LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Das „Enterprise Europe Network“ feiert zehn Jahre Bestehen - Was steckt dahinter?

Das „Enterprise Europe Network“ (EEN) feierte am Montag in der Handelskammer zehn Jahre Bestehen. Mit dabei waren neben Vertretern der Partner Handelskammer, Handwerkskammer und Luxinnovation sowie der EU-Kommission auch zahlreiche Unternehmen - schließlich sind sie es ja, die davon am meisten profitieren.

Das 2008 gegründete Netzwerk ist in jeder Region oder zumindest jedem Land der EU präsent, insgesamt in über 60 Ländern weltweit mit 600 Kontaktinstitutionen und nicht weniger als 4.000 Experten, die den Unternehmen zur Seite stehen. Seine Aufgaben: Informationen zur Verfügung stellen, Unternehmen beim grenzüberschreitenden Geschäft begleiten, die Internationalisierung fördern, auf Hindernisse dabei aufmerksam machen und Innovation sowie den Zugang zu Finanzierung fördern. In Luxemburg beruht das EEN auf einer strategischen Partnerschaft zwischen der Handelskammer, der Handwerkskammer und Luxinnovation. Bei der Handelskammer stehen den Unternehmen sechs und bei den anderen beiden je vier Experten zur Verfügung. Wir stellen vor, was das EEN macht und wie es hilft.

Carlo Thelen | Direktor der Handelskammer

„Für die Luxemburger Handelskammer stellt das ‚Enterprise Europe Network‘ einen erheblichen Mehrwert dar. Weiterhin sehe ich ein wachsendes Interesse an der Aufrechterhaltung und der Weiterentwicklung von diesem EU-Service. Mit seinen projekt- und dienstleistungsorientierten Ansätzen integrieren sich die Aktivitäten des ‚Enterprise Europe‘ Netzwerkes als ergänzende und bereichernde Maßnahme, die uns erlaubt, vor allem unseren zahlreichen kleinen und mittleren Unternehmen und Kleinstunternehmen in einem europäischen und internationalen Umfeld konkret zur Seite zu stehen. Mit der Gründung des Luxemburger ‚Entreprise Europe Network‘- Konsortiums im März 2008, war es das Ziel der Handelskammer, der Handwerkskammer und der Luxinnovation, ihre Kräfte zu bündeln und den Luxemburger Unternehmen ein reiches Angebot nützlicher europäischer Informations- und Hilfeleistungen zur Verfügung zu stellen. Dank dieser strategischen Partnerschaft und durch die Vielfalt und Vielseitigkeit der erbrachten EU-Dienstleistungen, ist es uns gelungen, vor allem die Klein- und Mittelunternehmen auf Maß in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zu unterstützen und ihre Innovations- und Internationalisierungsprojekte nützlich zu begleiten.“

Yuriko Backes | Leiterin der Vertretung der EU-Kommission in Luxemburg

„Heute ist das EEN-Netzwerk zur Unterstützung von kleinen und mittleren Unternehmen das größte der Welt. Es hilft Unternehmen dabei Geschäfts- und Technologie-Partner zu finden, in internationale Märkte einzutreten sowie EU-Gesetze zu verstehen und Zugang zu EU-Finanzierung zu erhalten. Dank des EEN können Unternehmensleiter in ganz Europa schnell und leicht notwendige Informationen über Märkte erhalten. Die Sichtbarkeit der Unternehmens-Erfolge in diesem Rahmen ist sehr wichtig, vor allem in Zeiten, die oft von ‚fake news‘ und schlechten Nachrichten bestimmt werden. Daher hat die Kommission mit Blick auf das Budget nach 2020, das die Zeit von 2021 bis 2027 abdecken wird, das Programm Invest EU vorgeschlagen, um alles unter einem Dach zu versammeln; sowohl die Budgetfinanzierung der EU inklusive des COSME als auch Kredite und Garantien. Die Kommission geht davon aus, dass der Fonds InvestEU mehr als 650 Milliarden Investitionen zusätzlich in der

EU während der sieben Jahre generieren wird.“

Charles Bassing | Stellv. Generaldirektor der Handwerkskammer

„Nichtsdestotrotz können kleine und mittlere Unternehmen aufgrund ihrer Größe bestimmte Themen nicht antizipieren, Projekte in großen Linien erfassen oder auf bestimmte Herausforderungen des Alltags reagieren.

Ein gesundes und wettbewerbsgerechtes Wachstum des Unternehmens muss angemessen begleitet werden. Das ist ausschlaggebend und daher ist die Rolle, die die lokalen Vertreter vom ‚Enterprise Europe Network‘ spielen äußerst wichtig; und zwar sowohl auf nationaler, als auch auf europäischer Ebene.

Die Luxemburger Besonderheit eines Konsortiums aus drei starken Partnern - nämlich der Handelskammer, Luxinnovation und der Handwerkskammer - ist bereichernd, weil jeder etwas Besonderes dazu beiträgt, sowohl im Hinblick auf die Bandbreite der Branchen als auch im Hinblick auf die Vielfalt der Themen.“

Pierre Gramegna | Finanzminister

„Als ich Handelskammer-Direktor war, gab es schon den Vorläufer des EEN. Früher hieß das ‚European Info Center‘ und beim Besuch eines Kommissions-Vertreters habe ich die Bezeichnung moniert. Ich sagte, eigentlich sei es doch ein Unternehmensnetzwerk - und als es einige Monate später in ‚Enterprise Europe Network‘ umbenannt wurde, hatte ich das Gefühl, ein bisschen Namensvater zu sein. Darüber hinaus spricht man das Kürzel ‚EEN‘ wie ‚eins‘ aus, und das passt ja auch gut. Schließlich ist es das größte Netzwerk in Europa. Internationalisierung und Innovation sind zwei Schlüssel zum Erfolg. Daher ist das Netzwerk so wichtig.

Besonders dankbar sind wir in Luxemburg der EU-Kommission für die Kooperation vor Ort. Ohnehin ist Europa viel stärker und besser als viele glauben wollen. Die Wirtschaft läuft, die Wachstumsrate ist mit 2,5 Prozent so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. Wir haben in Luxemburg viel dafür getan, kleinen und mittleren Unternehmen zu helfen, unter anderem mit der Reduktion der Steuern auf 15 Prozent für KMU und der steuerlichen Begünstigung von Investitionen sowie dem ‚House of Startups‘.“

Jean-Christophe Laloux | Generaldirektor Europäische Investitionsbank

„Die Europäische Investitionsbank macht viel für kleine und mittlere Unternehmen, das nicht so bekannt ist. Wir wissen, dass gerade in der Krise viele kleine und mittlere Unternehmen Schwierigkeiten hatten, eine Finanzierung zu finden. Wir arbeiten im Hintergrund mit jenen, die diese Unternehmen finanzieren: Banken, Private Equity, Business Angels, Fonds, Asset Manager und andere. Deshalb sehen Sie uns nicht. Aber wir haben 750 Finanzierungspartner in ganz Europa. Allein 2017 haben wir rund 30 Milliarden Euro für rund 120.000 kleine und mittlere Unternehmen bereitgestellt - in nur einem Jahr.

Wir wollen auch weiter innovative kleine und mittlere Unternehmen unterstützen. Deshalb ist der Juncker-Plan wichtig. In Europa scheitern wir oft bei der Finanzierung von nicht greifbaren Werten wie beispielsweise Software. Unternehmen aus diesem Bereich gehen in die USA, um Finanzierung zu finden. Das wollen wir ändern. Die EU will hier Instrumente finden.“

„Wir haben bislang über 12.000 Termine für Luxemburger Unternehmen vereinbart“, sagt Sabrina Sagramola, Leiterin von „European Affairs & Greater Region“ bei der Handelskammer Luxemburg - Lëtzebuerger Journal
„Wir haben bislang über 12.000 Termine für Luxemburger Unternehmen vereinbart“, sagt Sabrina Sagramola, Leiterin von „European Affairs & Greater Region“ bei der Handelskammer Luxemburg

„Die kleinen und mittleren Unternehmen im Land immer im Zentrum“

Sabrina Sagramola kennt das „Enterprise Europe Network“ (EEN) wie sonst kaum jemand. Schließlich hat sie es als Leiterin Europäischer Angelegenheiten und der Großregionsthemen bei der Handelskammer Luxemburg von Anfang an mit betreut und aufgebaut. Hier erklärt sie, was es damit auf sich hat.

Frau Sagramola, Sie kümmern sich um das „Enterprise Europe Network“. Was ist das?

Sabrina Sagramola Das Konsortium des „Enterprise Europe Networks“ in Luxemburg wurde im Rahmen einer strategischen Partnerschaft zwischen der Handelskammer, der Handwerkskammer und der Luxinnovation im Jahre 2008 ins Leben gerufen, um die Luxemburger Unternehmen im Rahmen des Binnenmarktes sowie ihres Internationalisierungs- und Innovationsprozesses zu unterstützen. Bei den drei Organisationen sind die EEN-Mehrwertdienstleistungen in den jeweiligen Strukturen sehr stark integriert. Die respektiven Teams, die für das EEN arbeiten, hatten schon Erfahrung, als es losging. Dies beruht auf ihre Mitgliedschaft in vorherigen Netzwerken der EU-Kommission, die früher als „Euro Info Centres“ und „Innovation Relay Centres“ geführt wurden. Das hat sehr geholfen. Für mich ist es wichtig, dass die Luxemburger Unternehmen von dieser langjährigen europäischen Netzwerk-Erfahrung profitieren können. Des Weiteren, wenn das EEN die ganze Kraft des Netzwerks nutzen will, muss es gut im wirtschaftlichen Umfeld integriert sein. Deshalb arbeiten wir auch ganz eng mit den Ministerien, den Berufsföderationen und vielen anderen nationalen Wirtschaftsakteuren zusammen.

Was genau machen Sie?

Sagramola Das „Enterprise Europe Network“ unterstützt und verbindet Unternehmen und Forschungseinrichtungen bei der Erschließung von Auslandsmärkten, der Suche nach Geschäfts- und Projektpartnern, der Beteiligung an europäischen Förderprogrammen, der Verbesserung Ihres Innovationsmanagements und der Übermittlung Ihres Feedback an die Europäische Kommission zu Problemen im Binnenmarkt. Somit versuchen wir alltäglich im Dienste der Kleinstunternehmen und der kleinen und mittleren Unternehmen, der so genannten KMUs zu stehen, um diese auf die neuen Herausforderungen des digitalen Binnenmarktes vorzubereiten und um sie zu unterstützen, alle Chancen auf den europäischen Märkten und aus ihren internationalen Handelsbeziehungen und dem Technologietransfer zu schöpfen. Darüber hinaus haben wir bislang über 12.000 Termine für Luxemburger Unternehmen vereinbart. Wir haben auch insgesamt rund 200 internationale Events organisiert. Rund ein Drittel der von uns organisierten bilateralen Geschäftstreffen führt zu konkreten Ergebnissen. Man darf aber nicht vergessen, dass gar nicht jedes Unternehmen Verträge will, viele wollen sich erstmal informieren oder die Fühler ausstrecken.

Profitieren bestimmte Branchen stärker als andere vom EEN?

Sagramola Dies ist sehr unterschiedlich und hängt von jedem Land und den jeweiligen europäischen Regionen ab. Im Allgemeinen wenden sich die Dienstleistungen des „Enterprise Europe Network“ an alle Wirtschaftssektoren. In der Begleitung des Internationalisierung und der Innovation gibt es zum Beispiel mehr Unternehmen aus den Bereichen Industrie und Dienstleistungen die wir hauptsächlich begleiten. In den weiteren Dienstleistungssparten sind Handels-und Handwerkssektoren wiederum mehr vertreten. In anderen Ländern der EU kann dies wiederum ganz anders sein. Davon kann es aber durchaus Abweichungen geben.

Sehen die Unternehmen das als Aktion Europas oder Dienstleistung der Kammern, respektiv der Luxinnovation?

Sagramola Die Unternehmen hier nehmen das als Dienstleistung unserer Trägerorganisationen wahr. Ob ihnen auch bewusst ist, dass wir Teil eines Europäischen Netzwerks sind, weiß ich nicht. Sie sehen das ganz pragmatisch und wir auch. Vor allem für die KMUs ist es wichtig, dass sie mit einem professionellen Ansprechpartner in Kontakt stehen, der ihnen schnell und schlüssig zum Thema EU, Internationalisierung und Innovation zur Seite stehen kann.

Wie hat sich die Arbeit des EEN seit der Gründung verändert?

Sagramola In diesem Zusammenhang spielt der heutige Wirtschaftskontext eine sehr große Rolle. Heute geht alles schneller. Unternehmen haben nicht mehr viel Zeit und erwarten sich direkt beim ersten Kontakt eine konkrete Antwort zu erhalten. Deshalb ist es wichtig, dass das nationale Konsortium als eingespieltes Team arbeitet und auftritt. Des Weiteren haben wir vor zehn Jahren noch viele Dienstreisen mit dem Bus gemacht. Heute gilt: Je kürzer, desto besser. Daher nehmen wir bei der notwendigen kritischen Masse eher eine Charter-Maschine, fliegen morgens zum Beispiel zu einer internationalen Messe und abends zurück. Am gleichen Tag soll am Besten eine thematische Führung organisiert und ein gezieltes Matchmaking-Programm angeboten werden, damit der Tag äußerst lebhaft und kompakt verläuft. Intensiver ist die Betreuung der Startups, weil sie gar keine Zeit haben und es doch preislich stimmen muss. Da bieten wir am Besten A bis Z Lösungen an. Des Weiteren sind internationale Kooperationsbörsen weiterhin sehr gefragt und werden immer gerne in Anspruch genommen, weil diese Veranstaltungen nicht viel Zeit in Anspruch nehmen und auch sehr kostengünstig sind.

Was planen Sie noch?

Sagramola Über die Jahre hinweg haben wir uns in der Organisation von internationalen Kooperationsbörsen spezialisiert. Unser internationales Matchmaking-Konzept „b2fair - Business to Fairs“, das wir in 2004 im Rahmen eines EU-Projektes entwickelt und fortgeführt haben, wird heute immer mehr von den Mitgliedern des „Enterprise Europe Networks“ europaweit und weltweit in Anspruch genommen.

Wie profitiert Luxemburg noch?

Sagramola Auch nutzen wir immer mehr das Europäische Netzwerk, um immer mehr Business-Delegationen nach Luxemburg zu holen. In diesem Sinne organisieren wir dieses Jahr vom 26. bis zum 28. November eine internationale Matchmaking-Plattform im Rahmen der diesjährigen EXPO GAST, um somit die internationalen Geschäftsbeziehungen in diesem Sektor anzuregen. Auch denken wir im Moment darüber nach, mit unseren EEN-Homologen aus Portugal eine gemeinsame Initiative im Rahmen des „Web Summits“ in Lissabon zu organisieren. Eines darf man nicht vergessen: Wir haben in diesem europäischen Netzwerk gute und zuverlässige Partner und brauchen nicht immer die erste Geige zu spielen, wenn das nicht sinnvoll ist. Da spielt Absprache eine große Rolle. Neu ist im übrigen auch das Angebot der Handelskammer „Entrepreneurs, parlons d’Europe!“ in Zusammenarbeit mit der Vertretung der Europäischen Kommission hier in Luxemburg. Cordelia Chaton