NIC. DICKEN

Mit beträchtlichem Stolz präsentierten am vergangenen Sonntag Eigentümer und Erbauer der „Harmony of the Seas“ das nunmehr größte Kreuzfahrtschiff der Welt mit Platz für 6.400 Passagiere und noch einmal 2.100 Personen Besatzung auf seiner Jungfernfahrt von Saint-Nazaire nach Southhampton, von wo aus der neue Luxusliner zu seiner eigentlichen Einsatzregion im Mittelmeer in See stechen wird.

Sicher darf man auch als Beobachter stolz sein auf das, was menschlicher Einfallsreichtum ist; die Vielfalt der Unterhaltungsmöglichkeiten an Bord, um erholungssüchtigen Zeitgenossen einen möglichst angenehmen und kurzweiligen Aufenthalt und unvergessliche Reiseerinnerungen zu verschaffen. Dafür kann man Bewunderung aufbringen, wenn da nicht diese Vielfalt von gravierenden aktuellen Problemen im und um das Mittelmeer herum wäre, die man nicht einfach außer Acht lassen kann.

In den Genuss der Annehmlichkeiten, den diese neue Königin der Seeschifffahrt bieten kann, werden nämlich nur wenige Anrainer eines Meeres kommen, das an der Schnittstelle zwischen gleich drei Kontinenten liegt, die in ihrem Entwicklungsstand und in ihren Lebensweisen unterschiedlicher nicht sein könnten. Genau so wie dieses Meer Jahr für Jahr Hunderttausenden von urlaubs- und entspannungsbedürftigen Europäern Raum bietet für das Ausleben von Ferienträumen, wird es jährlich auch für Hunderttausende von Menschen aus Afrika und Asien, die auf der Flucht vor Kriegsterror und auf der Suche nach einem besseren Leben für sich und ihre Kinder sind, zur unüberwindlichen Grenze und schlimmstenfalls zur tödlichen Falle.

Auch wenn man mit Recht behaupten kann, dass beide Phänomene, zumindest direkt, nichts miteinander zu tun haben, so kann der eigentliche Tatbestand doch nicht ganz unberührt lassen. Oder sollte der - plakativ - auf „Werte“ orientierte Durchschnittseuropäer mittlerweile schon so abgebrüht sein, dass er kein Problem damit hat, dass im gleichen Wasser, auf dem er einige unbeschwerte und genussvolle Urlaubstage verbringt, jährlich einige tausend Not leidende Flüchtlinge mit ihren Kindern kläglich ersaufen?

Im März 2003 hatte es die Mächtigen der Welt nur einige Wochen gekostet, um den - völkerrechtlich weiterhin fragwürdigen - Beschluss zum Krieg gegen den Irak zu fassen, der wesentlichen Anteil hat an der Flüchtlingswelle im Nahen und Mittleren Osten. Wo bleibt der gleiche Eifer bei der Linderung der Not dieser Menschen?

Genau wie für die westliche „Zivilisation“ ist dieses Anliegen auch für die Multimilliardäre in der Golfregion völlig nebensächlich, die ihrerseits die Existenznot Abertausender von Wanderarbeitern aus Südasien aufs schlimmste ausbeuten. Wo liegt der Unterschied in der Menschenverachtung zwischen muslimischer Zivilisation im Osten und christlicher Kultur im Westen?

Mit dem Teilen haben es beide nicht so besonders, trotz gegenteiliger Lehren ihrer beiden religiösen Leitfiguren.