SALZBURG
GEORG ETSCHEIT (DPA)

Fast altmeisterlich: Seltene Tschaikowsky-Oper läuft skandalfrei in Salzburg

Der Skandal blieb aus: Regie-Altmeister Hans Neuenfels hat mit seiner Deutung von Peter Tschaikowskys selten gespielter Oper „Pique Dame“ bei den Salzburger Festspielen einen von Buhs fast ungetrübten Publikumserfolg gelandet. Gefeiert wurden der lettische Stardirigent Mariss Jansons und das Sängerteam.

Manche Festspielbesucher mögen sich an das Jahr 2001 erinnert haben: Damals, in der letzten Saison des legendären und bis zuletzt umstrittenen Salzburger Festspielchefs Gerard Mortier, inszenierte Neuenfels die „Fledermaus“ von Johann Strauß. Es sollte Mortiers Rache an Salzburg werden, das den Neuerer bis zuletzt argwöhnisch beobachtet hatte. Neuenfels zerlegte das Stück, das den Österreichern heilig ist, ließ den Prinzen Orlofsky Kokain statt Champagner konsumieren und eine Sado-Maso-Orgie feiern. Neuenfels‘ Gattin Elisabeth Trissenaar spielte den Gerichtsdiener Frosch - im giftgrünen Froschkostüm. Eine Provokation sondersgleichen, das Publikum tobte.

Zahmer, aber nicht einfallsloser

17 Jahre später ist der einstige Regie-Berserker zahmer, aber gewiss nicht einfallsloser geworden. Seine wenigen Provokationen streut er wohldosiert über das Stück aus, in dem es um die Suche nach der ganz großen Erfüllung geht. Der junge, mittellose Offizier Hermann meint, sie in der Liebe zur Aristokratin Lisa gefunden zu haben, die er einem Kameraden, dem Fürsten Jelezki, ausspannt. Doch seine Spielleidenschaft ist stärker. Er stürzt nicht nur seinen Nebenbuhler ins Unglück, sondern auch seine Angebetete und deren Großmutter, die Gräfin, die ihm das Geheimnis der „drei Karten“ verraten soll. Am Ende erschießt er sich.

In dem fast schwarzen Einheitsraum von Bühnenbildner Christian Schmidt, der an einen Ballsaal oder ein Spielcasino der Belle Époque erinnert, erzählt Neuenfels das alles stringent und schnörkellos. Der Mann versteht sein Handwerk. Bei ihm stehen die Darsteller und Choristen nie auf der Bühne herum. Entweder lässt er sie ganz menschlich-natürlich agieren oder er stilisiert sie zu erregender Künstlichkeit. Zwei Szenen vor allem bleiben im Gedächtnis haften: Der Moment, als Lisa und ihr fürstlicher Verlobter an einer Tafel Platz nehmen und die Gouvernante drei Kinder und einen Säugling hereinbringt, bei deren Anblick Lisa beinahe in Panik gerät. Sie erkennt, dass sie im Goldenen Käfig sitzt.

Magischer Moment dank Mariss Jansons

Zum eigentlichen Mittel- und Höhepunkt des Abends gerät der Auftritt der legendären Altistin Hanna Schwarz als Gräfin im blendend weißen Krankenzimmer. Dort ergeht sich die alte Frau, die einst als Sängerin Erfolge feierte, in ihren wehmütigen Erinnerungen. Als Hermann sie bedrängt, um ihr das Geheimnis der Karten zu entreißen, stirbt sie. Dirigent Mariss Jansons lässt hier die Musik und die Zeit fast zum Stillstand kommen, ein magischer Moment.

Neuenfels wäre nicht Neuenfels, wenn es nicht auch ein paar kleine Schockeffekte gäbe: So lässt er die Zarin Katharina als schaurige Knochenfrau auftreten, die ihre Untertanen in religiöse Ekstase versetzt. Dann gibt es als Zuschauer eines beziehungsreichen Schäferspiels im Hause Jelezki - Theater auf dem Theater - noch ein paar Leute mit Eselsmasken, die an seine „Lohengrin“-Ratten bei den Bayreuther Festspielen erinnern. Ein Häuflein Ammen darf Neuenfels‘ Kostümbildner Reinhard von der Thannen mit riesigen Brüsten behängen. Das war es aber schon.

Mariss Jansons ist der vielleicht beste Kenner dieser zu Unrecht vernachlässigten Oper und leitet die Wiener Philharmoniker und den Staatsopernchor mit ebenso viel Verve wie Feingefühl. Tschaikowsky, der zusammen mit seinem Bruder Modest auch das Libretto geschrieben hat (nach einer Erzählung von Alexander Puschkin), erweist sich hier als virtuoser Eklektiker, der die unterschiedlichsten Stile und Genres zu einem packenden Musikdrama verknüpft: russische Volksweisen, orthodoxe Choräle, große Symphonik und Rokoko-Reminiszenzen, die an Mozart erinnern. Von den diversen Arien-Ohrwürmern ganz abgesehen.

Das Sängerteam agiert einheitlich auf hohem Niveau mit dem US-Tenor Brandon Jovanovich als Hermann und der russischen Sopranistin Evgenia Muraveva als Lisa. Und natürlich Hanna Schwarz. Einst machte sie als Fricka und Erda in Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ weltweit Furore. Am Sonntagabend zog sie das Publikum weniger mit ihrer Stimme als mit dem überragenden Charisma ihrer Persönlichkeit in den Bann.

An der Schmerzgrenze: Castorf inszeniert „Hunger“

Frank Castorfs Theateradaption zweier Romane von Knut Hamsun unter dem Titel „Hunger“ hatte das Publikum unterdessen am Samstagabend auf eine Geduldsprobe gestellt. Erst nach fast sechs Stunden Spieldauer erschien der Berliner Regisseur auf der Bühne auf der Perner-Insel in Hallein, der Off-Spielstätte der Festspiele, und nahm die Huldigungen seiner Fans entgegen. Viele Unzufriedene hatten schon während der Aufführung den Saal verlassen. Das bravourös spielende Schauspielerteam, allen voran die auch aus Film und Fernsehen bekannte Sophie Rois sowie Marc Hosemann, ein langjähriger Gefolgsmann Castorfs an der Berliner Volksbühne, wurde ebenfalls gefeiert.

Castorf verknüpfte in seiner bislang dritten Inszenierung bei den Salzburger Festspielen den Inhalt der stark autobiographischen Romane, in denen der norwegische Autor und Literatur-Nobelpreisträger seine eigene Erfahrung von Armut und Hunger literarisch verarbeitete, mit Kritik am aktuellen Zustand der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die zulässt, dass immer noch viele Menschen auf der Welt hungern, während eine Minderheit im Überfluss schwelgt.

Symbol dafür ist ihm vor allem der US-Konzern McDonalds, den Bühnenbildner Aleksandar Denic in Form einer Fastfood-Filiale auch in seinen hölzern-verschachtelten, drehbaren Bühnenturm eingebaut hat. Außerdem nahm Castorf den Autor selbst aufs Korn, der ein überzeugter Kollaborateur der Nazis und Verehrer Adolf Hitlers war.