LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Yann Arthus-Bertrand und Philippe Bourseiller haben das Thema Wasser fotografiert

Am Anfang stand ein Essay. Geschrieben hatte es Yann Arthus-Bertrand, der für seine Bilder aus Himmelsperspektive bekannte französische Fotograf und Umweltaktivist. „Es reicht, den Wasserhahn aufzudrehen, um zu vergessen, wie leicht es ist, sich mit Wasser zu versorgen und wie gefährdet diese Versorgung ist.“ Daraus wurde eine Ausstellung über Wasser mit dem Titel „On water/sur l’eau“, die zur Zeit in der Europäischen Investitionsbank für ein eingeschränktes Publikum zu sehen ist, wo sie gestern vom großherzoglichen Paar eingeweiht wurde (s. S. 32). Zu sehen sind Bilder von Arthus-Bertrand sowie von seinem Berufskollegen Philippe Bourseiller, der sich mit atemberaubenden Naturaufnahmen einen Namen gemacht hat. Wir haben die beiden seit 30 Jahren befreundeten Fotografen anlässlich der Ausstellung getroffen.

Warum ist Ihnen Wasser wichtig?

Yann Arthus-Bertrand Ich arbeite viel über globale Themen und sehe mich als Fotograf und Aktivist. Meine Arbeit wendet sich gegen die Religion des Wachstums, mit der wir alle leben und von der wir besessen sind. Der World Wildlife Fund geht davon aus, dass wir in nur 40 Jahren 70 Prozent des Lebens auf der Erde zerstört haben. Das muss man sich mal vorstellen! Es hat lange gedauert, bis ich mit solchen Themen viele Menschen erreichen konnte. Meine erste Ausstellung habe ich auf den Straßen von Paris gemacht, weil kein Museum sie wollte. Das waren 180 Fotos, die von mehr als zwei Millionen Menschen gesehen wurden. Mir ist es wichtig, viele Menschen zu erreichen. Deshalb habe ich auch darum gebeten, dass die Ausstellung, die hier am 15. November endet, anschließend kostenlos den Schulen in Luxemburg zur Verfügung gestellt wird. Wasser ist mir aber auch in anderer Hinsicht wichtig. Deshalb habe ich den Film „La soif du monde“ gemacht, den man sich übrigens auf Youtube gratis ansehen kann. Gleiches gilt auch für den Film „Human“, für den ich mit Runa Khan, der Gründerin von „Friendship Bangladesh“ zusammengearbeitet habe - und die ich hier in Luxemburg getroffen habe. In Luxemburg fand übrigens auch die erste Ausstellung der Fotos von „La terre vue du ciel“ statt, das war in der Banque du Luxembourg.

Philippe Bourseiller Es ist der Ursprung allen Lebens. Ich bin seit zehn Jahren Naturfotograf und habe Vulkane und Wüsten fotografiert, bevor ich zum Wasser kam. Jedes Lebewesen braucht Wasser.

Gibt es Bilder, die Ihnen besonders lieb sind?

Arthus-Bertrand Dieses Bild zeigt einen See im Sudan, auf dem Menschen leben, es ist der zweitgrößte weltweit. Seit dort ein Staudamm gebaut wurde, herrscht Krieg. Wenn ich heute an Wasser denke, fallen mir sofort aktuelle Bilder aus der Region Aude ein, in der Bächlein von 40 cm zu reißenden Strömen mit über sieben Meter Pegelstand wurden. Die Experten rechnen mit vier bis sechs Grad Klimaerwärmung bis Ende des Jahrhunderts. Das müssen unsere Teenager erleben! David Wallace-Wells hat in der New York Times darüber geschrieben und gesagt, unsere schlimmsten Vorstellungen werden wahr. Ich bin immer wieder getroffen durch unsere Unfähigkeit zu reagieren. Wir wissen, dass wir verantwortlich sind - und machen einfach weiter.

Bourseiller Da gibt es sehr viele! Besonders wichtig ist mir das mit dem Wasserbecken in Brazzaville, Kongo. Auch die Flüchtlinge auf der Fähre sind sehr aussagekräftig. Sie stehen für die Probleme. In Bangladesh schmilzt jedes Jahr mehr Eis vom Himalaya ab und das Land verschwindet in jeder Regensaison etwas mehr unter der Wasseroberfläche. Daneben hängt die schönste Oase in der Sahara. Hier kommen nicht nur täglich hunderte Tiere zum Trinken, sonder es leben auch Krokodile im Wasser, die mit der Zeit kleiner geworden sind, um sich der Umwelt anzupassen. Oder hier dieser Baum in der namibischen Wüste: Ich habe in der Regenzeit erlebt, wie er in wenigen Tagen auf- und verblühte.

Dazwischen hängen immer wieder Inschriften wie „Die Produktion von 1 kg Reis verbraucht 3.500 Liter Wasser, die von 1 kg Rindfleisch 15.000 Liter und die von einer Tasse Kaffee 140 Liter.

Arthus-Bertrand Meine Arbeit hat mein Leben verändert. Ich sehe so viel Schönheit - und muss trotzdem miterleben, wie sie zerstört wird. Solche Informationen sollen wachrütteln. Als ich vor 20 Jahren Löwen in Afrika fotografiert habe, gab es 800.000, jetzt sind es noch 20.000 - und sie werden von den Massai vergiftet, ähnlich wie hier die Wölfe. Wenn wir die Welt verändern wollen, müssen wir die Menschen verändern.

Bourseiller Unsere Sprache ist die der Bilder. Die sollen wirklich überzeugen. Dazu können wir dann Anekdoten erzählen. Im Baikalsee gibt es Stollen von 110 Metern Tiefe, aus Eis und Eisblasen, so groß wie Orangen, von denen keiner weiß, wie sie sich bilden. Ein anderes Foto zeigt ein Waljunges mit seiner Mutter in der Nähe von Tahiti. Es nimmt 100 Kg/Tag zu! Der Elefant hier auf dem Bild, der schwimmt, hat mich überrascht, weil der so schnell war. Selbst mit Taucherflossen kam ich kaum hinterher!

Was haben Sie mit der Ausstellung vor?

Bourseiller Die Ausstellung zeigt weniger als ein Drittel des Programms. Ich will noch drei Jahre arbeiten und die Arbeit zum Wasser beenden. Dafür suche ich dringend Sponsoren, denn mir fehlen noch rund 600.000 Euro.

Arthus-Bertrand Wir sind hier im reichsten Land der Erde- und doch hat es den größten ökologischen Fußabdruck. Wir haben heute ein Bewusstsein für den Klimawandel, aber ändern nichts.

www.yannarthusbertrand.org - bourseiller.com