LUXEMBURG
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Luxemburg sollte keine Angst vor der Digitalisierung der Arbeitswelt haben

Auch das Weltwirtschaftsforum und die OECD beschäftigen sich mit der Zukunft der Arbeit

Weltweite Aussichten

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung („Organisation for Economic Co-operation and Development“, OECD) und das Weltwirtschaftsforum („World Economic Forum“, WEF) haben sich zum Jahresbeginn 2018 eingehend mit der Thematik rund um die digitale Zukunft der Wirtschaft befasst.
Das WEF gibt dabei acht zentrale Szenarien für die Zukunft der Arbeit bis 2030 vor, die im Zuge der Automatisierung unter dramatischen Veränderungen stehe. Die acht Szenarien, die im Januar vorgestellt wurden, hängen dabei stark von drei Faktoren ab: Dem technologischen Fortschritt einerseits, der Freizügigkeit der Talente und der Arbeitskräfte andererseits sowie der Evolution in den nötigen Kompetenzen.
Optimalszenario Ausbildung und Anpassung
Abhängig davon, wie schnell oder langsam sich diese Faktoren ändern, gibt es demnach Szenarien wie eine stark polarisierte Welt, ein Szenario mit dem verstärkten Einsatz von Roboter-Arbeitskräften, einer produktiven Lokalen Wirtschaft oder einer Massen-Mobilität der kompetenten Arbeitskräfte. Das Optimalszenario „Agile Adapters“ setzt dabei auf reformierte Ausbildungen, angepasste Arbeitszyklen und eine Wirtschaft, die von Maschinen und künstlicher Intelligenz unterstützt wird, in der die Menschen sich aber grundsätzlich immer den neuesten Trends und Entwicklungen anpassen.
Die zentrale Aussage der OECD-Studie, die im März veröffentlicht wurde: Die Liste der Aufgaben, die von künstlicher Intelligenz oder normalen Robotern nicht mehr ausgeführt werden können, schrumpft zusehends. Das klingt fürchterlich, hat aber Vorzüge; denn dadurch bestehe das Potenzial, Arbeitskräfte für produktivere Aufgaben frei zu machen, die weniger Routine verlangen. Für Kunden resultiere das in kleineren Qualitätsunterschieden und einer besseren Dienstleistung. Zumindest in der Theorie. Betroffen seien demnach knapp 14 Prozent der Arbeitsplätze in OECD-Ländern, die als „stark automatisierbar“ einzustufen sind, weitere 32 Prozent dürften in den Folgejahren große Veränderungen mitmachen. Das heiße aber nicht, dass das zu unzähligen Entlassungen führe: Die OECD führt an, dass durch die Automatisierung und Digitalisierung eine Reihe an neuen Arbeitsplätzen entstehen wird, um die Geräte zu verwalten und ihnen zu assistieren. Die totale Beschäftigung dürfte in der Folge dadurch weiter steigen. Auch die OECD nennt daher eine vernünftige Qualifikation durch Weiterbildung und konkrete Ausbildung im Jugendalter als kritischstes Element in der Umsetzung in eine moderne Wirtschaft. 
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„Jobfresser“ Roboter: ein Zerrbild laut Experten Foto: Shutterstock - Lëtzebuerger Journal
„Jobfresser“ Roboter: ein Zerrbild laut Experten Foto: Shutterstock

Arbeitsminister Nicolas Schmit wurde in den vergangenen Monaten nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Digitalisierung der Arbeitswelt gravierende Auswirkungen auf die Beschäftigung haben wird, und etwa zehn bis 15 Prozent der Jobs wegfallen könnten. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, müsse dann auch konsequent in die Aus- und Weiterbildung investiert werden, und müssten die Arbeitnehmer bereit sein, sich anzupassen.

Derweil manche, vor allem standardisierte Jobs verschwinden würden, würden aber gleichzeitig dank neuer Technologien auch andere Jobs geschaffen werden, so dass die Digitalisierung auch eine Chance für unsere Wirtschaft darstellen könne, und Luxemburg keine Angst vor einer Digitalisierung der Arbeitswelt haben sollte.

DESI-Studie: Luxemburg unter den ersten Fünf

Nicht später als am Freitag veröffentlichte die EU-Kommission dann auch seine alljährliche „Digital Economy and Society Index“-Studie (DESI), aus der hervorgeht, dass Luxemburg gut auf die Digitalisierung der Arbeitswelt vorbereitet ist, und sich in puncto digitaler Fortschritt erneut auf Platz fünf platzieren konnte, hinter den skandinavischen Ländern (Dänemark, Schweden, Finnland) und den Niederlanden.

Dass die Regierung das Thema der Digitalisierung positiv und offensiv angeht, „ohne jedoch die Sorgen der Bürger aus dem Blick zu verlieren“, das sagte Nicolas Schmit auch vor zwei Wochen bei der Vorstellung der Studie „Arbeiten 4.0 - Chancen und Herausforderungen für Luxemburg“, die von der Salariatskammer zusammen mit der Handelskammer und dem Arbeitsministerium in Auftrag gegeben wurde, und den Einfluss der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt zusammenfassen sollte. Viel Neues hat die 132 Seiten starke Studie dann aber nicht gebracht, wie die Sozialpartner enttäuscht feststellten.

Die Studie ist komplementär zum Rifkin-Prozess zu sehen, und befasst sich mit den sozialen und arbeitsmarktpolitischen Aspekten der Digitalisierung, um der Politik und den Sozialpartnern somit Handlungsfelder aufzuzeigen.

Die Studie bescheinigt Luxemburg dann auch ebenso wie die bereits erwähnte DESI-Studie, bei der digitalen Ausstattung und Ausbildung ziemlich gut dazustehen, wobei im öffentlichen Dienst und bei den Betrieben aber noch Nachholbedarf bestehe.

So zeigt sich Nicolas Schmit überzeugt, dass die Digitalisierung der Arbeitswelt ein ganz ernstes Thema für die kommende Regierung werde, egal wie diese zusammengesetzt sei. 

Die arbeitslose Zukunft ist noch nicht für morgen: Dr. Terry Gregory vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung über Ängste vor Digitalisierung und Robotisierung und den Rhythmus der Entwicklung

Dr. Terry Gregory vom deutschen Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung zeigt zunächst einmal zwei alarmierende „Spiegel“-Titel über die Automatisierung der Arbeit. „Die Roboter kommen“ heißt es in etwa auf den beiden „Covern“. Das eine ist rezent und baut auf einer Studie auf, die 2013 für ziemliches Aufsehen sorgte: „The Future of Employment: How susceptible are jobs to computerization“ von Carl Benedikt Frey und Michael Osborne von der Universität Oxford. Sie hatten bei rund 700 Berufsklassen in den USA berechnet, wie hoch die Probabilität der Informatisierung sein könnte. Und schlossen daraus, dass 47 Prozent der Berufe eine hohe Gefahr laufen, irgendwann von einem Computer erledigt werden.

„Jobfresser“ Roboter: ein Zerrbild

Eine Schlussfolgerung, die eine breite Diskussion und zahlreiche Ängste ausgelöst hatte. Das zweite „Spiegel“-Cover zeigt ebenfalls einen bedrohlichen Roboter als „Jobfresser“. Nur ist es fast 40 Jahre alt.

Terry Gregory steuert den Ängsten im Zusammenhang mit der Automatisierung und der Digitalisierung aber vor allem mit Studienergebnissen entgegen. Für ihn ist der Fokus auf die Berufe, den Frey und Osborne gewählt haben, nicht der richtige. In seinen Forschungen hat er vielmehr Tätigkeiten untersucht - ein Beruf begreift viele unterschiedliche davon -, die das Risiko laufen, irgendwann durch Computer ersetzt zu werden.

Sogar mehr Jobs durch Digitalisierung in deutschen Betrieben

Wobei das Risiko, dass Nicht-Routine-Tätigkeiten automatisiert werden, logischerweise geringer ist. Schlussfolgerung aus den Arbeiten mit dieser Herangehensweise: In den USA wären schätzungsweise lediglich 9 statt 47 Prozent der Stellen durch Automatisierung akut betroffen. Ein weit weniger alarmierender Anteil also.

Gregory und andere Forscher des Mannheimer ZEW haben auch genauer untersucht, wie die Unternehmen etwa in Deutschland mit den so genannten „4.0-Technologien“ umgehen. Etwa die Hälfte der rund 2.000 untersuchten Betriebe hätten auf die Frage inwieweit sie Roboter oder vernetzte, selbstlernende Maschinen einsetzen, sich noch nicht damit beschäftigt oder würde erst damit beginnen.

Die andere Hälfte nutze diese Technologien allerdings bereits als Geschäftsmodell. Das verleitet zu der Annahme, dass die Automatisierung der Jobs doch nicht so schnell fortschreiten wird, als angenommen. Gregory hat sogar berechnet, dass die Digitalisierung in Deutschland unter dem Strich mehr Jobs geschaffen hat.

Große Herausforderungen für die Politik

Zwar seien zwischen 2011 und 2016 fünf Prozent der Stellen in den untersuchten Betrieben durch Maschinen ersetzt worden, aber sechs Prozent durch die Produktivitätssteigerung, die dadurch entstand, neu geschaffen worden. Auch für die Zukunft sieht der Forscher kleine positive Effekte auf die Beschäftigung. „Die Angst vor einer arbeitslosen Zukunft kann man widerlegen“, meint er, weist aber gleichzeitig auf profunde Änderungen in den Berufen hin. „Es gibt große Struktureffekte“, sagte Gregory am Dienstag bei einem Seminar in Luxemburg.

Wenn Maschinen Routinearbeiten übernehmen, werden die Arbeitnehmer verstärkt für Nicht-Routine-Arbeiten eingesetzt, die natürlich mitunter eine ganze Menge mehr Wissen erfordern. Deshalb kommt der Aus- und Weiterbildung künftig eine noch wesentlich stärkere Bedeutung als heute zu.

Aber auch die Arbeitsmarktpolitik, die Lohn- und Steuerpolitiken stehen damit vor großen Herausforderungen.