LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über nicht abgeschickte Nachrichten

Hallo, ich wollte dir nur sagen, dass … So beginnen viele meiner Nachrichten, die ich niemals abgeschickt habe. Die ich sorgfältig ausformuliert, ein Dutzend Male überlesen, korrigiert und abgeändert habe und mindestens drei Mal in ein Nachrichtenfeld kopiert und wieder daraus entfernt habe. Endgültig gelöscht habe ich keine davon, ich habe sie alle aufbewahrt, als Dateien auf dem PC oder als Notizen auf dem Handy. Man weiß ja nie. Vielleicht kommt irgendwann der Moment – der schwache, der unwahrscheinliche Moment – in dem ich sie abschicken will.

Das Schweigen der Weisen

Als ich jünger war, sagte ich, was ich dachte, sprach offen über meine Gefühle, fast immer. Das erfüllte seine positiven Zwecke, dort, wo es positive Zwecke erfüllen konnte. In allen anderen Fällen geschah nichts, denn ich war ja jung, wusste bestimmt nicht, wovon ich redete, konnte meine Gefühle wohl nicht in Zaum halten, man verzieh es mir also. Jetzt bin ich älter, denke und fühle Dinge, von denen ich als Kind noch keine Vorstellung besaß, und werde auch manchmal ernst genommen. Das ist suboptimal. Ich hätte viel mehr zu sagen und sage doch viel weniger, weil ich gelernt habe, dass Schweigen Gold ist. Wer redet, wer immerzu seine Meinung sagt, fällt negativ auf, falls es denn so weit kommt und er nicht schon vorher verstummt angesichts der Gutmenschen, die prosaisch auf ihren festgefrorenen Ideen sitzen und sie ausbrüten wie glänzende Eier, der kühlen Wächter der heiligen einzigen Meinung, die schon mit ihren spitzen Zeigefingern auf ihn einstechen, bevor er überhaupt den Mund öffnen kann.

Wer hat keine Angst vor ihnen? Wer hat keine Angst vor der Wahrheit, wenn sie nicht gefällt? Ich habe Angst. Vor der Wahrheit. Nicht davor, sie zu hören, sondern sie anderen mitzuteilen. Was die Wahrheit mit mir macht, damit kann ich umgehen, aber ich kann nicht voraussehen, was sie mit anderen macht. Und was die anderen mit mir machen, wenn sie sie von mir hören.

Besonders im kleinen Luxemburg, in dem ich doch von ihrem Wohlwollen abhängig bin …

Ach, wie gut, dass niemand weiß …

Leider bin ich weder gut darin, der allgemein anerkannten Meinung zu folgen, ohne sie zu hinterfragen, noch darin, Einwände und Zweifel für mich zu behalten. Deswegen muss ich mir selbst etwas vorgaukeln. Ich stelle mir vor, dass die Welt ein weißes, unbeschriebenes Papier ist, ohne Karos, ohne Linien, ohne vorgegebenen Formulierungen und Denkmuster. Dass ich frei bin.

Dann schreibe ich los, kritzele mir alles von der Seele, lasse alles durch meine Finger und den Stift fließen, das ich gerne losgeworden wäre.

Es ist ganz erstaunlich, wie befreiend das sein kann. Völlig losgelöst von Regeln und Konventionen bin ich aber nicht. Ich muss mich ein klein wenig davon leiten lassen, weil sonst der Selbstbetrug nicht funktioniert, weil ich mich sonst nicht glauben tun kann, ich könnte den fertigen Text eines Tages genauso abschicken, ohne ein allzu großes Risiko einzugehen – doch ein Risiko wovor eigentlich? Ich kann es nicht bestimmen, das Risiko, aber ich fühle seine Präsenz und zähme sie, meine heimliche Wahrheit, lasse sie zu meinem Geheimnis werden, das mir ein Gefühl von Überlegenheit, von Macht verleiht.

Ja, wenn du wüsstest, was ich heimlich denke. Aber – ha! – du weißt es nicht. Keine Ahnung, was mir das bringt, aber – ha! Hahaha!

Auf Abstand

Es bleibt nicht bei den Worten. Mit ihnen, durch sie, erschaffe ich meine eigene kleine fiktionale Welt, ein Paralleluniversum. Das tut jeder, der Nachrichten schreibt, egal ob er vorhat, sie abzuschicken oder nicht. Wir malen uns den Gesichtsausdruck des Empfängers aus, wenn er sie liest, ein Glänzen in seinen Augen oder einen vor Erstaunen aufgerissenen Mund, wir sehen ihn Wein trinken dabei oder Kuchen essen, wir sehen vor uns die Tränen und Krümel auf dem Papier, anschließend die gefestigte Freundschaft, die zerbrochene Liebe, den Herzschmerz, das Glück. Jedes Wort könnte alles verändern. Deshalb wird es zum Wagnis.

Meist sind es schöne Welten, in denen ich mich bewege, denn überraschenderweise sind meine geheimen Nachrichten meistens positiv. Es fällt mir leichter, etwas zu bemängeln, als angenehme Gefühle zu gestehen und Komplimente zu machen. Zum Beispiel gibt es eine ganze Reihe von Texten an meine ehemalige beste Freundin, in denen ich ihr sage, dass ich mir wünsche, dass alles wieder so wird, wie es gewesen ist, als wir 14 oder 15 waren. Warum ich das nicht laut ausspreche, ich weiß es nicht. Vermutlich ist es Stolz. Prophylaxe gegen Zurückweisung und Melancholie.

Hinzu kommen ganz viele Nachrichten, die ich mir im Kopf zusammenbastele, auf dem Klo, im Bus oder abends im Bett, die ich nicht niederschreibe. Sie schaffen es nicht einmal in mein Tagebuch, ich will sie nicht materialisieren, will mich selbst nie wieder mit ihnen konfrontieren.

Wir alle hüten ein ganzes Mausoleum an nie geschriebenen Texten, die wir in uns begraben haben. Eine Ruine, vor der ein Schild steht: Betreten auf eigene Gefahr.

Trauen oder Nichttrauen, das ist hier die Frage Wir Menschen sind seltsam manchmal, wie wir so vieles aus manchmal unerklärlichen, nach außen hin nicht plausibel zu machenden Gründen für uns behalten oder zumindest in eine moderate Form bringen.

Ich bin gespannt, ob ich mich trauen werde, diesen Artikel so zu publizieren oder ob er in der Sammlung meiner Texte wandern wird, die ich weder zu löschen, noch erneut zu lesen und zu verbreiten wage.