LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Einblicke in Hölderlins Ästhetik

„Oft ist uns, als wäre die Welt alles, und wir nichts, oft aber auch, als wären wir alles und die Welt nichts.“ Hölderlin, Hyperion

Wir Menschenwesen sind endlich, eine unvollkommene Natur. Ganz im Gegenteil zu den göttlichen Wesen haben wir mit Schwerkraft zu kämpfen, mit ablaufender Lebensdauer, mit Trieben und Neigungen, die uns das Leben erschweren. Die Zweiteilung unserer Seele ist unser Schicksal. Bereits Platon weist im Phaidros darauf hin: Er zeichnet das Bild zweier Pferdegespänne. Das göttliche Gespann verfügt über vollkommene, starke Rösser, die den vernünftigen Lenker ohne Probleme bis in übersinnliche Ortschaften bringen, wo einzig und allein Harmonie und Friede herrscht. Vor dem Gespann des Menschen läuft jedoch jeweils ein gutes und ein weniger gutes Pferd. Das starke Pferd steht für den mutigen Seelenteil des Menschen, das schwächere für dessen sinnliche Beschränkungen, unter anderem Krankheit, Tod, Sehnsüchte. Dieses Gespann wird ständig zur Erde zurückgezogen, ihm ist es durch das schwache Pferd nicht möglich, einen Ort über der Sinnenwelt erreichen. Nur anhand der Vernunft, für die der Lenker als Symbol steht, ist es dem Menschen möglich, sich für eine kurze Dauer an Ideen zu erinnern, welche die Seele vor ihrer Zeit auf der Erde bereits einmal gesehen hat. Unser ewiges Streben wird zentral. Wir wollen der Vollkommenheit, der Einheit, dem Frieden und der Harmonie entsprechen, sind aber durch unsere Mängel dessen nicht mächtig. Da wir uns aber an Ideale erinnern können, im Besonderen, wenn wir etwas sehen, das in uns diese Erinnerungen wachruft, wissen wir zumindest, nach was wir streben müssen, um unsere Sehnsucht nach Harmonie befriedigen zu können.

Hölderlin, der von 1770 bis 1843 lebte, war von der Idee einer ursprünglichen Einheit fasziniert. Für ihn ist das Vollkommene das „Seyn Schlechthin“, in dem es weder Zwiespalt noch Sehnsucht gibt. Es ist das erste „Seyn“, in dem der Mensch und die Welt noch eine Einheit darstellten. Mit der Zeit verlor die Menschheit diese Einheit, durch unsere Schwäche verirrten wir uns, haben nun mit Widersprüchen und Verirrungen zu kämpfen, mit denen wir uns das Leben hier auf Erden erschweren. Auch heute noch ist diese Deutung Hölderlins von erheblicher Aktualität, Beispiele hierfür werde ich Ihnen kaum anführen müssen, es gibt deren zahlreiche.

Wir haben uns von dem „Ein und Allen“ losgerissen, und müssen nun auf einem steinigen Weg diesem wieder entgegenstreben, schreibt Hölderlin. Nur so können wir den ewigen Widerstreit mit uns und der Welt überwinden, den unendlichen Frieden wieder erfahren, der uns in unserer ursprünglichen Zeit noch gegeben war. Allerdings, so realistisch ist Hölderlin dann doch wieder, kann dieses Ziel mittlerweile gar nicht mehr erreicht werden. Weder durch unser Wissen, noch durch unser Handeln könnten wir zur absoluten Einheit, zum Verschmelzen unseres Seins mit der Natur gelangen.

Und doch haben wir eine Ahnung von dem ewigen Seyn, und zwar, weil wir es im Schönen erfahren. Hier kommt wieder deutlich die Anlehnung an Platon durch: Beschäftigen wir uns mit schönen Dingen, sei dies mit der Kunst oder der Schönheit in der Natur, werden wir an die ursprüngliche Einheit erinnert und können uns der Harmonie zwischen der Welt und unserem Selbst erneut annähern. Nur im ästhetischen Bereich kann das Streben danach demnach seine Erfüllung finden. In dem Sinne sieht Hölderlin den unendlichen Frieden als in der Schönheit gegenwärtig an.

Das Bild der Zerrissenheit, das Hölderin zeichnet, und auch selbst aufgrund einer Schizophrenie auf tragische Weise am eigenen Leib erfahren musste, passt einwandfrei auf das Geschehen des ach so entwickelten 21st Century. Krieg und Gier, körperlicher und geistiger Verfall zeichnen das Tagesgeschehen. So viele Menschen haben Schwierigkeiten damit, im Alltag zur Ruhe zu finden, sei dies im tatsächlichen Sinne, da ihnen Haus und Habe geraubt wurden, oder im digitalen Sinne, da weder Ruhe- noch Erholungsphasen vor Piepen und Blinken gefeit sind. Wir kommen vom Gedankenrasen nicht mehr los, entfernen uns stets von unserer eigentlichen Welt, vergessen gar unsere Natürlichkeit und leben im Digitalen. Aber, was wäre, wenn Hölderin mit der Auffassung des Schönen als Arznei für diese Unruhe Recht hatte? Ist es nicht in der Betrachtung von etwas, das wir schön finden, in der wir einen Moment aufatmen können? Unsere Blicke schulen, unsere Sinne schärfen und unsere Gedanken zähmen? Ist es nicht die wahre Schönheit, die weder dem wirtschaftlichen Nonplusultra noch politischen Machtansprüchen gerecht werden muss? Wenn es auch nur wenige Sekunden am Tag sind, in denen wir uns beim Betrachten von etwas Schönem von der Zwiespältigkeit der heutigen Welt abwenden und unserem Geist damit einen Moment der Ruhe gönnen können, ist dies doch bereits mehr als ein Wert an sich.