JEKATERINBURG
FRIEDEMANN KOHLER (DPA)

Russische Monarchisten pilgern zur Stätte des Zarenmords 1918

Der orthodoxe Oberpriester Maxim Minjailo verehrt Russlands letzten Zaren zutiefst. „Der Herrscher Nikolaus II. ist für mich das Oberhaupt unseres Staates, unser Vater, unser Monarch, unser Zar“, sagt der 43-jährige Geistliche. Nikolaus habe „mit seinem ganzen Leben und mit seinem Tod den Sieg des Guten über das Böse bezeugt“.

Minjailo dient an einem besonderen Gotteshaus in der russischen Millionenstadt Jekaterinburg am Ural. Die Kirche-auf-dem-Blut steht an der Stelle, an der vor 100 Jahren - in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 - der gefangene Zar und seine Familie erschossen wurden. Die damaligen neuen Machthaber, die kommunistischen Bolschewiki, mordeten als Zeichen ihrer rücksichtslosen Entschlossenheit.

Nach dem Ende der Sowjetunion hat die russisch-orthodoxe Kirche im Jahr 2000 den Zaren wegen seines Märtyrertods heilig gesprochen. Doch unter den Kuppeln der Blut-Kirche geht es um mehr als einen Heiligen. Die Kirche mit angeschlossenem Museum ist ein Wallfahrtsort für Monarchisten. Das ist zwar eine Randerscheinung der russischen Politik, doch im Verein mit der Amtskirche keine ganz unwichtige.

Russland wird unter Präsident Wladimir Putin absehbar eine Republik bleiben. Aber die Verklärung des ermordeten Zaren wird zugelassen. Sie gehört zur Rückbesinnung auf ein orthodoxes, eigenständiges und nicht mit dem Westen Europas verbundenes Russland.

So weht neben der Kirche nicht die russische Trikolore, sondern die Flagge des verlorenen Zarenreichs: Schwarz-weiß-gelb mit Doppeladler. Zu Gottesdiensten und Prozessionen anlässlich des Jahrestages werden Patriarch Kirill und etwa 100.000 Menschen erwartet - der nächste Zustrom nach Jekaterinburg, kaum dass die Besucher der Fußball-WM aus der Stadt 1.400 Kilometer östlich von Moskau abgereist sind.

Pater Maxim sieht die Monarchie als „zweifellos vollkommenste Form“, einen Staat zu lenken. Und für den Geistlichen mit dem typischen langen Bart beschränkt sich die Heiligkeit von Nikolaus II. nicht auf den widerstandslos erlittenen Tod. Begeistert deutet er den Zaren als christus-ähnliche Figur: Auch Nikolaus II. sei „verkannt, erniedrigt und ermordet“ worden. Im Museum wird den Besuchern erklärt, wie gut es Russland unter diesem Kaiser ging.

Das deckt sich nicht mit dem Bild, das weltliche Historiker von dem letzten Zaren der Romanow-Dynastie haben. „Nikolaus II. ist eine tragische Figur der russischen Geschichte im 20. Jahrhundert“, sagte Professor Nikolaus Katzer, Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Moskau.

Er war ein schwacher, zögerlicher Herrscher, dessen Reich sich rasch modernisierte, der aber starr an der Selbstherrschaft festhielt. In der Februarrevolution 1917 musste Nikolaus II. abdanken. Die Familie wurde nach Tobolsk in Sibirien verbannt. Mit der Oktoberrevolution 1917 fielen sie in die Hände ihrer ärgsten Gegner, der Bolschewiki um ihren Anführer Lenin. Die Gefangenen wurden nach Jekaterinburg verschleppt und im Haus des Ingenieurs Nikolai Ipatjew eingesperrt.

An jenem verhängnisvollen Abend mussten sich der Zar, Kaiserin Alexandra, ihre vier Töchter Olga, Tatjana, Maria und Anastassija sowie der Thronfolger Alexej im Keller versammeln. Sie wurden aufgereiht wie zu einem Foto, doch dann eröffneten Soldaten das Feuer. Die Mörder machten die Leichen unkenntlich und verscharrten sie in einem Schacht außerhalb der Stadt. Erst Jahrzehnte später wurden die Gebeine gefunden und bis 2008 identifiziert.

Warum mussten der Zar und seine Familie sterben? „Es war ein Zeichen brutaler Entschlossenheit der Bolschewiki in einer Situation, die für sie bedrohlich war“, sagt Katzer. Sie fürchteten im Bürgerkrieg eine Befreiung der Familie durch weiße Truppen, die auf die rot regierte Stadt vorrückten. Eindeutige Belege für einen Mordbefehl aus Moskau gibt es nicht, Indizien deuten darauf hin. „Ich halte es für unwahrscheinlich, dass es eine eigenständige Aktion der Bolschewiki in Jekaterinburg war“, sagt Katzer.

Die Ermordung der aus Hessen stammenden Kaiserin Alexandra und der Kinder sei eine örtliche Eigenmächtigkeit gewesen, sagt der Lokalhistoriker Witali Schtschitow. In der Stadt, die zu sowjetischen Zeiten Swerdlowsk hieß, war die dunkle Geschichte des Ipatjew-Hauses ein nur halb gehütetes Geheimnis. 1977 ließ der örtliche Parteichef Boris Jelzin, der spätere russische Präsident, das Haus abreißen, weil es „ungesundes Interesse“ bei Monarchisten hervorrief.

2002 wurde die Kirche-auf-dem-Blut eingeweiht, Maxim Minjailo ist seit damals einer ihrer Priester. „Das ist ein Gedenkort unseres Volkes“, sagt er.

Lëtzebuerger Journal

Bedeutende Persönlichkeiten

Rasputin - Prediger und Don Juan
Rasputin galt als Prediger und Geistheiler, aber auch als Frauenheld und Liebhaber der adligen Damen, Königinnen und Kaiserinnen. Nachdem der bis 1904 lang ersehnte Nachwuchs und Thronfolger, Alexei Zarewitsch, mit der Blut- und Erbkrankheit Hämophilie diagnostiziert wurde, besuchte Zarin Alexandra zur Behandlung den Prediger. Durch seinen darauf folgenden Aufenthalt am Hof der Romanows ging schnell das Gerücht (unter anderem beim Adel, der Alexandra daraufhin verachtete) um, Rasputin nehme über die Zarin Einfluss auf Zar Nikolaus II. Dieser ließ sich das Spiel nicht lange bieten: Im Dezember 1916 brachten enge Verwandte des Zaren Rasputin um.


Bolschewiki-Führer Lenin - Zündender Funke
Der geborene Wladimir Iljitsch Uljanow musste im Rahmen seines politischen Engagements in der kommunistischen Partei im Exil leben, bevor er 1917 mit dem Zug über Schweden und Finnland den Weg zurück nach Russland fand. Er mauserte sich schnell als Anführer der „Bolschewiki“-Fraktion der Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) und forderte so bereits 1903 auf einem Parteitag den Sturz des Zarenreiches. Zusammen mit dem späteren Vorsitzenden Leo Trotzki übernahmen sie die Vorherrschaft im Russland der Nachkriegs- und Revolutionszeit. Es ist davon auszugehen, dass die Romanows mit seiner Billigung exekutiert wurden. Einen klaren Beweis, die ihn als Anstifter ausmachen soll, gibt es aber nicht.


Nikolaus Romanow und Kaiserin Alexandra - Die letzten Zaren
Zar Nikolaus II., Kaiser und Autokrat aller Russen, regierte von 1894 bis zu seiner Abdankung im Zuge der Revolution 1917 als letzter Zar des Russischen Kaiserreichs. Nach seinem Abtritt wurden er und seine Familie interniert und „wie das normale Volk gehalten“. Als die roten Revolutionäre 1918 ein Heranrücken der weißen Konterrevolutionäre befürchteten, wurden er und seine Familie in der Nacht zum 17. Juli in den Keller des Hauses bei Jekaterinburg gebracht und erschossen oder mit Bayonetten erstochen. Für die russisch-orthodoxe Kirche gilt Nikolaus II. durch seinen Märtyrer-Status als Heiliger; im Jahr 2000 wurde er gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern offiziell heilig gesprochen.


Der Bezug zu Luxemburg - Elisabeth Michailowna Romanowa - die erste Gattin von Adolphe von Nassau
In jungen Jahren war Herzog Adolphe von Nassau (24. Juli 1817 bis 17. November 1905), der 1890 erster Großherzog von Luxemburg wurde, mit Elisabeth Michailowna Romanowa (26. Mai 1826 bis 28. Januar 1845), Großfürstin von Russland, verheiratet. Über ihren Vater, Großfürst Michael Pawlowitsch von Russland (1798-1849), war Elisabeth die Enkelin von Zar Paul und Nichte der Zaren Alexander I. und Nikolaus I. Sie wuchs in Sankt Petersburg auf, wo sie 1843 Adolphe von Nassau kennen lernte. Am 31. Januar 1844 heirateten beide in Sankt Petersburg. Nach einer kurzen Zeit in Russland übersiedelte das Paar in seine Residenz nach Biebrich am Rhein bei Wiesbaden. Am 28. Januar 1845 starb Elisabeth bei der Geburt einer Tochter, die die Geburt ebenfalls nicht überlebte. Unter der Verwendung einer Million Rubel aus der Mitgift seiner Frau ließ Adolphe eine Russisch-Orthodoxe Grabkapelle auf dem Neroberg in Wiesbaden errichten.