LUXEMBURG
MARCO MENG

„Der Klimawandel hat eine Relevanz in vielen Dimensionen“, meint Ranga Yogeshwar

Das Thema Klimawandel begleitet den luxemburgischen Physiker und Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar eigener Aussage nach sein halbes Berufsleben: Gerade erst letzte Woche war er auf dem bis knapp unter 4.000 Meter reichenden Morteratschgletscher in den Schweizer Alpen, um eine Dokumentation zu drehen.

„Dort sieht man dramatisch den Rückgang des Gletschers“, sagt Yogeshwar dem „Journal“. Sein Besuch des Gletschers diente aber nicht nur der Bestandsaufnahme, sondern eine Überlegung sei dabei auch die Frage gewesen, ob es Techniken gebe, mit denen man dieses massive Abschmelzen von Gletschern möglicherweise etwas eindämmen könne.

„Der Klimawandel hat eine Relevanz in vielen Dimensionen“, so Yogeshwar. Die trivialste sei der Rückgang des Schnees in den alpinen Regionen, den man im Gebirge deutlich sehe. „Das stellt die Existenz mancher Wintersportorte infrage“. Gletscher sorgten zudem für Wasser, das in der Schweiz für die Stromerzeugung genutzt wird - auch das ist durch die Erderwärmung gefährdet.

„Der Rückgang von Gletschern an anderen Stellen hat aber noch massivere Auswirkungen“, sagt Yogeshwar und weist als Beispiel auf Indien hin, wo das Wasser der Lebensader Ganges von fünf großen Zuläufen aus dem Himalaya gespeist wird. „Weniger Gletscher heißt weniger Wasser - und weniger Wasser in einem Subkontinent wie Indien hätte katastrophale Folgen“, so der Wissenschaftsjournalist, der sich auch mit dem Wirbelsturm Irma befasst hat, der Anfang September die Karibik und die USA heimsuchte. Freilich hat es Wirbelstürme auch zuvor gegeben, aber: „In der Geschichte der Erfassung von Wirbelstürmen per Satellit hat man einen Wirbelsturm, der drei Tage in Folge in der Kategorie 5 eingestuft war, also gemittelt über zwei Minuten mit mehr als 300 Kilometer pro Stunde unterwegs ist, noch nicht gesehen“, erklärt Yogeshwar. Nicht unbedingt die Zahl, aber die Heftigkeit solcher Stürme nehme durch den Klimawandel zu. Durch die global steigenden Temperaturen verschiebe sich zudem auch Flora und Fauna, der Lebensraum von Pflanzen und Tiere. „Während manche Gegenden von Starkregen überflutet werden“, erläutert Yogeshwar, „leiden andere unter extremer Trockenheit bis zur Nichtbewohnbarkeit.“ Das führe zwangsläufig dazu, dass die Menschen vor Ort gezwungen seien, von dort wegzugehen.

Menschheit in einer Übergangsphase

Das alles klingt nicht gerade ermutigend. „Aber“, wirft Yogeshwar ein: „Der wichtigste Punkt ist Bewusstsein. Das erste ist der Schritt. Der zweite ist, dass wir als Homo Sapiens lernfähig sind; so scheint die jüngere Generation schon vielfach ein verändertes Mobilitätsverhalten zu zeigen, Stichwort: Carsharing in Städten.“ Da ein Carsharing-Auto bis zu zwanzig Autos ersetze, biete das auch Chancen. „Es gibt ein wachsendes Bewusstsein, dass die Wirtschaftsprozesse nicht gegen die Ökologie laufen sollen. Am Ende ist die größte Herausforderung eine Veränderung, die in unserer Kultur veranlagt ist: Die Priorisierung ökonomischer Dinge.“ Der Mensch habe sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr auf Materielles eingeschworen, aber „es gibt kein natürliches Bedürfnis, ein dickes Auto zu besitzen, das oft sogar noch teurere Sitze hat als die Matratze, auf der er hoffentlich acht Stunden täglich schläft.“ Das Bewusstsein für die Endlichkeit der Ressourcen steige jedoch, „auch vielleicht ein Bewusstsein für eine tiefergehende Veränderung unseres Lebensstils“, sagt er. „Denn mit unserem jetzigen Wachstumstempo und dem entsprechenden „ökologischen Fußabdruck“, den wir global hinterlassen, kommen wir schnell an unsere Grenzen.“ Viele der derzeitigen Konflikte auf der Welt haben nach Meinung von Yogeshwar in erster Linie einen Mangel an Ressourcen als Ursache. „Wir müssen den Irrsinn des Ressourcenverbrauchs zurückschrauben, am besten durch einen Bewusstseinswandel, denn das Glück besteht nicht darin, ein großes Auto vor der Tür geparkt zu haben.“