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Das Saarland erinnert sich an Willi Graf, Mitglied der Widerstandsbewegung „Die Weiße Rose“

Dieses Jahr jährt sich der 100. Geburtstag und der 75. Todestag des Widerstandskämpfer Willi Graf. 15 von seinen 25 Lebensjahren hatte Willi Graf im Saarland gelebt. Die Landeshauptstadt Saarbrücken, die Willi-Graf-Schulen und die katholische Kirche in Saarbrücken haben dies zum Anlass genommen, 2018 ein Willi Graf Gedenkjahr auszurufen. Willi Graf, der von 1922 bis 1937 in Saarbrücken gelebt hatte, gehörte in München der studentischen Widerstandgruppe Weißen Rose an. Seine Wurzeln hatte der am 2. Januar 1918 im niederrheinischen Kuchenheim geborene Willi Graf allerdings in seinem katholischen Glauben und in der Jugendarbeit der katholischen Kirche in Saarbrücken.

Nach Abitur und Arbeitsdienst begann Willi Graf Ende 1937 in Bonn sein Medizinstudium. 1940 wurde Graf zur Wehrmacht eingezogen, als Medizinstudent wurde er zum Sanitäter ausgebildet und an der Ostfront eingesetzt. Dort wurde er Zeuge der nationalsozialistischen Verbrechen. „Das Elend sieht uns an“, schrieb Willi Graf, erschüttert über das Warschauer Ghetto in sein Tagebuch. Seit April 1942 konnte Willi Graf sein Studium in München fortsetzen, wo er die Medizinstudenten Hans Scholl und Alexander Schmorell kennenlernte. Zusammen bildeten sie die „Weiße Rose“.

Geschmuggelte Druckmaschinen und eine fatale Flugblattaktion

In insgesamt sechs Flugblättern prangerten sie die menschenverachtende Politik Adolf Hitlers an und riefen zum Protest gegen sein Terror-Regime auf. Ihre Schriften wurden in Deutschland und später auch im Ausland per Post und durch Flugblätter tausendfach verbreitet. Alexander Schmorell und Hans Scholl schrieben 1942 die ersten vier Flugblätter. Auf Schmorell ging eine wichtige Passage im zweiten Flugblatt zurück, das den hunderttausendfachen Judenmord in Polen als „das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen“ anprangerte. Zum ersten Mal machten Nazigegner aus der Studentenschaft in Deutschland damit den Holocaust öffentlich. Seit Dezember 1942 war Willi Graf an der Diskussion des fünften Flugblattes der Weißen Rose beteiligt. Im Winter 1942/43 unternahm Willi Graf mehrere Reisen auch an die Saar, bei denen er ehemalige Kameraden aus der katholischen Jugend traf. Er hoffte, in ihnen Mitstreiter zu finden. Nur vier von ihnen, darunter die Geschwister Bollinger aus Saarbrücken, sagten Unterstützung zu. Graf hatte eine in Einzelteile zerlegte Druckmaschine ins Saarland geschmuggelt, den die Geschwister Bollinger bedienten, im Februar 1943 nahm er im Zug von Saarbrücken nach München einen Koffer voller Flugblätter mit. Graf war der Logistiker der Widerstandgruppe, er beschaffte Geld und zog mit Hans Scholl und Alexander Schmorell nachts los, um in München 29. Mal Parolen wie „Nieder mit Hitler!“ an Häuserwände zu schreiben.

Nicht die Rekrutierungsreisen von Willi Graf wurden den Widerstandskämpfern zum Verhängnis, sondern eine leichtsinnige Flugblatt-Aktion in der Münchner Uni. Ein Hausmeister der Universität beobachtete am 18. Februar 1943 Hans und Sophie Scholl beim Abwerfen von Flugblättern in den Lichthof der Universität und alarmierte die Gestapo. Am gleichen Tag wurden die Mitglieder der Weißen Rose verhaftet. Am 22. Februar 1943 starben die Scholls und Christoph Probst bereits unter dem Fallbeil. Am 18. April 1943 wurde Willi Graf gemeinsam mit Alexander Schmorell und Professor Kurt Huber, der das sechste Flugblatt formuliert hat, vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt. Während Huber und Schmorell bereits nach zwei Monaten hingerichtet wurden, wurde Willi Graf immer wieder von der Gestapo, die ihn als Kopf der Gruppe einstufte, verhört. Grafs Vater richtete in dieser Zeit an alle möglichen Stellen und bei verschiedenen einflussreichen Personen Hilfs- und Gnadengesuche für seinen Sohn. Willi Graf blieb in den Verhören standhaft und schwieg.

Saarbrücken und katholische Kirche taten sich schwer mit der Erinnerung

Deshalb hatten seine Saarbrücker Freunde Heinz und Willi Bollinger Zeit, die Maschine, mit der die Flugblätter der Weißen Rose vervielfältigt worden waren, in der Saar zu versenken. Am 12. Oktober 1943 wurde auch Willi Graf im Alter von 25 Jahren, als Letzter, wie alle anderen Mitglieder der Weißen Rose, durch das Fallbeil hingerichtet. In einem geschmuggelten Abschiedsbrief an seine Schwester Anneliese richtete er seinen Freunden aus: „Sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben. Für uns ist der Tod nicht das Ende, sondern der Anfang wahren Lebens.“

1946 erfolgte auf Veranlassung der Familie Graf die Überführung von Willi Grafs Gebeinen nach Saarbrücken, wo er seither im Familiengrab auf dem Alten Friedhof St. Johann bestattet ist. Die Stadt Saarbrücken und auch die katholische Kirche haben sich jahrelang sehr schwer getan mit der Erinnerung an den Widerstandskämpfer. 1947 hatte der Freiburger Generalvikar, noch geurteilt, „Graf und seine Gesinnungsgenossen hätten nicht in Einklang mit den christlichen Moralgrundsätzen“ gehandelt. Mittlerweile erinnern mehrere nach ihm benannte Gebäude, darunter die Willi-Graf-Realschule und die Willi-Graf-Gymnasien in Saarbrücken und München, an sein mutiges, eigenverantwortliches Handeln. Bald könnte sogar in München ein Seligsprechungsverfahren eingeleitet werden, sein Mitstreiter Schmorell ist bereits ein Heiliger der orthodoxen Kirche.


Quellen: Herrmann, Hans-Walter (Hg.), Widerstand und Verweigerung im Saarland,
Bd. 1: Mallmann, Klaus-Michael/Paul, Gerhard, Das zersplitterte Nein, Bonn 1989