LUXEMBURG
INGO ZWANK

Ein Tag mit „Air Rescue 3“ der „Luxembourg Air Rescue“ unterwegs

Es ist kurz nach 7.30. Im Bereitschaftsraum der „Luxembourg Air Rescue“ auf dem Findel steht Ludwig Carl am Herd der kleinen Küche und schlägt ein paar Eier auf, „für das gemeinsame Frühstück - das gehört dazu“, sagt der Mediziner. Carl ist Notarzt bei der LAR, im Rettungshubschrauber „Air Rescue (AR) 3“ - und scheinbar für das leibliche Wohl des Teams verantwortlich. Der Arzt schmunzelt, während seine beiden Kollegen Marco Deterding und Markus Nickels vor dem Hangar mit Eimer und Bürste Hand an den Rettungshelikopter legen. „Zwei-, dreimal die Woche wird er gewaschen“, sagt Deterding, Hubschrauberpilot bei der „Luxembourg Air Rescue“. Eine gute halbe Stunde nimmt der allmorgendliche Check der Maschine in Anspruch, schließlich geht es um die Sicherheit der Patienten und des eigenen Teams. Kurz vor 8.00 kommen Deterding und Nickels in den Bereitschaftsraum, der Tisch für das Frühstück ist gedeckt. „Ich melde uns dann mal frei“, sagt Flugrettungsassistent Nickels. Das bedeutet, ab jetzt ist „AR 3“ für Primär- und Sekundärflüge einsatzbereit. Das Team um Flugarzt Carl ist maßgeblich für den Einsatz in der Großregion Rheinland-Pfalz und Saarland vorgesehen. „Doch was der Tag nun bringt, wissen wir natürlich nicht“, sagt Carl.

Hilfe fast grenzenlos

Der Rettungshubschrauber „AR 3“ ist ein speziell ausgerüstete Hubschrauber, der in der Luftrettung bei Primär-Einsätzen hauptsächlich als Notarztzubringer im Rahmen des sogenannten Rendezvous-Systems mit einem Rettungswagen zusammenarbeitet „und zudem als Verlegungsmittel für Klinikpatienten, den Sekundär-Einsatz, dient“, erklären Carl und Deterding „In nur rund 25 Prozent der Primär-Einsätze kommt es auch zu einem anschließenden Transport des Patienten durch uns“, führt Deterding weiter aus. „Sehr viel häufiger begleitet unser Arzt den Patienten im Rettungswagen ins Krankenhaus.“

Man kann sagen, dass im Notfall in der Großregion Hilfe fast grenzenlos ist - auf jeden Fall, wenn es um die Luftrettung in der deutsch-luxemburgischen Grenzregion geht. Das Rettungswesen ohne die LAR kann man sich nicht mehr vorstellen. Vor 13 Jahren war der Wille zur solidarischen Luftrettung, „wie heute immer noch, frei von jedwedem Konkurrenzdenken“, sagt auch LAR-Präsident René Closter. Maßstäbe waren und sind hohe Professionalität und Kollegialität. Durch das Überwinden politischer sowie rechtlicher Hürden wurde 2005 der Helikopter AR3 der „Luxembourg Air Rescue“ an die Leitstelle Trier angebunden und konnte von dem Moment an die deutschen Rettungskräfte unterstützen, eine unbürokratische Nachbarschaftshilfe entstand. Seitdem ist der am Flughafen Findel stationierte Hubschrauber als fester Bestandteil des deutschen Luftrettungsnetzes, ebenso wie die benachbarten Rettungshubschrauber aus Wittlich und Saarbrücken. „Man muss wissen, Rheinland-Pfalz stellt zwei Intensivhubschrauber, einer ist in Wittlich und der zweite ist hier auf dem Findel stationiert “, sagt Carl mit Blick auf den Stellenwert der LAR. Am 18. April 1988 von Closter und einer Handvoll Enthusiasten gegründet, ist die LAR heute mit rund 185.000 Mitgliedern der größte gemeinnützige Verein im Großherzogtum. 175 Mitarbeiter kümmern sich um die hochmoderne, aus insgesamt sechs Helikoptern vom Typ MD 900/902 und fünf Learjets bestehende Flotte.

„Ja, wir sind einsatzbereit“

Es ist 9.16: Eine Alarmierung - bewusstlose Person in der Nähe von Hermeskeil, teilt die Rettungsleitstelle mit. Carl, Deterding und Nickels laufen Richtung Hubschrauber, Deterding bereitet den Start vor, Carl hat im hinteren Bereich Platz genommen, wo sich die Patiententrage und das medizinische Equipment befinden. Gerade als er die Tür auf seiner Seite schließen will, kommt Nickels mit der Entwarnung. „Der Einsatz ist gecancelt“, so die Nachricht. Ein Notarzt aus der Region ist kurzfristig freigeworden und kann schneller an der Einsatzstelle sein, sodass „Air Rescue 3“ nicht abheben muss. „Kommt schon mal vor“, sagt Deterding und setzt seinen Helm wieder ab. So geht es wieder in den Bereitschaftsraum und Nickels ist schon wieder am Telefon. „Ja, wir sind einsatzbereit“, bestätigt er. Am Telefon wird eine Patientenverlegung angefragt. Eine ältere Frau ist gestürzt und hat sich eine Verletzung an der Wirbelsäule zugezogen. Sie soll vom Krankenhaus in Prüm (Eifel) ins Klinikum Karlsbad-Langensteinbach transportiert werden. Der Auftrag wird von „Air Rescue 3“ angenommen. Ein Fahrweg auf der Straße über 300 Kilometer ist der Patientin nicht zuzumuten, also wird der Hubschrauber angefragt. Der Transport durch die Luft ist nicht nur schneller, sondern insbesondere bei Wirbelsäulenverletzungen auch sehr viel schonender.

Um 9.46 hebt AR 3 ab in Richtung Eifel, es ist leicht nebelig im Grenzgebiet, in Prüm regnet es. „Das ist aber kein Problem“, so Deterding, „solange es nicht schlimmer wird…“ Im Normalfall geht der Dienst des Teams im Sommer von 7.30 morgens bis Sonnenuntergang, „das ist heute so gegen 21.00“, sagt Nickels. Eine spätere Landung auf dem Findel sei dabei aber kein Problem. „Allerdings ist es ein Problem für uns, bei Dunkelheit an möglichen Unfallstellen zu landen.“ Bäume oder auch Stromleitungen stellen Hindernisse dar, die dann nicht erkannt werden können. Um 10.06 setzt „Air Rescue 3“ auf dem Landeplatz des St. Joseph-Krankenhauses auf. Ein Rettungswagen steht bereit, um Carl und Nickels zum Krankenhaus zu bringen. Es erfolgt eine herzliche Begrüßung unter den Rettungskräften, man kennt sich seit langem. Deterding bleibt beim Hubschrauber - der schnell als Fotomotiv herhalten muss. „Für meine Enkelin“, sagte eine ältere Frau und zückt ihr Handy. „Darf ich mal gucken kommen?“, fragt eine Jugendliche den Piloten. „Aber natürlich“, sagt Deterding - und wird schon mit Fragen gelöchert. Ist es schwer, einen Hubschrauber zu fliegen? Was wird getankt? Wozu dienen denn diese Pedale? Deterding erzählt und erklärt der interessierten jungen Frau: „Wir haben mit dem Hubschrauber eine Reichweite von rund zwei Flugstunden, gut 250 Liter Kerosin verbrauchen wir in der Stunde… Auch das gehört zu unserem Alltag - verständlich, denn wann sieht man einen Hubschrauber schon so in seiner Nähe stehen“, lacht Deterding, der seit 1990 Helikopter fliegt. Im Sommer in der Ferienzeit würden so keine fünf Minuten vergehen, „und Kinder kommen angelaufen.“

Die 70-jährige Patientin wird mit dem Rettungswagen zum Heli gebracht, sie ist bereits zur Überwachung ihrer Vitalwerte an einen Monitor angeschlossen. Ihre Angehörigen werden mit dem Wagen ins Krankenhaus nachkommen. Beruhigend wirkt Carl auf die Patientin ein. „Wenn etwas ist, sofort Bescheid geben“, sagt Carl im Eifeler Dialekt zu der Frau. Doch der Flug verläuft ohne Probleme.

In Langensteinbach landet „Air Rescue 3“, nach einem Tankstopp in Pirmasens, um 11.59 auf dem Dach des Krankenhauses. Eine Trage steht bereit, die Frau wird - nach etwas Papierkram und einem Gespräch mit dem diensthabenden Arzt - in der Notaufnahme aufgenommen. „Unser Leistungsangebot umfasst das ganze Gebiet der modernen und anspruchsvollen Wirbelsäulenchirurgie - von Frakturen, Deformitäten, Entzündungen und Tumoren bis hin zu degenerativen Erkrankungen wie zu Beispiel Bandscheibenvorfälle“, wie es von der Rezeption in der Notfallaufnahme heißt - ein normaler Verlegungsflug für „AR 3“.

„Air Rescue 3“ wurde im Jahr 2017 knapp 1.000 Mal grenzübergreifend in Rheinland-Pfalz und Saarland eingesetzt. Mit dem Projekt „AR 3“ sei ein Stück gelebtes Europa in der Grenzregion entstanden, sagt der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz mit lobenden Worten über die reibungslose Kooperation bei der grenzübergreifenden Zusammenarbeit im Rettungswesen. „Die Sicherheit der saarländischen Bevölkerung auf einem landesweit einheitlichen und hohen Niveau liegt uns besonders am Herzen“, heißt es aus dem saarländischen Innenministerium. Man sei sehr froh, dass man für die unterstützende Luftrettung im Grenzraum einen so kompetenten Partner aus Luxemburg habe. Das Einsatzleitsystem der Leitstellen Trier und auch Saarbrücken errechnet dabei automatisch den Einsatz des schnellsten Notarztes. „Diese Zusammenarbeit mit den Leitstellen klappt sehr gut“, bestätigt auch der LAR-Flugbetriebsleiter Hubschrauber, Peter Möller. Es bleibt für das LAR-Team eine kurze Pause in Langensteinbach für eine Tasse Kaffee, denn der nächste Auftrag wartet schon: in Esch/Alzette. Gegen 12.50 ist „Air Rescue 3“ wieder in der Luft Richtung Großherzogtum. Nach einer weiteren Betankung in Saarlouis startet um 14.41 der Hubschrauber in Esch/Alzette mit dem neuen Patienten, einem jungen Mann, der einen Fahrradunfall hatte, in Richtung Uni-Klinik Homburg. Flugarzt Carl nutzt die Zeit, die Papiere für die Patientenübergabe einzusehen und teilweise weiter auszufüllen. 20 Minuten vor der Landung meldet sich Nickels über Funk am Zielort an. „Eine Landung auf dem Dachlandeplatz ist nicht möglich“, so eine Antwort über Funk, „ihr müsst auf dem alten Landeplatz runter.“

Bis weit nach Sonnenuntergang

„Davon war aber nichts bekannt“, so der vernehmbare Unmut des Piloten. Denn nun ist ein Rettungswagen vonnöten, der den Patienten von dem etwas abgelegenen Landeplatz zum Krankenhaus bringt. „Bekommen wir hin, es sind ja noch 20 Minuten“, sagt Nickels über Funk. Und bereits beim Landeanflug ist es zu erkennen: der Transport ist gesichert. Ein Rettungswagen ist vor Ort, der Patient wird übernommen und in die Klinik gebracht. Wieder steht für Carl die Patientenübergabe an - diesmal mit französischen Dokumenten aus Esch/Alzette. Doch die Kollegin aus Luxemburg hat einen Anhang auf Deutsch für die Uni-Klinik beigefügt.

Der Mediziner Carl arbeitet eigentlich - nach einer Weiterbildung in Anästhesiologie und Notfallmedizin - als Oberarzt am Klinikum Mutterhaus in Trier. Nebenbei betreibt er eine komplementärmedizinische Privatpraxis in Bitburg - und ist eben als Flugarzt bei der „Luxembourg Air Rescue/European Air Ambulance“ tätig. „Es ist einfach toll, hier in dem Team zu arbeiten“, sagt Carl. Nach der Verlegung setzt gegen 16.30 „Air Rescue 3“ wieder auf dem Findel auf - über Funk wird noch das Tanken organisiert. Ein Mittagessen gab es heute nicht, das fiel an diesem Tag aus. „Daher schauen wir jetzt, ob es etwas Süßes zum Kaffee gibt“, sagen die drei. Denn an diesem Tag folgen noch zwei weitere Einsätze, wobei das mögliche Flug-Zeitfenster komplett ausgenutzt wird und die letzte Landung des Tages am Findel weit nach Sonnenuntergang erfolgt - eben ein ganz normaler Tag bei den fliegenden Rettern der „Luxembourg Air Rescue“.

HINTERGRUND

Vier Standbeine

Schnelle Hilfe aus der Luft Die Rettungshubschrauber der Luxembourg Air Rescue, stationiert am diensthabenden Krankenhaus in Luxemburg-Stadt respektive Ettelbrück, sind für Notfallrettungen, also sogenannte primäre Einsätze, ins nationalen Rettungssystem, dem 112, eingegliedert. Tagsüber sind sie innerhalb von zwei Minuten in der Luft und bringen die notärztliche Hilfe aus dem Krankenhaus binnen maximal zehn Minuten an jeden Punkt des Großherzogtums und gewährleisten so eine optimale Unterstützung für den luxemburgischen Rettungsdienst. Patientenrückführung Falls ein Mitglied der LAR im Ausland ein Unfall zustößt oder es krank wird, kann es sich rund um die Uhr an die LAR-Alarmzentrale wenden. Nach Abklärung der medizinischen Daten mit den Ärzten vor Ort organisiert die LAR dann die Rückführung vom Krankenhausbett im Ausland bis ins Krankenhausbett in der Heimat. Neben der Mitglieder-Rückführung führt die LAR auch weltweit Rückführungen für Versicherungen und andere Organisationen durch. Organtransporte Seit dem 1. Januar 2013 koordiniert das „Luxembourg Control Center“ rund 800 Transporte der Operationsteams und Organe vom Spender zum Empfänger, wobei, aufgrund der geringen Konservierungszeit mancher Organe, Schnelligkeit und Planung im Vordergrund stehen. Humanitäre Einsätze Die LAR ist offizieller Partner der Vereinten Nationen und der NATO. Außerdem arbeitet die Luftrettung in sehr engem Kontakt mit dem Kooperationsministerium der luxemburgischen Regierung und der Europäischen Kommission zusammen, wenn es darum geht, im Falle einer humanitären Katastrophe schnell und sicher medizinische Hilfe vor Ort zu bringen.