KAIRO
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Es zeichnen sich Veränderungen für 2018 ab - Befürchtungen und Hoffnungen halten sich die Waage

Der „Islamische Staat“ ist zurückgedrängt, die Kämpfe in Syrien flauen ab. Im Nahen Osten scheint der Blick vom Kriegsgeschehen schon zur Bewältigung seiner Folgen zu gehen: der Zerstörung, der Flucht, der politischen Gräben. Ein Schimmer der Hoffnung kommt für 2018 auf. Doch die Mischung bleibt explosiv, nicht zuletzt wegen des Tauziehens zwischen den Regionalmächten Iran und Saudi-Arabien. Wie starten die Akteure ins neue Jahr?

In Syrien herrscht seit mittlerweile fast sieben Jahren Krieg. Inzwischen sieht es so aus, als ob sich Präsident Baschar al-Assad an der Macht halten kann, zumindest auf absehbare Zeit. Die großen Militäroperationen werden weniger, Assad kontrolliert wichtige Schlüsselgebiete. Zudem ist die Terrormiliz Islamischer Staat aus den Städten vertrieben, die sie in den vergangenen Jahren kontrollierte.

Die Kämpfe lassen nach, seit lokale Waffenruhen unter Vermittlung von Russland, dem Iran und der Türkei ausgehandelt wurden. Allerdings droht noch gewaltiges Blutvergießen, sollte Assad versuchen, die noch von Rebellen gehaltenen Gebiete einzunehmen. Darunter sind Gegenden nahe der Hauptstadt Damaskus ebenso wie die Provinz Idlib im Norden.

Wie geht es mit Assad weiter?

Schon jetzt sind etwa die Hälfte der 20 Millionen Syrer auf der Flucht, im Land und über die Grenzen hinweg. Hunderttausende wurden im Krieg getötet. Das Ausmaß der Zerstörung ist immens. Zehntausende Menschen werden vermisst, es wird vermutet, dass viele in Regierungshaft sind. Wie es mit Assad weitergeht, bleibt eine Schlüsselfrage. An der Härte des Regimes, seit Jahrzehnten in den Händen der Assad-Familie, entzündeten sich Aufstand und Krieg. Jetzt scheint es, als ob Assad dank russischer und iranischer Rückendeckung zumindest vorerst sein Amt retten kann. Doch der Konflikt hält an, nicht zuletzt an der Assad-Frage sind alle bisherigen Bemühungen um eine diplomatischen Lösung gescheitert.

Der Irak hat den Kampf gegen den Islamischen Staat nach rund vier Jahren für beendet erklärt. Rund 2,7 Millionen Iraker sind in Gebiete zurückgekehrt, die vom IS befreit wurden. Doch Millionen weitere sind noch vertrieben. Zudem hat die Terrorherrschaft ihre Spuren hinterlassen: Unzählige Menschen wurden getötet, Frauen wurden versklavt. Häuser sind zerstört, das Geld für den Wiederaufbau fehlt.

Allein in Mossul verloren Tausende Menschen ihr Leben. Rund 600 000 warten darauf, in die Stadt zurückkehren zu können. Auch in Ramadi sind nach Behördenangaben noch mehr als 70 Prozent der Stadt zerstört oder schwer beschädigt.

Die Regierung berechnet, dass landesweit rund 100 Milliarden Dollar (85 Milliarden Euro) zum Wiederaufbau nötig sind - Vertreter Mossuls gehen davon aus, dass allein ihre Stadt so viel braucht. Wo das Geld herkommen soll, ist offen. Die USA, deren Militärkoalition zwischen Oktober 2016 und Juli 2017 unzählige Luftangriffe rund um Mossul flog, scheinen sich zurückzuhalten. Der Wiederaufbau ist ein wesentlicher Knackpunkt für den künftigen Zusammenhalt des Iraks. Die zerstörten Gegenden liegen weitgehend in sunnitischem Gebiet, während die Regierung in Bagdad von Schiiten dominiert ist. Wenn der Wiederaufbau scheitert, drohen neue Aufstände in sunnitischen Regionen.

Saudi-Arabien: Frischer Wind mit „MBS“?

In Saudi-Arabien scheint mit MBS ein frischer Wind zu wehen: MBS steht für den neuen Kronprinzen Mohammed bin Salman, von dem viele erwarten, dass er im kommenden Jahr den Thron von seinem Vater übernehmen wird. Der 32-Jährige gilt als religiös moderat und hat bereits jetzt Zeichen der Öffnung gesetzt. Ihm wird unter anderem zugeschrieben, dass das Autofahrverbot für Frauen fällt. Der Kronprinz gilt vielen auch als treibende Kraft hinter der Festnahme Dutzender Mitglieder der Herrscherfamilie unter Vorwürfen der Korruption.

Zugleich pocht Saudi-Arabien auf seine Vormachtstellung in der Region. Auch der Syrien-Konflikt gilt in gewissem Grad als Stellvertreterkrieg der Regionalmächte Iran und Saudi-Arabien: Teheran steht auf der Seite Assads, Riad unterstützt Rebellen. Im Libanon soll der - letztlich zurückgezogene - Rücktritt von Ministerpräsident Saad Hariri von Saudi-Arabien ausgegangen sein, dem Hariri zu nachsichtig gegenüber der vom Iran unterstützten libanesischen Hisbollah-Miliz gewesen sein soll. Und im Jemen kämpft eine von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition auf der Seite der Regierung gegen Huthi-Rebellen, die wiederum vom Iran unterstützt werden. Tod, Zerstörung, Hunger, Not und grassierende Seuchen sind auch weit über den Jahreswechsel hinaus die Folgen des Bürgerkriegs im Jemen.
Im israelisch-palästinensischen Konflikt zeichnet sich weiter keine Lösung ab. Die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, sorgt vielmehr für weitere Unruhe. Es ist kaum vorstellbar, dass selbst bei einem Regierungswechsel im kommenden Jahr sich ein moderaterer Regierungschef in Israel auf palästinensische Forderungen einlassen würde, die Jerusalem als palästinensische Hauptstadt umfassen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu steht wegen Korruptionsvorwürfen unter Druck, was im neuen Jahr auf eine Ablösung im Amt hinauslaufen könnte. Dann allerdings könnte auch ein noch stärkerer Hardliner übernehmen. Die palästinensische Forderung nach einem Rückkehrrecht für Flüchtlingsnachkommen ist ein weiterer Punkt, der einer Verhandlungslösung im Weg steht. So mancher Beobachter erwartet daher, dass Trump im kommenden Jahr ein Teilabkommen anstrebt: ein palästinensischer Staat auf nur einem Teil des beanspruchten Landes, und ein Aufschub der Jerusalem- und der Rückkehrrechtsfrage. Übrigens: Das mittelamerikanische Guatemala folgt als erstes Land der umstrittenen Entscheidung von US-Präsident Donald Trump und verlegt seine Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem.