LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

160 Persönlichkeiten interviewt: Kinder von „Brillschoul“ schreiben Buch über Meinungsfreiheit

Mit neun oder zehn Jahren schon ein Interview mit einem Promi oder einem Politiker geführt und das Ganze daheim im Bücherschrank stehen zu haben: 31 Kinder des „Cycle 3“ der „Brillschoul“ in Esch/Alzette können das mit Stolz von sich behaupten.

In einer Gemeinschaftsleistung haben sie mit ihren Lehrerinnen Delia Pifarotti und Viviane Goffinet das Buch „Meenungsfräheet - wat ass dat?“ geplant und geschrieben. Am Ende geben in dem Interviewband 160 Persönlichkeiten, darunter echte Weltstars und ranghohe Politiker, einen Einblick in ihr Verständnis von freier Meinungsäußerung und diskussionsbedürftigen Themen. „Unser Ziel war es, den Kindern Lust auf eigenes Erforschen zu machen“, erklärt Pifarotti.

Antworten aus aller Welt

Erste Erfahrungen sammelte das Schüler- und Lehrerteam mit einem Projekt, für das 40 Persönlichkeiten zum Thema interviewt wurden. Mit dem Ergebnis gehörte die Klasse zu den insgesamt sechs Preisträgern des „Concours jeune journaliste 2016“, welcher unter dem Thema „La liberté d’expression, ça s’apprend“ stand. Doch danach ging es mit den nächsten Interviews direkt weiter. „Viele berühmte Leute hatten sich Zeit genommen, den Kindern zu antworten. Davon waren wir überrascht und haben daher weitergemacht.“ Delia Pifarotti stellte fest, dass das Thema doch nicht zu schwierig für die Kinder des dritten Zyklusses war. Die insgesamt 31 Schüler hatten Freude an dem Projekt. Nachdem sie sich erst einmal theoretisch mit dem Thema beschäftigt und Zeitungsartikel gelesen hatten, ging es an den praktischen Teil. Es ging darum, ihre Fragen zum Thema Meinungsfreiheit vorzubereiten und zu stellen.

Am Ende kamen Antworten von insgesamt 160 Persönlichkeiten aus verschiedenen Sparten und aus aller Welt zusammen. Aus der luxemburgischen Politik gaben den Kindern unter anderem Premierminister Xavier Bettel, Kammerpräsident Mars Di Bartolomeo und Bildungsminister Claude Meisch Antwort. Aber auch die Kunstwelt beteiligte sich und ist in dem Buch durch Aussagen der Schriftsteller Nico und Guy Helminger sowie des Sängers Serge Tonnar repräsentiert. Aber auch Erbgroßherzog Guillaume und Gilberto Pregno, Präsident der luxemburgischen Menschenrechtskommission, haben sich beteiligt.

Um große Stars der internationalen Bühne ist das Buch ebenfalls nicht verlegen: Sängerin Anastacia, Billy Talent-Frontmann Ben Kowalewicz, die Redaktion von „Charlie Hebdo“, Musiker Zucchero und Starkomponist Hans Zimmer sind auch mit Beiträgen vertreten. Darüber hinaus haben auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, der chinesische Literaturnobelpreisträger Gao Xingjiang und die nigerianische Schriftstellerin Chika Unigwe bei dem Buch mitgemacht. Eine große Vielfalt an Meinungen aus den Bereichen Politik, Wissenschaft, Kunst, Musik, Kino und Religion. Für die unterschiedlichen Sichtweisen brauchte es viel Platz, insgesamt 356 Seiten.

Objektiver diskutieren

Die Informationsbeschaffung erfolgte auf drei Arten: Mit ihren Lehrerinnen besuchten die Schüler die Interviewpartner an deren Arbeitsort oder in deren Zuhause oder die Experten kamen zum Interview in die Klasse. War die geografische Distanz zu groß, wurden E-Mails geschrieben. „Die Kinder haben immer gefragt, ob ich neue Antworten im E-Mail-Postfach habe“, erinnert sich Pifarotti. 15 Monate Arbeit und sechs Monate des Wartens bis zur Veröffentlichung dauerte es, bis das Buch fertig war. Teil des Konzeptes waren auch ein Musical, ein Graffiti-Projekt und eine Ausstellung anlässlich der Buchvorstellung.

Und die Erfolge für die Kinder? Ein portugiesisches Kind, das erst seit Kurzem in Luxemburg lebt, rappt einen Songtext des deutschen Liedermachers Konstantin Wecker fehlerfrei auf Deutsch runter, aber auch die anderen haben an Selbstvertrauen gewonnen. „Sie werden wohl erst in einigen Jahren ganz verstehen, wen sie alles kennengelernt haben.“ Dass die Kinder inzwischen auch besser zwischen den Zeilen lesen können und mehr auf Hintergründe achten, dessen ist sich ihre Lehrerin ebenfalls sicher. „Sie wissen jetzt, dass Weltgeschichte zusammenhängt und sie können mit Erwachsenen darüber reden.“ Zudem wären die Schüler objektiver geworden und könnten auch aus dem Stehgreif wichtige und interessierte Fragen stellen. Das hat Pifarotti bei einem Besuch in der Chamber erlebt, als ihre Schüler von sich aus dem Kammerpräsidenten Mars Di Bartolomeo Fragen zu seinem Beruf und seinem Werdegang gestellt haben.

Das Buch kostet 29 Euro. Weitere Informationen unter www.libexlux.blogspot.com