LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Kunst von Männern erzielt auf dem Markt höhere Summen - Neue Studie zeigt, woran es liegt

Rembrandt, Andy Warhol und Claude Monet - diese Maler kennt jeder. Doch wie sieht es mit Artemisia Gentileschi, Berthe Morisot und Cindy Sherman aus? Eben. Der Kunstmarkt ist schon lange und noch immer männlich dominiert.

Doch wie viel weniger Künstlerinnen wirklich verdienen, damit hat sich Roman Kräussl von der „Luxembourg School of Finance“ beschäftigt. Der Finanzprofessor, der in Zeitungen lieber zuerst das Feuilleton liest als die Wirtschaftsseiten, analysiert seit Jahren den internationalen Kunstmarkt. Nun hat er gemeinsam mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Renée Adams von der „University of New South Wales“, Marco Navone aus Sydney und Patrick Verwijmeren aus Rotterdam die Studie „Is gender in the eye of the beholder? Identifying cultural attitudes with art auction prices“ veröffentlicht. Dafür wurden nicht nur Auktionsdaten ausgewertet. Die Forscher haben zudem Studienteilnehmern Kunstwerke unter einem fingierten Künstlernamen gezeigt, bei denen die Teilnehmer das Geschlecht erraten sollten: Wähnten sie den Künstler männlich, gefiel ihnen das Werk im Durchschnitt mehr als wenn sie eine Künstlerin vermuteten.

Was sich in der Kunstwelt ändern muss, damit die Kunst von Frauen - auch finanziell - mehr wertgeschätzt wird, erklärt Roman Kräussl im Interview.

Mit Ihrer Studie belegen Sie, dass Kunst von Männern zwischen 1970 und 2013 viel teurer verkauft wurde, als die von Frauen. Das ist an sich ja leider keine Überraschung.

ROMAN KRÄUSSL Genau, es war ein Gerücht und jetzt gibt es eine Studie, die belegt, dass die Kunst von Frauen auf dem Markt tatsächlich weniger einbringt als die von Männern. Damit, dass es bei den Alten Meistern so ist und in der zeitgenössischen Kunst nicht, kann man sich nicht trösten, denn der Unterschied zieht sich unverändert durch die Kunstepochen. Die Studie zeigt auch, wie groß der finanzielle Unterschied ist.

Und der ist beträchtlich?

KRÄUSSL Allerdings, er beträgt fast die Hälfte. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Für Gemälde von Männern wurden bei Auktionen durchschnittlich 48.212 US-Dollar bezahlt, für die von Frauen nur 25.262. Wir haben 45 Länder untersucht. In Ländern mit größeren Gender-Unterschieden ist es noch extremer. Aber dass es in den sonst so fortschrittlichen Ländern in Skandinavien besser ist, konnte ich nicht feststellen.

Die Studie bezieht sich nur auf Gemälde?

KRÄUSSL Ja, weil das den Markt ausmacht. Bei Fotografie und Performancekunst läuft es für Frauen finanziell etwas besser, wohl auch, weil vor allem Letzteres eher eine Nische ist.

Wie sind sie auf dieses Forschungsgebiet gekommen?

ROMAN KRÄUSSL Ich habe vor zwölf Jahren angefangen, die Finanzpsychologie der Kunstmärkte zu untersuchen und Auktionsdaten zu sammeln. Inzwischen habe ich die weltweit größte Datenbasis zu diesem Thema und bin auf dem Forschungsgebiet führend. 2007 hatte ich eine Liste der hundert Bestverdiener der Kunstwelt erstellt, an der Spitze Andy Warhol, Pablo Picasso und Gerhard Richter. Als mir auffiel, dass nur eine Frau in den Top 100 war, war ich schockiert.

Wer war das damals?

KRÄUSSL Die US-amerikanische Malerin Georgia O’Keeffe. Dann analysierte ich den Verdienst der zehn Künstlerinnen, die sich am besten verkaufen. Allerdings lag diese Summe unter den zehn am schlechtesten verdienenden männlichen Künstler meiner ersten Top-100-Liste.

Was läuft da schief?

KRÄUSSL Dass die Kunst von Frauen schlechter ist, kann es nicht sein. Es gibt genauso gute und schlechte Kunst von Männern wie von Frauen und umgekehrt. Ich habe mich 2007 auf der Documenta und der Art Basel umgesehen: Dort war das Problem, dass letztendlich mehr Kunstwerke von Männern gezeigt wurden. In vielen Galerien läuft es ähnlich, obwohl viele Frauen im Kunstbereich arbeiten. Es kann sein, dass die Investition in Gemälde von männlichen Künstlern rational als sicherer erscheint. Aber ich sage immer: Kauft die Kunst, die euch gefällt. Ich denke, Frauen kaufen selbst auch eher Kunst von Männern, weil diese den höheren Markenwert hat, und vielleicht auch, weil sie den Vorwurf, immer nur „Frauenkunst“ zu kaufen, vermeiden wollen.

Welche Auswirkungen hat das für die Künstlerinnen?

KRÄUSSL Die Kunst von Frauen erzielt nicht nur weniger hohe Preise, sondern wird auch insgesamt weniger verkauft und gezeigt. Für angehende und junge Künstlerinnen stellt sich angesichts eines nur halben Verdienstes die Frage, ob sie diesen Beruf ergreifen sollten. Aber ich würde sagen: Natürlich. Man muss das tun, was einen ausfüllt, nur so kann man richtig gut und glücklich werden.

Wenn wir also ein Kunstwerk für 5.000 Euro sehen, das uns gefällt, aber den Kaufgedanken fallen lassen, weil es von einer Frau ist und wir glauben, dass es sich deswegen finanziell nicht lohnt, sind wir also selbst schuld?

KRÄUSSL So einfach ist es nicht. Wir müssen alle lernen, keine Angst vor dem eigenen Geschmack zu haben und an das zu glauben, was wir mögen und tun. Nebenbei, wenn es 5.000 kostet und von einer Frau ist, ist es ja aller Voraussicht nach unterbewertet.

Was müsste sich also ändern?

KRÄUSSL Wenn man Kunst von Frauen auf dem Markt haben will, dann muss man sie zeigen und anbieten, die Nachfrage kann sich sonst nicht ändern. Außerdem muss es mehr Diskussion um Frauen und ihre Kunst geben, aber nicht ausschließlich. Es ist eine Frage an uns alle, an Männer und Frauen, denn wir sind die Käufer und wir bestimmen den Markt.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Studie?

KRÄUSSL Galeristinnen bestätigten mir das finanzielle Preisgefälle, von einigen Männern gab es Machosprüche, von einigen großen Konferenzen werden wir möglicherweise als Redner eingeladen. Aber wir müssen bei unserer Studie sehr aufpassen, dass wir keine technischen Fehler machen, da warten einige nur drauf.

Wieso?

KRÄUSSL Was wir sagen ist lästig. Alle wissen es, aber jetzt ist es belegt und das stört natürlich. Auch eine meiner anderen Studien, „Does it pay to invest in art?“, hatte für Wirbel gesorgt.

Zahlt es sich denn nicht mehr aus?

KRÄUSSL Doch, aber man muss Ahnung haben. Einfach nur passiv kaufen funktioniert nicht. Man muss denken, lernen, besichtigen, Kunst wertschätzen. Das ist ja auch der größte Horror für einen Reichen: Als Kunst- und damit als Kulturbanause zu gelten. Reich aber blöd ist nicht sehr angesagt.


Weitere Infos und Link zur Studie unter

tinyurl.com/art-gender