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Wie man Kindern Geduld beibringt

Einer vorgelesenen Geschichte bis zum Ende zuhören, sitzenbleiben, bis alle am Tisch aufgegessen haben, die Eltern ein Telefonat beenden lassen – abwarten ist für viele Kinder eine Herausforderung. Wer seinem Kind dabei helfen will, Geduld zu lernen, braucht vor allem eins: Geduld. In vielen Situationen beweisen Kinder ganz von selbst Geduld, erklärt Buchautor und Kinderarzt Herbert Renz-Polster. „Wer sein Kind beim Spielen beobachtet, sieht, dass es sich oft selbst Zügel anlegt und auf etwas hinarbeitet.“ Zum Beispiel beim Verstecken spielen: Ohne äußere Zwänge warten Kinder geduldig im Versteck. So lernen sie, ihre Gefühlswelt zu regulieren, erklärt Renz-Polster. Diese Erfahrung muss das Kind selbst machen, Eltern können sie dabei aber unterstützen.
Dabei sollte Warten stets positiv besetzt sein: „Warten darf für Kinder kein Stress sein, es muss sich gut anfühlen.“ Eine klassische Situation: Vater oder Mutter telefoniert, das Kind möchte etwas erzählen. „Das Anliegen des Kindes wird in diesem Moment von vielen Eltern als weniger relevant bewertet“, meint Renz-Polster. Wer seinem Kind trotzdem einen Augenblick Aufmerksamkeit schenkt und erklärt, dass man nach dem Gespräch noch einmal in Ruhe spricht, zeigt: Du bist mir wichtig. Das motiviert das Kind, zu warten.
Kinder zeigen ein unterschiedliches Verhaltensrepertoire. „Selbst Geschwister in einer Familie entwickeln die Fähigkeit, geduldig abzuwarten, in ganz verschiedenem Tempo.“ Vergleichen sollte man Mädchen und Jungen dabei nicht.

An konkreten Dingen erklären

Ein konkretes Alter, in dem Kinder Geduld erlernen, gibt es nicht, meint Ralph Schliewenz vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Wenn Kinder anfangen zu sprechen und eine Reflexion ihrer Umwelt zeigen, kann man anfangen, ihnen Geduld beizubringen. Bei vielen Kindern ist das ungefähr im Alter von zwei bis drei Jahren. Allerdings können Kinder noch nicht die Zeit überblicken: "Man kann einem Zweijährigen nicht sagen, dass man in zehn Minuten wieder da ist."
Wartezeiten müssen gerade bei kleinen Kindern an konkreten Dingen erklärt werden. Wer seinem Kind sagt: „Nachdem du dich bettfertig gemacht hast, lese ich eine Geschichte vor“, macht die Zeit begreifbar. Oberste Maxime, bei dem Versuch, Geduld beizubringen: Eltern sind das Vorbild. „Wer permanent hektisch durch die Gegend rennt, sollte sich nicht wundern, wenn auch das Kind unruhig ist“, sagt Schliewenz. „Selbst zwischendurch innehalten und zum Beispiel das Smartphone mal warten lassen – so können wir Geduld vorleben.“
Nicht auf alle Kinder überträgt sich Geduld aber von allein. Dann kann man diese Eigenschaft üben. Schon kleine Erfolge wertschätzen, hilft: „Wenn das Kind abwartet und nicht dazwischenredet, sollten Eltern das Verhalten loben“, rät Schliewenz. Die Erwartungen, die Eltern an ihre Kinder haben, sollten dabei stets altersgerecht sein: „Wer zu hohe Erwartungen an die Geduldspanne des Kindes hat, wird schnell enttäuscht.“ Als grober Richtwert gilt: Ein Siebenjähriger hat ungefähr eine Aufmerksamkeitsspanne von sieben Minuten.
Mit dem Alter ändert sich auch das Zeitfenster, in dem ein Kind Geduld aufbringen kann und muss, meint Ulric Ritzer-Sachs von der Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. Im Grundschulalter wird Geduld wichtiger, denn im Unterricht wird diese Fähigkeit abverlangt. Eltern sollten diesem Schritt aber entspannt entgegenblicken: „Im Kindergarten werden die Kinder auf den Übergang zur Schule vorbeireitet und auch darauf, Aufmerksamkeit und Geduld aufzubringen.“

Der Trick mit der Eieruhr

Auch zu Hause lässt sich Geduld üben. Ein Trick ist, mit einer Eieruhr bestimmte Zeiträume abzugrenzen, verrät Ritzer-Sachs. Wer beim Lieblingsspiel des Kindes merkt, die Aufmerksamkeit geht verloren, kann eine Eieruhr stellen und sagen: „Komm, bis die Uhr klingelt, spielen wir weiter.“ So üben Kinder, etwas zu Ende zu bringen. Dabei sollte man die Eieruhr nicht durch den Timer auf einem Handy ersetzen. Auch davon, Zeitgefühl anhand einer Fernsehsendung oder dem Spiel auf einem Tablet begreifbar zu machen, rät Ritzer-Sachs ab. „Bildschirme lenken ab und fordern eine spezielle Form der Aufmerksamkeit.“
Geduld ist laut Ritzer-Sachs auch Typ-Sache: „Einige Kinder sind einfach zappeliger als andere.“ Doch nicht immer ist es eine Schwäche, ungeduldig zu sein. Wer wenig Geduld hat, strengt sich manchmal besonders an, um eine Aufgabe zügig zu beenden. Außerdem ist ein bisschen Ungeduld auch belebend: „Übergeduldige Kinder, die alles in Zeitlupe machen – das kann auch anstrengend sein.“