LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Kunstwerke und Dokumente sollen durch Digitalisierung allen zugänglich werden

Nicht sechs gegen die Hürden der Digitalisierung, sondern sechs auf dem Zug in Richtung digitales Zeitalter. Auch, um dann kleinere Kultureinrichtungen schneller und einfacher auf den Weg zu bringen. Unter diesem inoffiziellen Motto steht die 2017 lancierte Digitalstrategie für das Kulturgut des Großherzogtums. Dieses Kulturgut umfasst unter anderem Akten, Gedichte, Münzen, Gemälde, Briefe, Skulpturen, Romane, Karten, Fotos und Filme. Damit es in allen Teilen erhalten und lesbar bleibt, soll es digitalisiert werden. So wäre es über Internet von überall auf der Welt und zu jeder Zeit zugänglich. „Gegenwärtig leisten Kulturinstitute bereits wertvolle Arbeit auf dem Gebiet der Digitalisierung, aber der Druck der digitalen Revolution ist enorm, denn sie schreitet schnell voran“, erklärt Premierminister Xavier Bettel in seiner Funktion als Kulturminister. „Die Erwartungen sind beachtlich, sei es in Forschung, Bildung oder einfach in der breiten Öffentlichkeit, die alle daran interessiert sind, zu kulturellem Erbe digitalen Zugang zu haben.“

Am Ende sollen von der Digitalisierung des nationalen Kulturguts nicht nur die kulturellen Einrichtungen profitieren, für die etwa Leihen und Verleihen von Kunstwerken einfacher würde, sondern auch Publikum, Lehrer und Forscher. Im Internet sollen nicht nur Sammlungen der Kultureinrichtungen zu finden sein, sondern auch Kataloge und Datenbanken. Damit wäre unter Umständen auch der Blick in sonst verschlossene Depots frei. Und kleinere Häuser könnten mehr Gewicht erhalten - es wäre klarer, was überhaupt in ihren Sammlungen schlummert. Interessierte Laien könnten mittels „Crowdsourcing“ mitforschen, die Jugend mit Spielen begeistert werden und Menschen mit eingeschränkter Mobilität das Museum in 3D erkunden. Doch bis dahin ist noch jede Menge Arbeit zu erledigen, technischer und organisatorischer Art.

Metadaten als Zeitfresser

Angesichts der digitalen Revolution hat eine rasante Entwicklung stattgefunden, wie Marianne Backes darlegt, im Kulturministerium für die Digitalisierung des nationalen Kulturguts zuständig. „Die Kulturinstitute müssen sich innovativ einbringen.“ Jene, die die Digitalisierung in Luxemburg als Vorreiter angehen, sind allen voran „Musée national d’histoire et d’art“ (MNHA), „Centre national de littérature“ (CNL), „Archives nationales de Luxembourg“ (Anlux), „Musée national d’histoire naturelle“ (MNHN), „Bibliothèque nationale“ (BNL) und „Centre National de l’Audiovisuel“ (CNA).

Als Arbeitsschritte stehen für sie laut der Digitalisierungsstrategie an: Beschreibung der Objekte anhand von Metadaten und einheitlichen Datenmanagementsystemen, standardisierte Digitalisierung mittels technischer Infrastruktur, Veröffentlichung bei Wahrung der Autorenrechte, Teilen als zugängliche Daten und Bewahrung als langfristige Archivierung. Eine entscheidende Herausforderung ist - abgesehen von dem teils sehr hohen Zeitaufwand - die richtige Erfassung der Metadaten - der Informationen über das jeweilige Objekt: Bei einem Buch wären dies Verfasser, Verlag, Auflage, Jahr. Bei einem handgeschriebenen und undatierten Brief wird das Ganze schon schwieriger, wie CNL-Direktor Claude D. Conter darlegt.

Doch bei der Digitalisierung des Kulturguts stellen sich auch andere Probleme. Etwa die Klärung und Wahrung der Autorenrechte und die entsprechende Klassifikation, damit das jeweilige Kunstwerk in den Onlinedatenbanken am Ende auch gefunden wird.

Doch laut Backes sei schon exzellente Arbeit geleistet worden, sie stützt sich auf Analysen eines jüngst geschaffenen Kompetenznetzwerkes, einem Pfeiler des Aktionsplanes der Digitalisierung für 2017 bis 2019. Dieser umfasst zudem die Unterstützung der Kulturinstitute und die Zusammenarbeit mit dem „Centre des technologies de l’État“. 2017 gab es für die Digitalisierung ein Budget von 150.000 Euro.

Autorenlexikon als Referenz

Die sechs Kulturinstitutionen haben unterdessen schon einige Digitalisierungsprojekte beendet und sind dabei, noch weitere auf den Weg zu bringen. Als positives Beispiel wird das Luxemburger Autorenlexikon des CNL ausgewiesen: 2012 ging es online und verzeichnet inzwischen 1.364 Autoren, im Durchschnitt verweilen die Nutzer 20 bis 30 Minuten auf der Seite, recherchieren also gezielt. Nun soll die Pseudonymliste der Luxemburger sogar in das „World Biographical Information System“ integriert werden, der größten biographischen Datenbank mit Informationen zu mehr als sechs Millionen Personen. „Das Autorenlexikon ist ein Ergebnis der Forschung selbst“, sagt Conter und betont dabei, „ohne Archivmaterial gibt es keine Digitalisierung“. Für September plant das CNL übrigens seine erste Onlineausstellung.

Auch im MNHA verfolgt man verschiedene Projekte: unter anderem die Besetzung des Postens eines digitalen Kurators, eine interne Datenbank für die Verwaltung der Sammlungen und die Schaffung einer öffentlichen Plattform für deren Veröffentlichung. In den „Archives nationales de Luxembourg“ arbeitet man derzeit daran, bis Ende Juli standesamtliche Akten der Hauptstadt zwischen den Jahren 1795 und 1912 online zu stellen. Das Ergebnis jahrelanger Arbeit, die noch nicht zu Ende ist, Diekirch soll zum Jahresende folgen. Besonders gut angekommen ist das „Crowdsourcing“-Projekt „Fuersch mat“ bei Hobby-Forschern. „In einer Woche haben 50 Teilnehmer mehr als 3.000 Sterbeurkunden von Soldaten zwischen 1798 und 1814 indexiert“, sagt Nationalarchiv-Direktorin Josée Kirps.

Im MNHN arbeitet man unter anderem am „Atlas of Living Luxembourg“, einem Biodiversitätsportal, und das CNA archiviert Nachkriegsaufnahmen von Amateurfilmern und Radionachrichten. Die BNL sichert unter anderem Internettexte luxemburgischer Domains, wobei die Arbeit eines digitalen Kurators allein 2017 das Sammeln von 150 Millionen Dokumenten von .lu-Domänen erlaubt hat. Nur die Spitze des Eisberges, die deutlich macht, dass die Einrichtungen mit immer größeren Datenmengen konfrontiert werden.