LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Als Kostümbildnerin und Präsidentin der ASPRO kennt Peggy Wurth die Situation hinter den Kulissen

„Wenn man jung ist, macht man sich noch weniger Gedanken“, sagt Peggy Wurth und lacht. Seit rund 15 Jahren arbeitet sie in der Theaterbranche als Kostümbildnerin, teils auch als Bühnenbildnerin. Leicht war die Zeit nicht immer. „Mir war von Anfang an klar, dass es ein anstrengender Job ist und er mich nicht reich machen würde. Das hielt mich aber nicht von dem Studium ab. Ich wollte immer etwas Künstlerisches machen. Und da ich in einer Familie aufgewachsen bin, in der jede Frau nähte und auch ich Spaß daran hatte, war schnell klar, dass es in diese Richtung gehen sollte. Gegen die Modebranche und fürs Theater habe ich mich entschieden, weil ich es spannender finde, einen Schauspieler gezielt für eine bestimmte Rolle einzukleiden, als Kleidung für eine unbekannte Kundschaft zu entwerfen. Im Theater arbeite ich noch dazu im Team. Es gibt ein Projekt, einen Text oder auch nur eine Idee, an der man dann im gegenseitigen Austausch arbeitet, bis sich nach und nach ein Ganzes, beziehungsweise das Universum dieses Stücks, entwickelt“, erzählt uns die 37-Jährige.

Kostüm hilft, in die Rolle zu schlüpfen

Die Kostüme seien derweil immer wichtig, auch wenn es sich um ein zeitgenössisches Stück handele, in dem die Schauspieler Jeans und T-Shirt tragen. „Auch das sind Kostüme, wenngleich sie für de Kostümbildner natürlich weniger Aufwand bedeuten. Dennoch: Alles, was man auf der Bühne sieht, wurde gezielt für die Produktion ausgewählt oder kreiert. Ein Schauspieler steht nie in seinen eigenen, privaten Kleidern auf der Bühne. Indem er sein Kostüm überstreift, schlüpft er gleichzeitig in seine Rolle“, erklärt Peggy Wurth. Zwei bis drei Produktionen macht sie derzeit pro Jahr. „Davon könnte ich allerdings nicht leben. Als ich noch keine Kinder hatte, habe ich mehr gemacht und auch für Filmproduktionen gearbeitet, die übrigens besser bezahlt sind. Wählerisch darf man in diesem Job jedenfalls nicht sein. Damit es finanziell aufgeht, kann man es sich nicht erlauben, Angebote abzulehnen“, gibt sie zu bedenken.

Kleine und grosse Rädchen

Wer alles an der Produktion eines Theaterstücks beteiligt ist

Wenn man nach einem Film den Abspann anschaut, sieht man erst, wie viele Personen an der Produktion eines solchen Werkes beteiligt sind. Bei einem Theaterstück sind es zwar weniger, und dennoch bekommt man als Besucher eines Stücks nicht mit, wer alles beteiligt war, um das Projekt auf die Bühne zu bringen. „Der Kopf des Ganzen ist der Regisseur“, erklärt Frank Hoffmann, Direktor des „Théâtre National du Luxembourg“, kurz TNL. Dieser entwickle zunächst das Grundkonzept eines Stücks und stehe dabei mit dem Bühnenbildner und in der Regel auch einem Dramaturgen im Austausch. „Der Dramaturg begleitet die Entwicklung des Stücks, macht Vorschläge, kürzt Texte mi dem Regisseur zusammen und ist später auch immer mal wieder bei Proben dabei.“ So entwickelt sich das Stück nach und nach.

Eine weitere Person, die in einem noch recht frühen Stadium wichtig ist, ist der Kostümbildner. „Das kann in manchen Fällen dieselbe Person wie der Bühnenbildner sein. Ich versuche bei meinen Produktionen aber immer mit verschiedenen Personen zu arbeiten, um mehr Fantasie einfließen zu lassen.“ Der Kostümbildner entwickelt auf Basis des Grundkonzepts die Kostüme und lässt auch seine Ideen in die Produktion einfließen und tritt mit dem Maskenbildner in Kontakt. „Alle Beteiligten stehen in einem ständigen Dialog“, betont Hoffmann.

Ab einem gewissen Punkt kommen die Schauspieler hinzu, die einzelnen Rollen werden besetzt und die Proben beginnen. Zu etwa der gleichen Zeit oder auch früher kommt der Komponist ins Spiel und entwickelt mit dem Regisseur die Tonkulisse für das Stück. „Nach wochenlangen Proben auf der Probenbühne beginnen die Endproben im Original-Bühnenbild auf der eigentlichen Bühne.“

„Eine weitere wichtige Person ist der Lichtdesigner, der für die korrekte Ausleuchtung der Bühne verantwortlich ist. Es werden Beleuchtungsproben durchgeführt, bei denen die verschiedenen Lichtstimmungen entwickelt werden, die von Szene zu Szene ändern können.“ Nicht zu vergessen sind auch die Bühnentechniker, die sich um den Aufbau der Bühne kümmern und Tontechniker, die für den guten Ton gerade stehen. „Bei einigen Produktionen, besonders in großen Häusern, gibt es immer häufiger auch Videotechniker, die für Videoinstallationen verantwortlich sind.“

Es gibt noch weitere Berufe, die Teil einer solchen Produktion sind, wie etwa den Garderobier, der den Schauspielern beim An- und Umziehen zur Seite steht.  „Hinzu kommen noch Assistenten, wie etwa der Regieassistent, ohne die eine solche Produktion, besonders größere, nicht zu schaffen sind.“

Jeff Karier

Noch weniger Zeit für ihre eigentliche Arbeit hat sie indes, seit sie Präsidentin der „Association luxembourgeoise des Professionnels du Spectacle Vivant“ (ASPRO) ist, die vor einem knappen Jahr als Mitglied der Theaterföderation gegründet wurde und der inzwischen 74 professionelle Theaterschaffende angehören. Gemeinsam für die gleichen Interessen eintreten, lautet das erklärte Ziel. Handlungsbedarf besteht auf vielen Ebenen. „Obwohl wir Theaterschaffende aus den verschiedensten Tätigkeitsfeldern vertreten, haben wir schnell festgestellt, dass sich die Probleme doch sehr ähneln“, erfahren wir.

Kaum Lobbyarbeit

Den Kulturschaffenden fehlt es im Großen und Ganzen noch an der nötigen Lobby. Doch auch wenn eher selten öffentlich geklagt wird, bedeutet das nicht, dass jeder zufrieden ist und niemand mit Geldproblemen oder sonstigen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. „Uns fehlt ganz einfach die Zeit, um uns noch gezielter für unsere Belange stark zu machen. Natürlich könnte man noch mehr tun und so vielleicht mehr erreichen, aber wir müssen ja auch Geld verdienen und können es uns nicht leisten, einen Tag pro Woche für eine freiwillige Tätigkeit zu opfern. So gut verdient niemand von uns“, bringt es die ASPRO-Präsidentin auf den Punkt.

„Die meisten von uns üben bei einer Produktion mehrere Jobs gleichzeitig aus. Unsere 74 Mitglieder sind in 162 Berufsfeldern aktiv. Als Choreograf einer Produktion wirkt man oft auch als Tänzer mit, während man als Regisseur gleichzeitig für die Produktionsverwaltung verantwortlich ist. Ich werde meist als Kostüm- und Bühnenbildnerin engagiert und muss mich noch dazu um die Accessoires kümmern. Natürlich ist das anstrengender, als sich auf eine Arbeit zu konzentrieren“, schildert sie die Situation und nennt als Grund die oftmals zu niedrigen Budgets, die vor allem kleineren Strukturen zur Verfügung stehen. Schuld seien aber nicht die Häuser, ebenso wenig die Produzenten, sondern die unzureichenden Mittel, die das Kulturministerium über den Weg seiner Konventionen zur Verfügung stelle. „Das Problem liegt ganz oben“, stellt sie fest.

Kulturministerium ist gefordert

Die ASPRO versucht die Situation momentan zumindest mit kleinen Pflastern etwas zu verbessern. „Im Verwaltungsrat der Theaterföderation, wo wir jetzt als ASPRO vertreten sind, stellen wir nun gemeinsam mit den Produzenten eine Charta auf, die zu einer Verbesserung unserer Verträge führen soll. Es ist im Sinne aller, wenn gewisse Dinge klarer geregelt sind, wenn es etwa eine Lohntabelle gäbe. Unkompliziert ist das nicht. Auch wenn wir herumdoktern, bleibt im Endeffekt das Budget-Problem. Nicht umsonst arbeiten in den kleinen Häusern viele Leute auf ehrenamtlicher Basis, sei es an der Kasse, der Bar oder in der Verwaltung. Ohne ihre Hilfe wäre manches überhaupt nicht machbar, was ja eigentlich auch nicht sein kann. Könnten sie sich eine Halbtagsstelle für diese Aufgaben leisten, würde auch dies wiederum dazu beitragen, das Theater zu professionalisieren“.

Apropos Professionalität, das Niveau sei in Luxemburg sehr hoch, wie unsere Gesprächspartnerin betont: „Die meisten Theaterschaffenden haben studiert, dennoch werden sie häufig als nicht richtig professionell angesehen. Nicht selten werden Produktionen im Ausland eingekauft, haben also nichts mit Luxemburg zu tun. Das gilt besonders für die großen Häuser, die außerdem oft koproduzieren, was sich aber eher auf die finanzielle Ebene bezieht. Uns wird zu selten die Chance geboten, bei solchen Koproduktionen mitzumachen. Das bedauern wir, immerhin sind wir nicht weniger gut als Schauspieler und Kunstschaffende aus dem Ausland. Wir haben die gleichen Diplome. Das zu verdeutlichen, ist uns als ASPRO ebenfalls ein Anliegen, auch gegenüber dem Publikum. Das Potenzial, das es hierzulande gibt, sollte besser genutzt werden. Letztlich würde unsere Nationalkultur davon profitieren“.

Theater bleibt Stiefkind

Als sie nach abgeschlossenem Studium nach Luxemburg zurückkehrte, sei sie ob der vielen Arbeitsmöglichkeiten erstaunt gewesen. „Es war eine spannende Zeit, da es noch nicht viele Leute mit der gleichen Ausbildung gab. Am Nachwuchs fehlt es inzwischen nicht mehr. Was sich aber leider nicht geändert hat, ist die Tatsache, dass das Theater hierzulande noch zu sehr als Stiefkind behandelt wird. In Großbritannien war es dagegen schon während meiner Studienzeit ein wichtiger Teil der Kultur. Das Publikum war vielfältiger. In Luxemburg trifft man meist doch eine gewisse Klasse oder einen bestimmten Kreis an. Es wäre wichtig, Kinder in der Schule von klein auf in die Theaterszene einzuführen und es nicht nur beim Besuch einer Schulvorstellung zu belassen. In diesem Bereich - wie in vielen anderen - bleibt noch viel zu tun“, lautet schließlich ihr Fazit.

www.aspro.lu