PATRICK WELTER

Dieser Hoffnungsträger ist passend zur Jahreszeit ganz schnell verglüht. Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman galt bis vor ein paar Tagen als der große Reformer der reichen Wüstenmonarchie, die gesellschaftlich im tiefsten Mittelalter steckt. Was im alten Spanien die Inquisition war, ist im modernen Saudi-Arabien die Religionspolizei. Entsprechend folkloristisch fielen auch die ersten Schritte des „jungen Reformers“ aus: Das alte Establishment landete im Schnellverfahren hinter Gittern, die bislang gut versteckten Beziehungen zu Israel wurden mehr oder minder öffentlich, und vor allem dürfen Frauen nun - exakt 130 Jahre nach Berta Benz - im Land der Saudis Autofahren. Für jede Frau hat aber immer noch der nächste männliche Verwandte die Vormundschaft. Da hat die #metoo-Kampagne wohl noch einiges zu tun.

Mohammed bin Salman zeigt jetzt, wie ihn seine persönliche Empfindsamkeit antreibt. Wer an seiner Unantastbarkeit rührt, ist reif. Wir erinnern uns: Pures Mittelalter. Als die kanadische Regierung in diesen Tagen gegen die saudische Inhaftierung einer kanadischen Frauenrechtlerin protestierte, ging den königlichen Saudis die Galle über. Abzug des Botschafters, Rückruf aller Studenten und - besonders weitsichtig - Rückruf aller saudischen Patienten aus kanadischen Kliniken. Die königliche Fluggesellschaft stellte den Verkehr nach Kanada ein.

Lustig war der Versuch, in die sehr großen Fußstapfen russischer Hacker und Trolle zu steigen - dafür reichten aber weder Sachkenntnis, noch Sprachtalent, noch Ideen aus. Ein Tweet, der ganz besonders schnell nach hinten los ging, zeigte ein saudischen Verkehrsflugzeug zwischen den Hochhäusern von Toronto - prompt fiel der Welt wieder ein, dass 14 der Flugzeugentführer des 11. Septembers 2001 Saudis waren. An diese Hypothek hat seine königliche Hoheit wohl nicht mehr gedacht.

Dass die Religiösen und Oberfrommen besonders rabiate Krieger sind, trifft auch auf die Saudis, die Hüter der heiligen Stätten von Mekka und Medina, zu. Die von ihnen geführte regierungsfreundliche, aber vor allem sunnitische Koalition im Jemen geht besonders rabiat gegen die regierungsfeindlichen - schiitischen - Rebellen vor. Ohne Rücksicht auf Verluste. Wenn die UN, trotz des syrischen Dramas, davon spricht, dass im Jemen die wahre humanitäre Katastrophe herrscht, möchte man gar nicht wissen wie es dort aussieht. Die USA lassen den netten Reformprinzen im Jemen machen, schließlich werden die Rebellen von den ewigen Bösewichten aus Teheran unterstützt. Für Trump und Co. ist alles gut, was sich gegen den Iran richtet, mögen die Leichenberge noch so hoch sein. Dass Mohammed bin Salman jetzt so gegen die Kanadier schießt, wird Donald T. amüsieren, denn diese Liberalen nördlich des 47. Breitengrades haben ihn lange genug genervt. Zwei Theokratien stehen sich am Golf unversöhnlich gegenüber - beide wollen die regionale Vormacht werden. Wobei Saudi-Arabien davon ausgeht, sich alles erlauben zu können, solange es ein treuer Waffenbruder der USA - und mittelbar auch Israels - gegen den Iran ist. Wer will da noch Reformen?