ETTAL
SOPHIA SCHÜLKE

In die Ammergauer Alpen locken einmalige Naturschönheiten und berühmte Baukunstwerke

Jaja, Aussicht ist auch. Dort Berge, da drüben und dahinter noch viel mehr. War ja auch zu erwarten, bei einem Urlaub in den Ammergauer Alpen in Oberbayern. Hat man es wider Erwarten doch noch auf den Ettaler Mandl geschafft, muss man die Sinne erst mal wieder einsammeln. Von unten sah das Ding doch gar nicht so fies aus. Es hätte ja auch keiner gedacht, dass der Berg mit jedem Schritt hundert Meter höher wird. So auf Tuchfühlung mit eisigem Gebirgsbach, rutschendem Schotter, stechenden Insekten und dem Kalkzackenberg, und von den vieren macht einem keiner ein Geschenk. Erst mal die Beine wieder in eine gerade Form bringen. Tatsächlich macht so mancher 2.500er weniger Mühe.

Hat man die Strapazen des Aufstiegs, inklusive der Frage, wer denn ausgerechnet diese Tour ausgesucht hat, beiseite geschoben, dann ja, dann kann man sich der Aussicht widmen. Und die lässt die Augen ziemlich weit schweifen. So sehr viel weiter als unten im Tal oder in der Stadt, aus der man für die Freizeitgipfelstürmerei angereist ist. Begrünte Hänge und kalkweiße Gipfel, hinter einer Bergkette liegt die nächste und formt mit den anderen ein steinernes, stillstehendes Meer aus langgezogenen, bläulichen Zacken. Man weiß nicht mehr, was man hier oben wollte, aber dieses Gefühl von unantastbarer Gelassenheit und Naturverbundenheit wird sich ins Gedächtnis eingraben.

Überdehnte Zeit und da ein kleines Stück Blau

Derweil gehen die ganz Mutigen und Schwindelfreien mit Handschuhen und Klettersteigset auf die Via Ferrata und erklimmen die letzten Brocken des 1.633 Meter hohen Berges. Aber der Blick kann auch einfach nur weiter schweifen, etwa auf eine tiefergelegene Weide, wo die Kühe von vorhin auf Miniaturgröße geschrumpft sind. Von vorhin, von wegen. So schön, so steil und so lang der Aufstieg auch war, bei der Angabe der Wanderzeit ist allergrößtes Misstrauen an den Tag zu legen. Nur zwei Stunden vom Kloster Ettal hier hoch, niemals. Wo sonst auf angegebene Wegezeiten Verlass ist und man sie ohne größere Trödelei sogar unterbieten kann, herrscht hier am Ettaler Mandl eine temporäre Abnormität, ein Exzess der überdehnten Zeit. Daher wohl auch die magische Stille am Berg, man kann in jeden Laut der Natur hineinhorchen. Aber das kostet. Als Faustregel kann gelten: Die auf dem Schild am Parkplatz im Tal angegebene Zeit in Stunden ist mit zwei zu multiplizieren. Die wahrscheinlichste Erklärung für die Verzögerung ist nicht Hitze, Steilheit oder gar Untrainiertheit der Wanderer. Schon gar nicht der Hungerast, der einen wegen zu wenig Proviant ereilt - irgendwie war man nur von einer zweistündigen Wanderung ausgegangen. Es kann nur so gewesen sein, dass diesen Berg oberbayerische Supersherpa mit Düsenantrieb hinaufgeflitzt sind und die verräterischen Schilder lachend vom Gipfel hinunter gebeamt haben.

Wer keinen Düsenantrieb hat, packt besser extra viel Wasser und Nervennahrung ein. Oder sucht sich einfach einen Tag aus, der nicht brüllend heiß ist. Jedenfalls immer schön dran denken, wenn der Schweiß rinnt, die Waden taub werden und die Mitwanderer fluchen: die Aussicht. Und außerdem leuchtet es da vorne, zwischen den Nadelbäumen, ja schon ein kleines bisschen blau, also kann der Gipfel höchstens noch drei Stunden entfernt sein. Das hebt die Stimmung.

Insofern empfiehlt es sich, die Besteigung des Ettaler Mandl an den Urlaubsbeginn zu legen. Nicht, weil man es dann hinter sich hat. Sondern, weil man in den unbezahlbaren Genuss kommt, jedes Mal, wenn man diesen einmaligen Berg im Panorama des Ammergebirges erkennt - und das wird man -, vor Stolz fast zu platzen. Man hat durchgehalten und von dort oben runtergeschaut.

Schluchtenwanderung und Passionsspiele

Ähnelt das Gefühl in den Beinen wieder dem Normalzustand, lassen sich unten im Tal allerhand interessante Orte entdecken. Allen voran die sehr sehenswerte Partnachklamm hinter Garmisch-Partenkirchen, der Stadt, in der 1936 die Olympischen Winterspiele stattfanden. Auf dem Weg dorthin bekommt man nicht nur die Große Olympiaschanze für die Skispringer zu sehen, sondern auch reichlich Ausblick auf die 2.962 Meter hohe Zugspitze. Ob man es derzeit in der Hochsaison einigermaßen entspannt hochschafft, ist allerdings fraglich, denn die neue Zugspitz-Seilbahn will derzeit gefühlt die halbe Welt ausprobieren.

Die Partnachklamm bietet eine technisch nicht anspruchsvolle Wanderung. Dafür ist die Zeit, die man durch die etwa 700 Meter lange Schlucht wandelt, umso schöner: Die engen Felswände steigen bis zu 80 Meter hoch und sind von Bäumen, Wildblumen oder Moos begrünt. Hier und da tropft einem Wasser auf den Kopf und in der Mitte der Schlucht rauscht die wilde Partnach eisigblau und weiß schäumend unter dem Weg vorbei.

Überdies gibt es im Ammergebirge auch berühmte Baukunstwerke zu bestaunen: Darunter das legendäre Schloss Neuschwanstein und das wesentlich kleinere Schloss Linderhof - beide von Bayerns Märchenkönig Ludwig II. in Auftrag gegeben. Ansonsten sollten sich Kulturinteressierte den Frühsommer 2020 vormerken: Dann finden in dem kleinen Städtchen Oberammergau wieder die berühmten Passionsspiele statt. Das Ereignis steht nur alle zehn Jahre auf dem Programm. Einen Besuch wert ist auch das 1330 gegründete Kloster Ettal - am Fuß des Ettaler Mandl. Auf einem zwölfeckigen Grundriss im gotischen Stil errichtet, strahlt das nach barocken Geschmack umgestaltete Kloster auch trotz neugieriger Touristen eine beruhigende Wirkung aus. Die Kirche mit der großen Kuppel hat sogar den Rang einer Basilica minor.

Weitere Infos unter www.ammergauer-alpen.de ,http://schlosslinderhof.de, www.kloster-ettal.de und www.partnachklamm.eu