LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Wer nichts mehr riecht, leidet im Alltag und riskiert gefährliche Situationen

Immer, wenn Brigitte Heimann kocht, fragt sie ihre 15-jährige Tochter, ob sie abschmecken kann. Denn Heimann hat ein Problem: Sie riecht nichts mehr. Und das hat viele Auswirkungen. „Alles schmeckt etwas eintönig“, sagt sie, „wie Pappe“. Gefährlicher ist, dass sie warnende Gerüche nicht wahrnimmt. Wenn es in der Pfanne raucht, muss sie das sehen. Riechen kann sie nicht. „Das ist ein echter Verlust der Sinne“, bedauert sie. Angefangen hat alles mit einer dicken Erkältung. Nach der Geburt ihres ersten Sohnes schlief sie wenig, arbeitete weiter und wollte alles schaffen. Zwei Geschwister kamen hinzu, eine Scheidung und eine Trennung. Heimann ist oft gestresst. Das scheint eine Auswirkung zu haben. „Manchmal, wenn ich ganz entspannt bin, habe ich das Gefühl, ich kann etwas riechen, Blumen zum Beispiel“, sagt sie. Aber sie ist sich selbst nicht sicher, ob das Phantomeindrücke sind.

Für den totalen Verlust des Geruchs gibt es einen Begriff: Anosmie. Das Phänomen ist so häufig, dass es immerhin geschätzt fünf Prozent der Bevölkerung betrifft. Mit steigendem Alter gibt es mehr Fälle. Doch viele Hals-Nasen-Ohrenärzte stehen der Anosmie hilflos gegenüber.

In Frankreich hat sich 2015 mit der AFAA SOS Anosmie „Accompagner les personnes qui ont perdu l’odorat“ ein Verein gegründet, dem auch einige Luxemburger beigetreten sind. Betroffene wollen sich austauschen. Ein möglicher Hintergrund: Ihre Zahl steigt, denn gerade Menschen ab 50 sind häufiger vom Verlust des Geruchssinns betroffen.

In Deutschland gibt es einige wenige Experten wie Dr. Clemens Heiser von der TU München, Dr. Thomas Hummel aus Dresden oder Dr. Reinhard Köller aus Hamburg. Letzterer behandelt nicht wie die meisten Ärzte mit Kortison, sondern mit Procain, das leicht betäubt. Eine seiner Patientinnen, die nach 18 Jahren wieder riechen konnte, berichtet von ihrem Besuch im Internet. Das Procain bewirke eine Art Neustart wie bei einem Computer. Die Wirkung setzt nicht sofort, sondern zeitverzögert ein. Dabei schwoll die Nase zwischendurch und fühlte sich nicht gut an. Dennoch schrieb die glückliche Frau: „Ich kann seit Heiligabend wieder riechen. Bis heute! Das ist die längste Riech-Periode seit ca. 18 Jahren!“. Der Arzt selbst geht von einer Erfolgsquote von ca. 40 Prozent aus.

Auch Heimann will es mit dem Arzt versuchen. „Riechen ist ein Sinn. Und wenn man den nicht hat, geht viel Lebensqualität verloren. Ich kann meinen Partner oder meine Kinder nicht riechen, den Frühling nicht oder auch kein Parfum.“ Das Essen mit Freunden macht dann nur noch halb so viel Spaß, der Appetit nimmt ab. Viele von Anosmie Betroffene sind leicht depressiv. Oder sie haben Angst, selbst eigene Gerüche wie Schweiß oder Mundgeruch nicht wahrzunehmen. Es kann aber auch gefährlich sein. Denn wenn die Milch sauer ist, riechen es Betroffene nicht. Auch Brand- oder Gasgeruch können sie nicht wahrnehmen.

Heimann kennt das nur zu gut. Sie hofft jetzt, dass ihr Dr. Köller in Hamburg weiterhelfen kann. „Wenn das nicht klappt, habe ich keine weiteren Ideen“, sagt sie. Aber noch ist es nicht so weit. •

Riechtraining über längeren Zeitraum kann helfen

Nase her und los

Die Riechzellen erneuern sich alle dreißig Tage. Sie lassen sich trainieren. Patienten sollten sich sechs Monate lang morgens und abends für fünf Minuten vier verschiedene Duftstoffe unter die Nase halten. Das können beispielsweise Eukalyptus, Zwiebeln, Gewürznelke, Rose oder Zitrone sein. Diese sollten in verschlossenen Einmachgläsern aufbewahrt werden. Jeder Duft sollte rund 15 Sekunden lang erschnuppert werden. Die Gerüche sollten mit dem Begriff und der Erinnerung daran verbunden werden. Darüber hinaus sollten Betroffene nicht rauchen, die Nase durch Spray oder Luftbefeuchter feucht halten, Alkohol vermeiden und Allergien, durch die die Schleimhäute anschwellen - wie Heuschnupfen - behandeln lassen.