LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Das Nationalarchiv widmet „Luxemburg im deutschen Zollverein 1842-1918“ eine große Ausstellung - Am Donnerstag öffnet sie für das breite Publikum - Wir haben sie bereits besucht

Es ist ein wichtiges Kapitel der luxemburgischen Geschichte, aber auch ein noch weitgehend unerforschtes: Die Zugehörigkeit des Großherzogtums zum deutschen Zollverein. Knapp 75 Jahre lang verblieb die damals junge Nation - als einziges nicht-deutsches Land - in dieser Zollunion, die zweifelsohne entscheidend zum industriellen und wirtschaftlichen Aufschwung des Landes beigetragen hat, erleichterte sie doch vor allem den Export luxemburgischer Waren in die anderen Länder der Allianz sowie Investitionen von jenseits der Mosel vor allem in die aufstrebende Metallindustrie.

Unter dem Strich war der Zollverein, der nach der Kapitulation des Deutschen Reiches am Ende des Ersten Weltkriegs aufgelöst wurde, eine Erfolgsgeschichte für Luxemburg, die nicht ohne Einfluss auf spätere Handelspolitiken bliebt. Aber es war auch eine Zeit von Reibereien mit den preußisch Autoritäten in Berlin, welche die Zollunion steuerten.

Das Nationalarchiv widmet dem hochinteressanten und auch aktuellen Thema - es geht um Grenzen und Freihandelspakte über die auch heute wieder viel diskutiert wird -nun eine große Ausstellung, die morgen Abend offiziell eingeweiht wird. Rund zweieinhalb Jahre haben die Historiker Charles Barthel, Gilles Regener, Nicky Blazejewski, Philippe Nilles und Sanja Simic dafür recherchiert und ein Konzept entwickelt. Es besteht eine üppige Dokumentationslage im Nationalarchiv aber auch in den Archiven des Finanzministeriums - dort lagern die Dokumente der Zollverwaltung - des Außenministeriums, der Eisenbahngesellschaft, von Unternehmen und Institutionen, deren Vorläufer es damals schon gab wie ArcelorMittal, die BIL oder auch die Handelskammer und der Wirtschaftsverband FEDIL (die vier sind übrigens die Hauptsponsoren der Ausstellung).

Aufarbeitung komplexer Sachverhalte

Aber das Historikerteam, das auch im Ausland recherchieren musste, hat auch in mühsamer Kleinarbeit eine Reihe von Schriftstücken, Fotos und historischen Utensilien auftreiben können, die sich in Privatbesitz befinden. „Wir hatten noch nie so viele Leihgaben aus so unterschiedlichen Quellen“, freute sich Nationalarchiv-Direktorin Josée Kirps gestern morgen bei der Vorstellung der Ausstellung vor der Presse. Sie soll einen der „Schlüsselmomente in der luxemburgischen Geschichte“, wie Gilles Regener sagte, nicht nur einem breiteren Publikum zugänglich machen, sondern auch die weitere Forschung dazu anregen. In diesem Sinne findet am 19. und 20. April 2018 im „Musée Dräi Eechelen“ auch ein internationales Expertenkolloquium statt. Dass Luxemburg seine Zollvereinsgeschichte bislang noch nicht so gründlich erforscht hat, führen die Historiker einerseits auf die mühevolle Durchforstung der Akten zurück, die zu einem bedeutenden Teil in deutscher Kurrentschrift verfasst sind, aber auch auf die Unmöglichkeit, Zahlen, die Luxemburg betreffen, aus den Gesamtstatistiken des Zollvereins heraus zu lösen.

Die aufschlussreiche Ausstellung ist ab Donnerstag für die Öffentlichkeit zugänglich und das bis zum 25. Mai 2018 (MO-FR von 8.30 bis 17.30, SA von 8.30 bis 11.30). Gruppenführungen auf Nachfrage (relations.publiques@an.etat.lu).

Wir schlagen Ihnen nachfolgend schon mal einen kurzen Gang durch die zehn Kapitel der Ausstellung vor, die im 48seitigen Katalog noch viel detaillierter ausgeführt werden.

Kapitel 1 „Onofhängeg! An elo...?“

„Die überwältigende Mehrheit der Luxemburger wollte den Zollverein nicht“, sagt Charles Barthel, „hätte man ein Referendum dazu durchgeführt, wären wohl 90 Prozent der Wähler dagegen gewesen und das ist eine konservative Schätzung“. Doch die junge, kleine Nation mit ihrer fragilen Wirtschaft musste sich etwas einfallen lassen, um diese zu stärken. Während Luxemburg die Absatzmärkte fehlen, laufen die Handelsströme an ihm vorbei. Genau diese Problem behandelt der Bankier Antoine Pescatore bereits 1833 in Denkschriften. Mit der Unabhängigkeit 1839 wird die Suche nach Lösungen noch akuter. Eine Untersuchungskommission befragt rund 40 Unternehmer zu möglichen Zollallianzen mit Belgien, Frankreich oder dem Deutschen Bund.

Kapitel 2 „Ee fir allemol“

„Frankreich war sowieso der Erzfeind und Belgien hatte sich von den Niederlanden losgesagt“, führt Barthel die Auffassung des König-Großherzogs der Niederlanden Wilhelm I. aus. Am Ende war der Beitritt zum Zollverein eine politische Entscheidung des König-Großherzogs, der auch unter dem Druck der Großmächte stand, welche die „luxemburgische Frage“ endlich gelöst haben wollten. Bereits im Juli 1839, wenige Tage nach der Wiederherstellung seiner Amtsgewalt über das (durch den Londoner Vertrag zum dritten Mal verkleinerte) Großherzogtum, ließ er Verhandlungen mit Preußen aufnehmen. Und führte sogar bereits 1840 den deutschen Zolltarif in Luxemburg ein.

Kapitel 3 „Nolens volens“

Wilhelm II. versucht, Garantien für die Erhaltung des belgischen Vergünstigungsgesetzes zu erhalten, von dem auch Luxemburg profitiert. Doch der königlich-großherzogliche Unterhändler in Berlin hat den Zollvereinsvertrag bereits unterzeichnet, ehe die Änderungswünsche darin eingeflossen sind. Am Ende wird nur das Datum des Abkommens geändert, den sein Vater bereits ausgehandelt hatte, um vorzuspiegeln, dass er den Bemühungen Wilhelms II. zu verdanken sind.

Kapitel 4 „Vu Grenzen an Douanièren“

Es war eine sonderbare Zollverwaltung, die nach dem Eintritt in den Zollverein in Luxemburg entstand. „Die Verwaltung hatte einen preußisch Direktor, der von Berlin bestimmt wurde“, erklärt Charles Barthel. Darüber hinaus waren rund die Hälfte der Belegschaft Preußen - die den Eid auf die luxemburgische Verfassung und dem König-Großherzog Treue schwören mussten. Eine Situation, die nicht ohne Spannungen verlief.

Kapitel 5 „De Grenzbezierk“

Mehr als die Hälfte des Territoriums, das von der luxemburgischen Zolldirektion kontrolliert wurde, war „Grenzbezirk“. Dieser erstreckte sich rund zehn Kilometer landeinwärts ab dem Grenzen zu Frankreich und Belgien. Hier konnten die Zollbeamten jederzeit Waren kontrollieren. Aber sie nahmen auch andere Aufgaben wahr. Wie Charles Barthel unterstreicht, versuchten sie die Bevölkerung auch vor schädlichen Nahrungsmitteln zu bewahren und die Verbreitung von Tierseuchen einzudämmen.

Kapitel 6 „Halt! Douane“

Mit der Jagd auf Schmuggler hatten die Beamten alle Hände voll zu tun, denn einige Waren waren von anderswo billiger zu bekommen als aus den Zollvereins-Staaten. Zum Beispiel Tafelsalz, das im 19. Jahrhundert meistgeschmuggelte Konsumgut. In Belgien kostete eine Tüte davon 2,5 Franken, in Luxemburg dagegen 7,5 Franken. „Schmuggel war ein ziemlich weit verbreiteter Volkssport“, sagt Barthel.

Kapitel 7 „Gëllen Zäiten?“

Obwohl Mitglied im Zollverein, kam Luxemburg nicht allen Verpflichtungen nach - zum Beispiel behielt es den Franken als Währung - und verteidigte „mit allerlei Winkelzügen“, wie Barthel sagt, die Interessen verschiedener Wirtschaftsbereiche wie etwa der Landwirtschaft indem es hohe Zölle auf verschiedene deutsche Lebensmittel einführte. Während es etwa die Tabakindustrie subventionierte, hielt es andere Steuern niedrig. Das bewog zum Beispiel einige Hüttenherren, Werke in Luxemburg statt in Lothringen zu bauen.

Kapitel 8 „Mat haarde Bandagen“

„Damals entdeckte das Großherzogtum die Nischenpolitik“, meint Charles Barthel. Wie mit „harten Bandagen“ gegen die Konkurrenz innerhalb des Zollvereins gekämpft wurde, zeigt die so genannte „Verhüttungsklausel“, durch die ein Großteil der Eisenerzvorkommen quasi „verstaatlicht“ wurde und günstig in Luxemburg ansässigen Gesellschaften überlassen wurden. Ein anderes Beispiel ist die „Fabrik“ des Champagnerherstellers Mercier (aus Epernay) im „Weidendall“ bei Kopstal. Der lieferte den Schaumwein in großen Fässern dorthin, ließ ihn in Flaschen einfüllen, verpacken und mit luxemburgischen Etikett verkaufen. Hätte er das von Frankreich aus gemacht, wären die Zölle viel höher gewesen.

Kapitel 9 „Geld ewéi Hee“

Die Einnahmen aus den Zöllen werden im Zollverein proportional zur Einwohnerzahl verteilt. Das bescherte dem luxemburgischen Staat hohe Einkommenssprünge. An der Wende zum 20. Jahrhundert machten die Einnahmen aus dem Zollverein etwa ein Viertel der Gesamteinnahmen aus. „Viel davon wurde auch verpulvert“, erklärt Charles Barthel. Zum Beispiel in unrentable Bahnlinien. Diese „Sünden“ sollten den Staat zwischen den Weltkriegen enorm belasten.

Kapitel 10 „E battert Enn“

Mit dem Ende des Deutschen Reiches fiel auch der Zollverein. „Eine eigentlich bequeme Situation für Luxemburg drehte sich ins Gegenteil um“, erklärt Charles Barthel. Die Regierung unter Emile Reuter beeilte sich, aus dem Abkommen auszusteigen. Luxemburg, das auch Rohstoffe und Waren für die deutsche Kriegsindustrie geliefert hatte, fiel „in eine existenzielle Krise“. Wirtschaftlich aber auch politisch. Es dauert nicht lange, bis eine belgisch-luxemburgische Wirtschaftsunion steht. Dabei hatten sich im November 1919 70 Prozent der Teilnehmer an einem Referendum für eine Zollunion mit Frankreich ausgesprochen...