FORDINGBRIDGE/LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Unterwegs im „New Forest“ in Südengland - Besuch in Beaulieu

Das Pferd steht zwar nicht auf dem Flur, dafür aber mitten auf der Straße. Es schaut gelangweilt, nach den Autos, die es vorsichtig umfahren. Die Blätter des Baums sind zugut, um sich von Autos stören zu lassen. Pferde gibt es auf den nächsten Kilometern reichlich, mal näher mal ferner. Auch die eine oder andere Kuh streckt ihr Hinterteil in die Fahrbahn. Hier haben Vierbeiner das Heimrecht. Routinierte Fahrer von Alpenpässen kennen das: Wenn man sich auf eine kleine Passstraße wagt, teilt man sich irgendwann den Lebensraum Straße mit den Bergkühen.

Nur sind wir nicht in den Alpen. Die dicke Sau - der Begriff „Schwein“ ist zu zart für diesen Giganten - die durch ein Dorf streicht, das wie eine „Inspektor Barnaby“-Kulisse aussieht, erzählt uns ganz was anderes. Wir sind im Süden Englands. Genauer im „New Forest“, der nördlich der Isle of Wight und direkt westlich von Southampton liegt.

Weder „New“ noch „Forest“

Das „New“ bezieht sich auf das Jahr 1079 als Wilhelm der Eroberer, der erste Normannen-König in England, den Wald zu seinem ureigenen privaten Jagdgebiet erklärte. De iure ist die ganze Gegend heute noch Kronland. Von „Forest“ ist auch nur noch wenig zu sehen, es gibt noch alten Baumbestand, aber viele Bäume sind im Laufe der Zeit in die englischen Werften gewandert. Im Großen und Ganzen zeigt sich der „New Forest“ als weitläufige unerschlossene Heidelandschaft mit einer Fläche von 300 Quadratkilometer ohne Ackerbau, ziemlich einmalig. Heute gibt es den „New Forest National Park“ mit dem Städtchen Lyndhurst als Zentrum.

Das in der Heide herumstreunende Vieh ist nicht herrenlos oder gar wild, es gehört den Bürgern aus den umliegenden Dörfern und Höfen. Hier herrscht ausgleichende Gerechtigkeit. Für das königliche Jagdrecht, das den Bauern den Zugriff auf die Wildtiere streng untersagte, erhielten die Dörfer im Gebiet des „New Forest“ das Weiderecht. Das heute noch genutzt wird, früher werden es mehr Kühe und Schweine gewesen sein, jetzt sind es in der Hauptsache Pferde, die hier frei herumwandern. Autofahrer sind zur Rücksichtnahme angehalten, Vierbeiner haben Vorfahrt und an den Grenzen des Weidegebiets ziehen sich - analog zu den Alpen - Viehroste über die Straße.

Wehrhaft

Im Süden wird der National Park vom Solent, dem Meeresarm zwischen England und der Isle of Wight begrenzt. Vom „Hurst Castle“ aus blickt man auf die Kreidefelsen der Insel. Hurst Castle liegt zwar auf einer Halbinsel ist aber am besten mit einem Boot zu erreichen. Ritterromantik sucht man auf dieser Burg vergeblich. Es handelt sich um eine Küstenbefestigung aus der Zeit der Renaissance, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu einer „modernen“ Küstenbatterie mit gewaltigen 30cm-Geschützen ausgebaut wurde. Ein Besuch lohnt sich dennoch. Eigentlich gilt der „New Forest“ als Spitzendestination für Wanderer. Natur pur über weite Strecken und ohne dramatische Anstiege. Uns hat aber etwas ganz anderes in den „New Forest“ gelockt.

Traumziel für Altblech-Verrückte

Der „Autojumble“ von Beaulieu. Es ist zwar nicht Europas größter, aber der traditionellster und originellster Flohmarkt für Oldtimer, Automobilia und Ersatzteile. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst herrscht dort der Ausnahmezustand. Wer eine Lampe für seinen 1927 Austin oder einen Zündverteiler für einen 1965er Ford Cortina sucht, wird mit ziemlicher Sicherheit fündig. Das eigentliche Erlebnis sind die Leute, die Händler, die Sammler, die Schaulustigen. Das Schräge ist hier normal, ebenso wie der ununterbrochen fallende Regen. Aber es tut der Stimmung keinen Abbruch. Für Petrolheads ist es ein Paradies. Es wäre noch toller gewesen, wenn der französische Händler für das Mercedes Tretauto aus den 1960ern nicht hätte 500 Pfund haben wollen…

Eine touristische Top-Adresse

„Beaulieu“ ist aber viel mehr. An diesem schönen Ort stand einst ein Kloster, das nach 1534 von Heinrich VIII säkularisiert wurde. Heute stehen hier ein Herrenhaus und noch einige Klosterruinen, das Ganze umgeben von einem typischen Englischen Landschaftspark mit seltenen Bäumen und Pflanzen und vor allem gibt es das „National Motor Museum“. Seit 1951 stellte Lord Montagu die Autos der Familie aus, schließlich müssen Herrenhaus und Park ja irgendwie unterhalten werden. Aus den kleinen Anfängen 1951 hat sich eine der interessantesten Automobilsammlungen Europas entwickelt. Selbst wer Autos für Gebrauchsgegenstände hält wird dort seinen Spaßhaben, dafür sorgen die liebevoll gestalteten Kulissen, die didaktischen Bereiche, die Autos die die volle Bandbreite vom Kleinwagen bis zum Unikat zeigen über ein Jahrhundert hinweg zeigen und nicht zuletzt originelle Zusatzausstellungen. In diesem Herbst haben Modestudenten zu ihren Lieblingsautos passende „Steampunk“-Kostüme gezaubert.

Der Eintritt für „Beaulieu“ (die Briten sprechen von „Bschjuli“) ist - mit Verlaub - schweineteuer: 25 GBP, fast 30 Euro pro Nase: Allerdings umfasst der Eintritt nicht nur das Automobilmuseum, sondern auch den Landschaftspark, eine Führung durch das Herrenhaus und einen Besuch der Klosterruinen. Wer möchte, kann sogar mit einer ziemlich klapprigen Einschienenbahn das Gelände erkunden. Mit 400.000 Besuchern im Jahr ist Beaulieu eine der touristischen Top-Adressen Englands. Es lohnt sich aber auf jeden Fall.

Wer wissen will, wo die ganzen Bäume des „New Forrest“ geblieben sind sollte eine paar Kilometer am Beaulieu-River entlang nach „Bucklers Hard“ wandern. Hier stehen noch die Reihenhäuser der Werftarbeiter die dort Jahrhunderte lang Schiffe für die Navy gebaut haben, ein Museum zeigt die Geschichte dieser Werften. Wer einen echten Großsegler mit mehreren Kanonendecks live und in Farbe erleben will, muss einen Abstecher nach Southampton machen: Dort liegt die „HMS Victory“ das Flaggschiff Admiral Nelsons in der Schlacht von Trafalgar (1805) immer noch vor Anker.

www.thenewforest.co.uk