BERLIN/LUXEMBURG
LJ MIT DPA

Vor einem Jahr fuhr der Islamist Anis Amri mit einem 30 Tonnen schweren Lastwagen in einen Weihnachtsmarkt in Berlin - Der Attentäter war den Behörden bekannt

Ein dunkelgrauer Pfosten am Rand des Weihnachtsmarktes an der Berliner Gedächtniskirche markiert das Ende einer Horrorfahrt. Hier durchbricht am Abend des 19. Dezember 2016 der islamistische Terrorist Anis Amri mit einem entführten Lastwagen die Reihe der Begrenzungspfähle. Auf der Straße neben dem Breitscheidplatz kommt der Lkw zum Stehen. Der nur wenige Sekunden lange islamistische Anschlag mit insgesamt zwölf Toten - es war der schwerste bislang in Deutschland - hat zahlreiche Aspekte und eine lange Vor- und Nachgeschichte. Eine Übersicht:

30 Tonnen, 70 Meter

Ein kurz nach dem Attentat veröffentlichtes Video aus der Kamera eines Autofahrers zeigt, mit welchem Tempo der 30 Tonnen schwere Lkw in die ungeschützte Budengasse des Weihnachtsmarktes schießt. Auf einer Strecke von rund 70 Metern zerschmettert er Glühweinstände, überrollt Menschen, schleudert andere zur Seite. Ohne Technik wäre die Schneise noch länger gewesen. Das automatische Sicherheitssystem des Lkw reagiert auf die Aufpralle und leitet eine Bremsung ein. Viele Menschenleben werden so vermutlich gerettet. Der beim Stopp des Fahrzeugs zerstörte Begrenzungspfosten wird später ersetzt - das neue Modell ist auch nach einem Jahr noch dunkler als der Rest der Reihe.

Bekannter „Gefährder“

Einen Tag nach dem Anschlag identifiziert die Kriminalpolizei den Täter, weil sie in dem Lkw Papiere zur Duldung eines Asylbewerbers findet. Der damals 23-jährige Tunesier Amri ist der Polizei und den Ausländerbehörden in mehreren Bundesländern schon länger bekannt. Am 23. Dezember, einen Tag nach seinem 24. Geburtstag, wird Amri auf der Flucht in Italien von Polizisten erschossen.

Nach und nach erfährt die Öffentlichkeit vom Ablauf des Anschlags, dem erschossenen polnischen Lkw-Fahrer, den elf weiteren Todesopfern und etwa 70 verletzten Menschen. Und von der Vorgeschichte des Kriminellen und späteren Terroristen Amri, die begleitet wurde von einer Reihe von Pannen bei Polizei und anderen Behörden, die auch durch den Zuzug von Hundertausenden Flüchtlingen überfordert waren.

Amri kommt Anfang Juli 2015 nach Deutschland. Unter verschiedenen Namen taucht er in den nächsten Monaten mehrfach in Nordrhein-Westfalen und Berlin bei Registrierungsstellen auf und kassiert Geld für den Lebensunterhalt. Er fällt als Dieb, Drogenhändler, Schläger und möglicher IS-Unterstützer auf. Ab Februar 2016 wird Amri von der Polizei als sogenannter Gefährder geführt. Immer wieder überwacht ihn die Kripo in NRW und Berlin, hört seine Handys ab und speichert SMS und Chatverläufe. Allerdings gibt es in Deutschland damals noch etwa 400 weitere Gefährder - die Polizei kommt mit der Überwachung kaum hinterher.

Am 15. Juni 2016 wird die Observation in Berlin beendet. Amris Handys hört die Polizei weiter ab, die zunehmende Radikalisierung entgeht den Fahndern aber. Ende Juli 2016 will Amri illegal in die Schweiz ausreisen, wird aber festgenommen - und wieder freigelassen. Recherchen der „Welt am Sonntag“ zufolge wurde Amri viel früher und intensiver überwacht als bislang bekannt. Bereits im Dezember 2015 habe er mit seinem rund um die Uhr überwachten Handy detaillierte Anleitungen zum Mischen von Sprengstoff und zum Bau von Bomben und Handgranaten heruntergeladen. Im Februar 2016 habe er mit zwei IS-Kadern in Libyen telefoniert und sich als Selbstmordattentäter angeboten.

Chance auf eine Verhaftung

Besonders wegen des Versuchs der illegalen Ausreise, aber auch wegen seiner zahlreichen anderen Vergehen und Verbrechen hätte es nach der heutigen Einschätzung der Behörden eine Chance auf einen Haftbefehl mit folgender Untersuchungshaft gegeben. Das setzt aber keine der zuständigen Polizei- und Justizbehörden konsequent um. Gleichzeitig laufen schon länger Bemühungen um eine Abschiebung Amris. Die tunesischen Behörden verzögern das - geben aber letztlich nach. Mit einer ausreichend langen U-Haft und einer folgenden Abschiebung wäre die Gefahr gebannt gewesen. Stattdessen versucht Amri im Herbst 2016 wohl mehrfach, Lastwagen zu entführen. Am 19. Dezember gelingt es ihm. Nachdem er die als Islamisten-Treffpunkt bekannte Fussilet-Moschee in Berlin-Moabit besucht hatte, in der er häufiger verkehrte, geht er zum nahegelegenen Friedrich-Krause-Ufer. Dort hatte er in den Wochen zuvor immer wieder nach Lastwagen gesucht. Um 19.24 klopft er an die Tür eines polnischen Lastwagens und schießt dem Fahrer in den Kopf. Um 19.34 verlässt der Lkw, beladen mit 25 Tonnen Stahl, dem Parkplatz am Friedrich-Krause-Ufer. Um 20.02 rast er in den Weihnachtsmarkt am Breitscheid-Platz. Mindestens viermal hatte er im Vorfeld den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz inspiziert. Das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ berichtete am vergangenen Freitag unter Berufung auf Ermittlungsakten, Amri habe auch den Alexanderplatz und den Lustgarten am Berliner Dom ausgekundschaftet.

Untersuchungsausschüsse und Aufrüstung

Untersuchungsausschüsse, Sonderermittler, Arbeitsgruppen bei der Polizei und Medien versuchen seitdem aufzuklären, was vor dem Anschlag schief lief. Die Polizei rüstet weiter auf: neue Waffen, Schutzausrüstung, mehr Videoüberwachung und Personal für Terrorabwehr und Observationsteams. Terrorexperten hatten allerdings schon in den Jahren zuvor und spätestens seit dem Anschlag mit einem Lkw in Nizza am 14. Juli 2014 darauf hingewiesen, dass es bei radikalisierten Einzeltätern und Selbstmordattentätern keine hundertprozentige Sicherheit gebe.

Allein gelassene Opfer

Erfahren haben Behörden und Öffentlichkeit auch, dass die Betreuung der verletzten Opfer und der Verwandten der Toten nicht gut läuft. Trotz vieler Bemühungen ist der Informationsfluss zu Beginn zu zäh, es gibt keine zentralen Ansprechpartner, formelle Briefe werden zum Teil verschickt, anstatt dass Vertreter der Polizei, des Senats oder der Bundesregierung persönlich auf Betroffene zugehen. Der Opferbeauftragte Kurt Beck fordert, Gesetzeslücken zum besseren Schutz von Verletzten und Hinterbliebenen zu schließen. „Wichtig ist, dass Menschen in ihrer Betroffenheit nicht allein gelassen werden und von Pontius zu Pilatus laufen müssen“, sagt der frühere Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. „Terroranschläge hatten wir da bislang nicht auf dem Schirm, wir waren in Deutschland diesbezüglich nicht ausreichend vorbereitet.“

Hinterbliebene der Opfer beklagen sich bitter über die Reaktion des Staates. Sie werfen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einem offenen Brief Untätigkeit und politisches Versagen vor. „Der Anschlag am Breitscheidplatz ist auch eine tragische Folge der politischen Untätigkeit Ihrer Bundesregierung“, zitierte der „Spiegel“. In einer Zeit, in der die Bedrohung durch Islamisten zugenommen habe, sei versäumt worden, „die Reformierung der wirren behördlichen Strukturen“ voranzutreiben.

Andacht und eingravierte Namen

Gestern, am Tag vor dem Jahrestag, will Bundeskanzlerin Merkel Angehörige von Todesopfern sowie damals verletzte Menschen im Kanzleramt empfangen.Heute ist eine Gedenkandacht mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Merkel geplant. Statt des bisherigen provisorischen Gedenkortes mit Blumen und Kerzen wird eine offizielle Gedenkstätte vorgestellt.

Ein goldener Riss durchzieht künftig den gepflasterten Boden auf der nördlichen Seite des Neubaus der Gedächtniskirche, nahe der Stelle, wo der Lkw entlang fuhr. Auf der Vorderseite von Treppenstufen an der Kirche werden die eingravierten Namen der Toten zu lesen sein. Die Hinterbliebenen hätten sich die Namensnennung einhellig gewünscht, so der Berliner Senat. Ab 20.02, dem Zeitpunkt des Anschlags, werden die Glocken der Berliner Gedächtniskirche zwölf Minuten lang läuten.

Mehr Unterstützung zugesagt Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft erstmals Angehörigen der Opfer vom Breitscheidplatz

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat Angehörigen von Opfern des Berliner Terroranschlags vor einem Jahr nach massiver Kritik bessere Unterstützung versprochen. Merkel sagte am gestrigen Montag in Berlin nach Beratungen der CDU-Spitzengremien, der Opfer-Beauftragte der Bundesregierung, Kurt Beck, habe eine ganze Reihe von Dingen deutlich gemacht, die unzureichend seien. Die Bundesregierung werde sich mit aller Kraft für Verbesserungen einsetzen.

Merkel sagte, ihr sei das Treffen mit den Hinterbliebenen sehr wichtig“. Sie empfing die Angehörige am Nachmittag im Kanzleramt. „Ich weiß, dass einige sich ein solches Treffen früher gewünscht hätten“, sagte die Kanzlerin. „Mir ist wichtig, dass ich heute noch einmal deutlich mache, wie sehr wir mit den Angehörigen und mit den Verletzten fühlen, wie sehr wir auch Dinge verbessern wollen.“

Merkel fügte hinzu: „Eins ist auch klar und mir auch bewusst: dieses Leiden, diese völlige Veränderung des eigenen Lebens wird nicht gutzumachen sein, und trotzdem zeigen wir Anteilnahme und werden auch da, wo Dinge verbessert werden müssen, sie verbessern.“

Politisches Versagen

In einem offenen Brief hatten Angehörige der Opfer Merkel Untätigkeit und politisches Versagen vorgeworfen. Sie beklagten außerdem Bürokratie-Wirrwarr und zeigten sich verbittert, dass Merkel weder persönlich noch schriftlich kondoliert habe. Beck hatte in einem Bericht zahlreiche Vorschläge gemacht, was sich seiner Ansicht nach ändern muss. Kernpunkte sind höhere Entschädigungen und der Aufbau zentraler Anlaufstellen für Opfer auf Bundes- und Landesebene.

Recherchen und Razzien: Ermittlungen mit Hochdruck gegen mutmaßliche IS-Mitglieder aus Amri-Umfeld

Berlin Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft ermittelt mit Hochdruck gegen vier junge Männer, die zur Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gehören sollen. Bei einer Razzia wurden am vergangenen Donnerstag in Berlin und Sachsen-Anhalt insbesondere Datenträger als Beweismaterial beschlagnahmt. Wie die Generalstaatsanwaltschaft weiter mitteilte, werden drei der Verdächtigen im Bürgerkriegsgebiet in Syrien oder Irak vermutet. Eine Festnahme wurde nicht vermeldet. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte in Potsdam, bei den Ermittlungen der Berliner Generalstaatsanwaltschaft gehe es um eine weitere Bekanntschaft im Umfeld des Attentäters Anis Amri.

Seit 2000 16 Anschläge vereitelt

Es gehe nicht um eine aktuelle Gefahr, sagte de Maizière, der der „Bild am Sonntag“ an diesem Wochenende sagte, es hätten in diesem Jahr drei Terroranschläge verhindert werden können. Seit dem Jahr 2000 hätten insgesamt 16 vereitelt werden können.

Gegen die vier Verdächtigen wird wegen Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung Islamischer Staat (IS) beziehungsweise wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat ermittelt. Einem der Männer wird vorgeworfen, er habe sich im Bürgerkriegsgebiet beim IS an Waffen und Sprengstoff ausbilden lassen.

Zwei der Beschuldigten sollen laut Mitteilung im November 2016 von Berlin über Istanbul ausgereist sein. Wann der dritte Deutschland verließ, war unklar. Beim vierten Verdächtigen wird angenommen, dass er die anderen zum Flughafen fuhr. Ihm werde Beihilfe zur Ausreise vorgeworfen.

An der Razzia waren laut einem Sprecher der Ermittlungsbehörde rund 130 Polizisten beteiligt. Auch Spezialeinheiten des Landeskriminalamtes seien im Einsatz gewesen. Neun Durchsuchungsbeschlüsse wurden demnach vollstreckt.

Ende Mai waren in Berlin bei einem Großeinsatz gegen mutmaßliche Drogenhändler auch vier Verdächtige festgenommen worden, die die Ermittler dem gewaltbereiten islamistischen Spektrum zuordneten. „Amris Umfeld wird weiter ausgeleuchtet“, sagte de Maizière der „Bild am Sonntag“, „wir erhoffen uns auch aus dem Prozess gegen den Hassprediger und führenden Salafisten Abu Walaa, der mit Amri Kontakt hatte, weitere Erkenntnisse“. Der Iraker Walaa, mutmasslicher Deutschlandchef der Terrormiliz „Islamischer Staat“, muss sich derzeit vor dem Oberlandesgericht Celle verantworten.