TRIERMARCUS STÖLB

Gianluigi Nuzzi über geheime Briefe des Heiligen Vaters

Als Johannes Paul II. im Frühjahr 2005 starb, wählte das Konklave mit dem deutschen Kardinal Joseph Ratzinger einen Nachfolger, in den manche nur eine Art Übergangspapst sehen wollten. Nach dem langen Pontifikat des Polen Karol Wojtyla rückte ein Mann an die Spitze der römisch-katholischen Kirche, von dem keine Reformen zu erwarten waren, der sich aber stärker als sein viel gereister Vorgänger auf das Innenleben des Vatikans konzentrieren würde, so eine damals vorherrschende Erwartung.

Nun ist das mit dem Innenleben einer Institution wie dem hermetisch abgeschirmten und jeden Anflug von Transparenz meidenden Kirchenstaat so eine Sache -
was im Apostolischen Palast besprochen wird, soll außer den Beteiligten niemand erfahren; und wenn doch, dann allenfalls mit Jahrzehnten oder Jahrhunderten Verzögerung. Nicht nur deshalb braucht es wenig Phantasie sich vorzustellen, was die Veröffentlichung vertraulicher Schriftwechsel aus der jüngsten Vergangenheit für die Kurie bedeutet: „Vatileaks“ war für sie ein Gau. Doch nicht so sehr die Tatsache, dass die Dokumente ans Tageslicht kamen, sollte die Kirchenführung beschämen, sondern vielmehr der Inhalt der Schreiben.

Zurechtweisung durch die Kanzlerin

Der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi bekam „Die geheimen Briefe aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI.“ - so der Untertitel von „Seine Heiligkeit“ - zugespielt. Sein jetzt auch auf Deutsch erschienenes Buch verzichtet auf Effekthascherei. Nuzzi stellt das Material in einen Kontext, ordnet es ein - aber natürlich enthält er sich nicht einer Bewertung der Schriftstücke. Etwa wenn er über die Machtkämpfe innerhalb des Vatikans schreibt, in deren Zentrum meist ein Mann im Fokus steht - der Papst-Vertraute Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Nuzzis Buch enthüllt den Ärger des Papstes über eine Zurechtweisung des Heiligen Stuhls durch Angela Merkel. Im Zusammenhang mit der Affäre um den Piusbruder und Holocaust-Leugner Williamson hatte die deutsche Kanzlerin Benedikt öffentlich ermahnt - und der empfand das als beispiellosen Affront. Der Autor kann anhand der Dokumente belegen, wie Benedikt einen australischen Bischof aus dem Amt entfernen ließ, weil dieser in wichtigen Fragen eine andere als die päpstliche Lehrmeinung vertrete; „versichern Sie ihn meines Gebets“, schließt der Pontifex sein Schreiben an zuständigen Kardinal. Fortgesetzt stellt sich der Vatikan hinter den Macher des polnischen
Radiosenders „Maryja“, der wiederholt mit antisemitischen Ausfällen auf sich
aufmerksam machte.

Der Leser, so er es denn noch nicht ist, fällt bei der Lektüre vom Glauben ab - zumindest von dem an die „heilige katholische Kirche“. Dass diese konsequent dem Zeitgeist trotzt, wird auch aus den Grußformeln von Kardinälen und Bischöfen an den Papst ersichtlich: „Ich versichere Eurer Heiligkeit meine vollständige Unterwerfung“, heißt es in einem Schreiben…


Gianluigi Nuzzi, Seine Heiligkeit - Die geheimen Briefe aus dem Schreibtisch von Papst Bendedikt XVI, 416 Seiten, gebunden, München 2012, 22,99 Euro.