelt aber wer rechnen kann fasst sich an den Kopf.

Oder will sie selbst mit 63 abschwirren nach Ischia?